• Experte empfiehlt: Vorräte anschaffen ist nicht unbedingt falsch

Experte empfiehlt : Vorräte anschaffen ist nicht unbedingt falsch

Potsdamer Sicherheitsexperten erklären, warum Vorräte anschaffen nicht unbedingt falsch ist und was wir aus der Coronakrise lernen sollten.

Experten empfehlen, einen kleinen Vorrat im Haus anzulegen.
Experten empfehlen, einen kleinen Vorrat im Haus anzulegen.Foto: Oliver Berg/dpa

Potsdam - Vor dem Hintergrund der Hamsterkäufe im Zuge der Coronakrise hat sich der Leiter des Brandenburgischen Instituts für Gesellschaft und Sicherheit (Bigs) in Potsdam, Tim Stuchtey, zu Wort gemeldet. Man sollte aus der akuten Krise lernen, dass es richtig sei, immer einen Vorrat für Notzeiten im Haus zu haben. In der gegenwärtigen Krise müssten zwar keine Hamsterkäufe getätigt werden, da der Nachschub an Versorgungsmitteln gesichert sei. Allerdings sollten sich die Bürger vor dem Hintergrund des aktuellen Geschehens grundsätzlich mit dem Thema auseinandersetzen. „Es geht um einen langfristigen Lerneffekt bei den Haushalten“, so Stuchtey gegenüber den PNN.  

In einem schriftlichen Statement betont Stuchtey zusammen mit der Volkswirtin und Digitalisierungsexpertin Doreen Burdack vom Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie e.V. (ATB), dass es wichtig sei, auch für Angriffe auf IT- oder Stromnetze sowie andere Katastrophen gewappnet zu sein. „Bislang haben die anlassunabhängigen Empfehlungen von Behörden scheinbar nicht viele zu einer soliden Vorratshaltung bewegt“, heißt es in dem Papier. Stattdessen hätten Bürger diese Empfehlungen wohl eher als Panikmache empfunden. Dass die Haushalte nun durch die aktuelle Krise sensibilisiert sind, hält Stuchtey für eine Chance.  

Lieferketten nie störungsfrei

Einen Vorrat anzulegen sei grundsätzlich richtig und wichtig: „Dies ist gerade in Zeiten einer zunehmenden Digitalisierung unserer Wirtschaft empfehlenswert“, schreiben die Forscher. Denn Produktionssysteme und Lieferketten seien nie störungsfrei. „Egal ob biologischer oder digitaler Virus, Stromausfall, Überschwemmungen, Schneelawinen oder technische und natürliche Störungen, eine Zeitlang ohne externe Hilfe auszukommen, halten Experten und Behörden für wichtig“, so die beiden Potsdamer Experten. Und dafür sei ein ausreichender Vorrat mit den wichtigsten Dingen des täglichen Lebens aus Lebensmitteln, Getränken, Medikamenten und Hygieneartikeln eben notwendig. 

Auch in der aktuellen Coronakrise könne ein Vorrat sinnvoll sein, denn häufiges Einkaufen könnte das Infektionsrisiko erhöhen, so Stuchtey. Mittlerweile hätten viele Menschen zumindest einen kleinen Vorrat für die aktuelle Lage angelegt, auch mit Blick auf eine mögliche Quarantänezeit, die überbrückt werden müsse. Wichtig sei es dann, nach der gegenwärtigen Krise im Rückblick die Haltung zur Bevorratung noch einmal zu überdenken, so Stuchtey.  

Tim Stuchtey.
Tim Stuchtey.Foto: Bigs

Bundesamt empfiehlt Vorrat für zehn Tage

Haushalte müssten letztlich aus Fehlern lernen: „Rückblickend wird man erkennen, dass es leichter gewesen wäre, ein paar Sachen vorher zurückgelegt zu haben.“ Einmal im Jahr sollte man die entsprechende Liste des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe BBK – vor allem für Stromausfall, Chemieunfälle und ähnliches – überprüfen. Das BBK empfiehlt einen zehntägigen Vorrat an Lebensmitteln und Getränken. Szenarien von Versorgungsengpässen würden verdeutlichen, dass ein solcher privater Notvorrat zur Überbrückung der Versorgungslücke bis zur Beseitigung eines etwaigen Störfalls durchaus wichtig sei.  

