Potsdam : Enthüllungen via Istanbul?

„PotsdamLeaks“ will Filz aufdecken – die Methoden sind fraglich bis dubios

H. Kramer S. Schicketanz
Schmiergeld: Eine Mitarbeiterin des Rathauses soll Wohnberechtigungsscheine nur gegen Bargeld erteilt haben.
Schmiergeld: Eine Mitarbeiterin des Rathauses soll Wohnberechtigungsscheine nur gegen Bargeld erteilt haben.Foto: dpa

Verfehlungen, Filz und Verflechtungen in der Landeshauptstadt aufdecken – das wollen die anonymen Macher einer neuen Potsdamer Internetplattform. Sie heißt „PotsdamLeaks“ und ist seit Mitte Dezember am Netz. Dabei wird das Vorbild für die Plattform gleich mehrfach zitiert: Es handelt sich um „WikiLeaks“, die weltbekannte und politisch massiv attackierte Enthüllungsplattform, auf der Dokumente anonym veröffentlicht werden, die durch Geheimhaltung als Verschlusssache, wegen ihrer Vertraulichkeit, wegen Zensur oder auf andere Weise in ihrer Zugänglichkeit beschränkt sind.

„PotsdamLeaks“ setzt offensichtlich darauf, dass seine Nutzer sich mit dem „WikiLeaks“-Gedanken identifizieren. Als Logo wählten die Macher der Seite ebenfalls eine Sanduhr, statt der symbolischen Erdkugel „tropft“ dort jedoch das Potsdamer Stadtlogo von oben nach unten. Gravierende Unterschiede zu „WikiLeaks“ fallen allerdings schnell auf: Während die Macher von „WikiLeaks“ bekannt sind, bleiben die der Potsdamer Seite anonym. Auch gibt es bei „WikiLeaks“ keine verbalen Bewertungen der für Enthüllungen eingestellten mehr als 20 000 Dokumente. Das ist auf „PotsdamLeaks“ anders: Dort stehen die Kommentierungen, großteils ohne belegbar zu sein, vor den abrufbaren vertraulichen Dokumenten.

Zugleich rufen die Macher von „PotsdamLeaks“ auf, dass Potsdamer ihnen anonym brisante Dokumente auf die Seite hochladen oder per E-Mail oder Post zusenden sollen. Als Postadresse für die vertraulichen Dokumente wird ein Büro in der Türkei angegeben – eine „Koc Ofis Hizmetleri Holding“ mit Sitz in Istanbul. Erstaunlich dabei: Dieser Firmenname wird auch von etlichen, völlig anderen Internetseiten-Betreibern in der Anschrift verwendet, etwa von der rechtsextremen Homepage „Freies Netz Erzgebirge“ oder auch von einem Dienstleister zur Hilfe bei Finanzproblemen.

Auch über die Anmelder der „PotsdamLeaks“-Seite lässt sich keine Spur zu den Betreibern finden. Laut Auskunft der zentralen Registrierungsstelle für alle Internet-Domains, der Denic EG, ist als Inhaber der Seite folgender Eintrag verzeichnet: Linh Wang, 3617 Tower One Lippo Centre, Hong Kong. Auch dieser Name findet sich wiederum auf anderen Internetseiten, etwa als Anwalt für die sich kritisch mit Esoterik auseinandersetzende Seite www.esowatch.com oder für mehrere Seiten der Antifa Neukölln. Bei „PotsdamLeaks“ heißt es, die Menschen, die bei Recherchen zur Domain auftauchten, hätten mit der Seite nichts zu tun: „Sie sind ausschließlich Mittler zur Anonymisierung dieses Angebotes.“

Im Potsdamer Rathaus wollte man sich am Donnerstag zunächst nicht weiter zu der Internetseite äußern, teilte eine Stadtsprecherin mit. Man beobachte die Aktivitäten, hieß es lediglich.

Eine erste versuchte Enthüllung von „PotsdamLeaks“ wurde am Donnerstag auf PNN-Anfrage von der städtischen Bauholding Pro Potsdam GmbH dementiert. Abrufbar auf „PotsdamLeaks“ ist eine Vorlage für eine Sitzung des Pro-Potsdam-Aufsichtsrats im Mai vergangenen Jahres. Dabei geht es um den Verkauf der Grundstücke im sogenannten „Nordbereich I“ der Speicherstadt, die die Pro Potsdam bekanntlich an das Unternehmen Groth Delevopment GmbH von Klaus Groth veräußert haben. „PotsdamLeaks“ weist in der Kommentierung daraufhin, dass die Matrix mit der Auswertung aller eingegangenen Gebote – sämtliche stammen von Groth – vom 18. April 2011 datiere. Dies stehe im Widerspruch zum Ende der Ausschreibung am 21. April 2011 – „PotsdamLeaks“ äußert den Verdacht, dass die Ausschreibung ein abgekartetes Spiel gewesen sein könnte.

Die Pro Potsdam wies diese Vorwürfe am Donnerstag zurück. Alle Vorlagen für Aufsichtsratssitzungen würden „zu einem Stichtag erstellt und tragen daher einheitliche Daten“, so die Sprecherin des Unternehmens. Die besagte Anlage, in der die Angebote ausgewertet wurden, trage „im Übrigen kein Datum“. Sie sei aber „bis zum 4. Mai und somit nach Beendigung der Ausschreibungsfrist“ aktualisiert worden. Dies sei „nachweislich aus unserem System ersichtlich“, so die Sprecherin.

Thematisiert werden auf „PotsdamLeaks“ außerdem die Privatisierungen von mehr als 1000 Wohnungen durch die damalige Gewoba im Jahr 2001, die als dubios und intransparent gelten, sowie die Stadtwerke-Affäre um dessen ehemaligen Geschäftsführer Peter Paffhausen. Zu beiden Themen bietet „PotsdamLeaks“ allerdings keine neuen Informationen. Zudem kündigen die Betreiber der Seite „Akten“ zu den Themen „Bertiniweg“, „Alte Fahrt“ und „Matthias Platzeck“ an. H. Kramer /S. Schicketanz

 

Mehr lesen? Hier die PNN gratis testen.