Potsdam : Erbkrankheit Osten

André Kubiczek las am Montag erstmals aus seinem Roman „Komm in den totgesagten Park und schau“

Der Schriftsteller.
Der Schriftsteller.

Kuschelig war es am Montag in der Buchhandlung von Carsten Wist, man saß dicht gedrängt, Knie an Knie, kein Platz war leer. Das Thema freilich war es nicht, und auch André Kubiczek selbst war offensichtlich nicht zum Kuscheln gekommen. Eingeladen war er, um hier aus seinem neuen Roman „Komm in den totgesagten Park und schau“ zu lesen – und das im Übrigen, Hut ab, bevor der Roman in Berlin vorgestellt wird (am 1. März). Lesen wollte Kubiczek, aber dem Moderatorendoppel Carsten Wist undFelix Palent den „Morbus Ostdeutschland“, diese ominöse Krankheit, deren Symptom es ist, dass extremistische Parteien im Ostteil des Landes so erfolgreich sind, erklären – das wollte er nicht. Da blieb er einsilbig.

Dabei ist besagter „Morbus Ostdeutschland“ (ein kubiczeksche Wortschöpfung) das Thema des Romans. Erzählt wird von verschiedenen Formen der Radikalisierung. Aus drei Perspektiven, von drei Männern: Felix, Marek und Veit. Felix ist der Sohn von Marek, Veit Mareks Kollege – und alle drei sitzen zu Romanbeginn gemeinsam in einem versifften Haus in der verschneiten Pampa fest, irgendwo in der Böhmischen Schweiz. „Wie konnte es dazu kommen?“ Das ist die Frage, wird Kubiczek später sagen, die der Roman versucht zu beantworten.

Diese Ausgangssituation wird zu Beginn der Lesung im Buchladen Wist auf der Terrasse anschaulich nachgestellt, eine Mini-Performance: Ein Flachmann macht die Runde, Feuer gibt es auch, in der Mitte sogar ein Bäumchen aus Pappe mit der Aufschrift „Baum“. Dann nehmen die drei drinnen Platz, auf einer Bank mit der Aufschrift „Festwiese“. Ja, nach einem Erfolg wie den Fast-Buchpreis-Gewinner „Skizze eines Sommers“ (erschienen 2016) schreibt sich der Folgeroman leichter, beantwortet Kubiczek noch pflichtschuldig eine Eingangsfrage, und dann darf der Autor endlich tun, wozu er gebeten ist und lesen. Kubiczek liest lakonisch, trocken, uneitel.

Zunächst kommt der jugendliche Felix zu Wort, er lebt in Bonn und fährt mit Nina, in die er verliebt ist, und Sascha, auf den er eifersüchtig ist, auf eine Demo nach Köln. Wogegen, spielt lange keine Rolle, dann marschieren „adrette Mädels und Buben“ vorbei, mit Zöpfen und akkuraten Scheiteln, gefolgt von „Hackfressen“ (Felix), „fettgewordene Nazi-Skins“, „massige Frauen an der Hand, die Haare speckig ins Gesicht hängend wie lange nicht gewaschene Gardinen.“ Felix empfindet nur Mitleid mit ihm, diesem „Subproletariat“, und muss sich später anhören, er sei selber Nazi. Um zu zeigen, dass das nicht stimmt, wird er später das Auto eines Rechten in die Luft sprengen.

Eine Art grimmige Freude am Beschreiben von Klischees wird auch bei Marek deutlich, Felix’ Vater – der allerdings Felix und dessen Mutter vor langer Zeit verlassen hat. Marek ist Literaturwissenschaftler (Dissertationsthema: DDR-Lyrik), ohne festen Job allerdings, ein ziemlich armer Schlucker, der mit seiner neuen Frau, einer Brasilianerin, und deren Tochter zusammenlebt und offenbar ein ziemliches Alkoholproblem hat. In der Szene, die Kubiczek liest, sieht sich Marek schwer verkatert, in einer von Flecken (Bratwurst und Erbrochenes) übersähten Jogginghose einer Frau vom Jugendamt gegenüber, die mal nachfragen wollte, warum die zehnjährige Stieftochter schon wieder nicht in der Schule ist.

Am deutlichsten zeigt sich der „Morbus Ostdeutschland“ in der Figur des Veit, dem wir ebenfalls angetrunken begegnen, in nächtlicher Aktion am Computer. Veit: 40jährig, alleinstehend, die Eltern „eine Bedarfsgemeinschaft zweier Psychowracks“ im heimatlichen Cottbus. Bei Tage hat er einen ordentlichen Job bei einer Stiftung. Nachts fröhnt er seiner „Missionierungssucht“ und betreibt unter falschem Namen Hetze auf Facebook und Twitter gegen liberale Medien. Veit trägt sie tief in sich, die „Erbkrankheit Ostdeutschland“, wie Kubiczek sie am Montag nannte. Ob daraus tatsächlich sein „bester Roman“ geworden ist, wie Carsten Wist vermutet, wird sich bei der ausführlichen Lektüre zeigen. In jedem Fall aber ist es ein wütender Roman geworden. Einer, der sich unserer Gegenwart ohne Gnade stellt. Lena Schneider

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