Ein weiterer Aspekt ist die Landwirtschaft. In Zeiten der Digitalisierung von Wertschöpfungsketten werde auch sie immer stärker automatisiert. „Damit steigt auch die Abhängigkeit der Lebensmittelversorgung von einer kontinuierlichen Stromversorgung und einem stabilen Datennetz“, erklärt Doreen Burdack. Das führe auch zu neuen Risiken, mit denen sich die Wissenschaftler unter anderem am Bigs und ATB aktuell befassen. 

Menschen im ländlichen Raum sind besser vorbereitet

Eine Erkenntnis der Forscher ist zudem, dass Menschen in Ballungsräumen und Großstädten tendenziell schlechter auf Krisenfälle vorbereitet und damit verwundbarer sind, als Menschen in ländlichen Räumen. Die ländlichere Bevölkerung würde aufgrund längerer Wege zu den Geschäften so haushalten, dass tägliches Einkaufen unnötig sei. Auch würden gerade ältere Menschen auf dem Land Lebensmittel selbst konservieren. „In Städten, wo der Wohnraum teurer ist und ein Garten äußerst selten, hat man weniger Platz für die Vorratshaltung. Warum auch, wenn der Supermarkt um die Ecke liegt“, geben die beiden Forscher zu bedenken. 

In anderen Ländern hingegen seien Menschen häufiger auf das Überbrücken von Notlagen vorbereitet. Die Deutschen hätten sich daran gewöhnt, dass die Versorgung mit Strom, Gas, Wasser und Lebensmitteln in der Regel zuverlässig funktioniere. „In der Folge sorgen nur noch wenige Menschen für solche Szenarien vor.“ Daher sollten wir nach der akuten Krise nicht in die alten Handlungsmuster zurückfallen – „nur um dann bei der nächsten Krise wieder panisch Klopapier und Desinfektionsspray zu horten“. Stattdessen gelte es, die Vorräte regelmäßig zu erneuern und sich an dynamische Gegebenheiten anzupassen.  

Maß- und rücksichtsvoll Einkaufen

Sicherheitsexperte Tim Stuchtey selbst hält sich nach eigenen Worten weitgehend an die Checkliste des BBK. „Mein Nahrungsmittelvorrat ist aber wenig schmackhaft und daher noch nicht angebrochen“, sagte er den PNN. Da es weiter zuverlässig Strom gebe, würden Teile der Liste in der jetzigen Lage aber nicht benötigt. Ansonsten versuche er mit seiner Familie so zu haushalten, dass sie für den Fall, dass bei ihnen die Krankheit ausbricht, einige Tage ohne Hilfe auskommen. „Danach setze ich auf die Hilfe durch Freunde und gehe davon aus, die Hartkekse des Notvorrats nicht anbrechen zu müssen.“ 

Stuchteys Forscher-Kollegin Doreen Burdack hat von den haltbaren Lebensmitteln, die sie für die Familie regelmäßig benötige, immer etwas mehr im Haushalt. Nach dem Einkauf fülle sie den Schrank von hinten wieder auf, damit nichts weggeworfen werden muss. Auch Klopapier, Taschentücher und sonstige vom BKK empfohlene Utensilien wie etwa Batterien habe man mit kleinen Kindern sowieso ausreichend im Haushalt. Wenn man allerdings seit Wochen kein Toilettenpapier nachkaufen kann, neige sich der Vorrat doch langsam dem Ende zu. „Deshalb ist maß- und rücksichtsvolles Einkaufen jetzt umso wichtiger“, betont Burdack. 

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