• Einkaufen in Potsdams Innenstadt: Im Lindenhof müssen bald mehrere Geschäfte schließen

Einkaufen in Potsdams Innenstadt : Im Lindenhof müssen bald mehrere Geschäfte schließen

Vor allem bei Touristen ist der Lindenhof ein beliebtes Ziel in der Potsdamer Innenstadt. Doch in seiner jetzigen Form wird es ihn nicht mehr lange geben. Mehrere Geschäfte ziehen aus.

Carsten Holm
Vor dem Aus. Die Einkaufspassage im Lindenhof wird so bald nicht mehr bestehen.
Vor dem Aus. Die Einkaufspassage im Lindenhof wird so bald nicht mehr bestehen.Foto: Manfred Thomas

Potsdam - Durch zwei massive, stets geöffnete Holztüren geht es von der Brandenburger Straße, nur ein paar Schritte vom Luisenplatz entfernt, hinein in eine der kleinsten Potsdamer Ladenpassagen in der Innenstadt. Babylonisches Stimmengewirr herrscht an diesem Nachmittag im gemütlich wirkenden Lindenhof, als sich ein paar Dutzend Holländer, US-Amerikaner, Deutsche und eine thailändische Familie zu den kleinen Läden vordrängeln. Die Stimmung ist trotz der Vielzahl von Besuchern gelassen und fröhlich. Kaum jemand nimmt die DIN-A4-großen Ausdrucke wahr, die gleich am Eingang an Schaufenstern angebracht sind. „Am 20. Januar ist Schluss“ steht da. Ein paar Meter weiter steht zwischen Pullovern, die unter Regenschirmen feilgeboten werden, auf mehreren Schildern: „Räumungsverkauf“.

Pläne sind nicht bekannt

Tatsächlich naht das Ende des Lindenhofs in seiner bisherigen Form. Dem Inhaber des Tee- und Gewürzkontors, des orientalischen Schmuck-, Wasserpfeifen- und Klimbim-Spezialisten „Cleopatra“ und der Boutique „New Fashion“ wurde im Mai 2018 gekündigt. Bis zum 20. Januar müssen die Geschäfte geräumt sein, dann stirbt ein kleines Stückchen der Potsdamer Innenstadt. Zuerst hatte die „Märkische Allgemeine“ berichtet. Die Besitzerin der Immobilie, die angeblich auf Mallorca lebt, ist ebenso wenig telefonisch zu erreichen wie die zuständige Hausverwaltungsgesellschaft in Berlin. „Hier weiß niemand, was die Eigentümerin vorhat“, sagt Nadia El-Sobhy, die mit ihrem Mann Abul-Hassan das „Cleopatra“ führt.

Nadia El-Sobhy und ihr Laden "Cleopatra" werden den Lindenhof verlassen.
Nadia El-Sobhy und ihr Laden "Cleopatra" werden den Lindenhof verlassen.Foto: Manfred Thomas

Es trifft nicht alle Geschäfte im Lindenhof. Der Juwelier Ronald Richter, der seit 13 Jahren in seinem Laden residiert, darf bleiben; er hat einen langfristigen Mietvertrag abgeschlossen. Auch Anita Muke muss ihre „Shopping-Truhe“ nicht bis zum 20. Januar verlassen – die Truhe gehört einem anderen Eigentümer.

Der Geruch von brennenden Räucherstäbchen kommt jedem entgegen, der die Tür zum „Cleopatra“ öffnet. Abul-Hassan El-Sobhys Gesicht verfinstert sich, als er erzählt, wie er sich fühlte, als er den Brief mit der Kündigung im vergangenen Mai öffnete: „Es war ein Schock“, sagt er. „Seit 23 Jahren sind wir in Potsdam, und plötzlich war unsere Existenz in Gefahr.“

Für den 74 Jahre alten Ägypter, Vater von acht Kindern, und seine Frau, die selbst zwei weitere Kinder in die Ehe mitgebracht hat, wird nun ein großer Teil ihrer Lebensgeschichte beendet. „Wir werden klarkommen“, sagt El-Sobhy. „Aber viel konnten wir wegen der sehr hohen Miete nicht zurücklegen.“ 1200 Euro kostet die Monatsmiete nach seinen Angaben für 39 Quadratmeter, obwohl nur 20 Quadratmeter im Erdgeschoss nutzbar sind. „Hätte ich unser Sortiment auch im oberen Raum ausgestellt, hätte ich dafür extra jemanden beschäftigen müssen, damit dort nichts geklaut wird“, erzählt er.

