Potsdam : Eine Frage der Umstände

Die Zahl der Hochzeits-Jubiläen in Potsdam ist deutlich gestiegen: Gestern feierten die Kauns ihr 65.

Kennengelernt haben sich die beiden einst bei der Arbeit in der Molkerei in der Leninallee – der heutigen Zepellinstraße: Die graublauen Augen seiner späteren Frau hätten es ihm gleich angetan, erzählt Gerhard Kaun. Am 5. Juni 1948 gaben sich Ursula und Gerhard Kaun schließlich das Ja-Wort – das Eiserne Ehejubiläum der beiden Potsdamer fiel auf den gestrigen Mittwoch. Glückwünsche und Blumen konnte das längst pensionierte Molker-Paar dafür auch aus dem Rathaus entgegennehmen.

Auffallend oft sind die Verwaltungsmitarbeiter in diesen Tagen auf Ehejubiläen wie dem der Kauns unterwegs. Und tatsächlich ist die Zahl der Hochzeits-Jubilare in Potsdam merklich gestiegen, wie Stadtsprecher Jan Brunzlow den PNN auf Anfrage bestätigte. Gab es 2010 noch lediglich fünf „Eiserne Hochzeiten“ in Potsdam, werden es in diesem Jahr voraussichtlich 14 sein, im kommenden – wenn alles gut geht – sogar 21. Bei den 60. Ehejubiläen sieht die Tendenz ähnlich aus: Feierten 2010 noch 19 Potsdamer Paare die „Diamantene Hochzeit“, waren es 2011 schon 30. In diesem und im kommenden Jahr rechnet die Stadt sogar mit jeweils 47 Diamant-Paaren.

Was es mit der Hochzeits-Konjunktur in den Nachkriegsjahren auf sich haben könnte, weiß Christopher Neumaier, der am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) den Fachbereich „Wirtschaftliche und soziale Umbrüche im 20. Jahrhundert“ leitet. Die Häufigkeit der Eheschließungen hängt von mehreren Faktoren ab, erklärt der Zeithistoriker: Entscheidend sind dabei zum Beispiel die rechtlichen Regelungen, etwa zum Heiratsalter. Während die DDR das Ehealter einheitlich auf 18 Jahre festlegte, durften Männer in der BRD noch bis 1974 frühestens mit 21 heiraten. Ein niedriges Heiratsalter führe tendenziell zu mehr Hochzeiten, so Neumaier.

Auch die wirtschaftlichen Verhältnisse spielten eine Rolle: Je stabiler die wirtschaftliche Lage, desto eher werde der Bund der Ehe geschlossen – ein Hinweis darauf, warum in den Jahren nach dem Krieg mehr Eheschließungen gab. Als weitere Faktoren für die Heiratsfreudigkeit zählt Neumaier die Altersstruktur in der Bevölkerung, individuelle Heiratswünsche und das gesellschaftliche Umfeld auf: So war in der DDR der 1950er-Jahre eine Schwangerschaft noch häufiger Heiratsgrund – 85 Prozent der im ersten Ehejahr geborenen Kinder seien damals vor der Eheschließung entstanden.

Die Zahl der geschlossenen Ehen in der DDR sei nach 1950 wieder gesunken, das Heiratsalter gleichzeitig gestiegen: Kamen 1950 auf 1000 Einwohner noch 11,7 Eheschließungen, waren es 1960 nur noch 9,7 vier Jahre später nur noch acht. Hier könnte sich der Weltkrieg bemerkbar machen, vermutet Neumaier: In den 1960er-Jahren war die Kriegskindergeneration im Heiratsalter. jaha

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