Es ärgere ihn jedoch, so El-Sobhy, dass ein Restaurantbesitzer in der Nähe, den er gut kenne, für 120 Quadratmeter nur 910 Euro Miete zahle. Und er versteht nicht, warum er kein neues Vertragsangebot erhalten hat. „Alles bleibt hier im Dunklen“, sagt er. „Manche reden von einem Hotel, das hier gebaut werden soll, andere von Wohnungen. Die machen ein militärisches Geheimnis daraus.“

Mit Dutzenden kleinen und größeren Schildern mit Texten wie „Unkraut zu verkaufen – wegen großer Nachfrage nur zum Selbstpflücken“, mit Postkarten und Magneten hatte er sein Auskommen. Er hat einen Plan. El-Sobhy, der in Berlin-Rudow wohnt, will kein eigenes Geschäft mehr eröffnen, aber seine Waren auf Märkten und Stadtfesten anbieten. Damit hat er etliche Jahre auch in Potsdam gute Umsätze gemacht: „Das lag so zwischen 300 und 600 Euro am Tag.“

Mike Ullrich muss mit seinem "Gewürz- und Teekontor" das Ladengeschäft verlassen.
Mike Ullrich muss mit seinem "Gewürz- und Teekontor" das Ladengeschäft verlassen.Foto: Manfred Thomas

Es war keine leichte Zeit für die Vietnamesin Tran Thi Kim Oanh, als sie 2015 ihre Boutique „New Fashion“ im Lindenhof eröffnete. Es galt durchzuhalten. Erst 2018 stiegen die Umsätze, „da hatte ich außer den Touristen auch Stammkunden.“ Sie lebt seit 26 Jahren in Potsdam – und weiß in diesen Tagen noch nicht, wie es weitergehen soll. Sie denkt darüber nach, ein Nagelstudio zu eröffnen und nimmt im Internet an einem kostenlosen Kursus dafür teil. Aber sie leidet unter Allergien und befürchtet, dass diese sie dazu zwingen könnten, eine andere Arbeit zu suchen.

Umzug nach Bremen

Ziemlich genervt von der Stadt, aber keineswegs niedergeschlagen ist Mike Ullrich. Mit seiner Familie hat er das Tee- und Gewürzkontor im Lindenhof von seinen Eltern übernommen. Er verkauft 160 Sorten losen Tee, 50 Sorten Honig, Fruchtweinen und Nudeln. „Gott sei Dank ist hier bald Schluss“, sagt Ullrich. „Die Stadt besteht ja nur noch aus Verboten.“ Für die Kunden gebe es „so gut wie keine Parkplätze, die müssen bei Restaurantbesuchen und Einkäufen immer gleich den Preis für den Strafzettel der Leute vom Ordnungsamt draufschlagen“. Dies sei eine Benachteiligung der Händler, zumal im Stern-Center kostenlose Parkplätze zur Verfügung stünden. „Die lachen sich dort doch tot über uns“, glaubt Ullrich. Er zieht im neuen Jahr nach Bremen um, will seinen Teehandel im Internet voranbringen und ein Franchise-Unternehmen für mobile Wurststände gründen.

Anita Mukes kann mit ihrem Geschäft "Shopping-Truhe" bleiben.
Anita Mukes kann mit ihrem Geschäft "Shopping-Truhe" bleiben.Foto: Manfred Thomas

Obwohl die „Shopping-Truhe“ nicht schließen muss, macht sich Inhaberin Anita Muke Sorgen. Sie fürchtet, dass die Touristen, die zu ihr kommen, um nautische Artikel wie Sextanten und Kompasse, Lampen und Textilien zu kaufen, ausbleiben, wenn ihr Geschäft nicht mehr von der Brandenburger Straße durch die Lindenhof-Passage, sondern nur noch von der Lindenstraße her erreichbar wäre. „Die suchen uns ja nicht“, sagt sie. „Was uns erwartet, ist gruselig.“

Abul-Hassan El-Sobhy vom „Cleopatra“ versucht trotz allem, seinen Frieden mit seiner Zeit in Potsdam zu finden: „Irgendwann im neuen Jahr werde ich mit meiner Frau hierher fahren um zu sehen, was mit dem Lindenhof geschieht.“

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