• Einblicke in die Drogenszene: Die Kiffer von Potsdam

Einblicke in die Drogenszene : Die Kiffer von Potsdam

Ein Prozess wegen schweren Raubs offenbart Einblicke in die Drogenszene der Landeshauptstadt. Dealer arbeiten mit Wucherzinsen, Konsumenten verschulden sich und geraten in Schwierigkeiten.

Die genaue Zahl der Potsdamer Drogenkonsumenten ist unklar (Symbolbild).
Die genaue Zahl der Potsdamer Drogenkonsumenten ist unklar (Symbolbild).Foto: alco81 Fotolia

Potsdam - Auf den ersten Blick geht es vor der 2. Großen Strafkammer des Potsdamer Landgerichts um gemeinschaftlichen schweren Raub, eine Straftat, die mit einer mehrjährigen Freiheitsstrafe bewehrt ist. Sie droht drei Potsdamern, die am 1. August vergangenen Jahres in eine Wohnung in Golm eingedrungen sind (PNN berichteten). Sie sollen mit etlichen Faustschlägen und einem Elektroschocker versucht haben, 30.000 Euro angebliche Schulden einzutreiben. 

Der Haupttäter, der 36-jährige Kraftfahrzeugmeister Stefan P., hat die wesentlichen Tatvorwürfe während des ersten Verhandlungstages gestanden, am Mittwoch wird der Prozess um 9 Uhr fortgesetzt.

Auf den zweiten Blick geht es dabei um den Drogenkonsum in der Landeshauptstadt: Im Gerichtssaal nimmt sowohl auf der Anklagebank wie auch im Zeugenstand eine Gemeinde von Kiffern und Dealern Platz.

Ein Sittenbild des jüngeren Potsdams

Gern wickeln Drogendealer- und Konsumenten ihre Geschäfte in Potsdam im Verborgenen ab: auf der Freundschaftsinsel, in den Ecken des Hauptbahnhofs und in Privatwohnungen. Über die Preise wie über die Häufigkeit des Konsums sprechen sie kaum – außer, wenn sie vor Gericht darüber aussagen müssen.

Bei ihrem öffentlichen Auftritt im Landgericht tritt ein Sittenbild des jüngeren Potsdam zu Tage. Der Hauptangeklagte und sein mutmaßliches Opfer haben, so sagen es mehrere Zeugen, eine Geschäftsbeziehung im Drogenhandel. Und brav räumen dann auch seine Mittäter und alle Zeugen mit Ausnahme der ermittelnden Polizeibeamten eine Drogenkarriere ein. 

Das Tatgeschehen wurde am ersten Verhandlungstag weitgehend rekonstruiert. Stefan P., der als Kraftfahrzeugmeister bis zu seiner Inhaftierung einen Ein-Mann-Betrieb führte und noch in Neuruppin in Untersuchungshaft sitzt, drang am 1. August vergangenen Jahres, einem Donnerstag, gegen 23.10 Uhr in die Wohnung des Stefan U. ein. Mit dabei: seine 29 Jahre alte Freundin Gina F., eine Gastronomiemitarbeiterin, und ein Bekannter, der 28-jährige Kraftfahrer Steven L. 

Drohung mit dem Elektroschocker

In der Wohnung hatten sich vier junge Potsdamer Männer, unter ihnen der 17-jährige Hugo R., wieder einmal zu „einem entspannten Abend“ verabredet, wie der junge Mieter U. vor Gericht erzählte: mit vorgedrehten Joints und einer Flasche Wodka. 

Dann stürmten Stefan P. und seine Begleiter die Einzimmerwohnung mit einem geradezu martialischen Auftritt. Schwarz gekleidet und maskiert bedrohten sie das Kiffer-Quartett. Mit Faustschlägen ins Gesicht und einem Elektroschocker, den Gina F. mitgebracht hatte, forderten sie von Hugo R. 30.000 Euro zurück. Die Maskierung war überflüssig: R. erkannte den Haupttäter sofort an dessen Stimme: Die Männer waren Nachbarn, sie verband Konsum und Verkauf und Kauf von Cannabis. 

Stefan P. behauptet, den hohen Betrag gespart und sich einen Teil von seinen Eltern geliehen zu haben, um damit seine Werkstatt zu modernisieren. Das Geld habe in einer Ledertasche in seiner Wohnung gelegen, bis R. es gestohlen habe. Dieser Aspekt wird von großer Bedeutung für das Urteil sein: Konnte Stefan P. davon ausgehen, dass ihm das geforderte Geld gehörte, könnte ein wichtiges Tatbestandsmerkmal des schweren Raubs entfallen. Die Täter könnten möglicherweise nur wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt werden. 

Am Tattag völlig vernebelt

Drogen spielten im Leben aller drei Angeklagter eine große Rolle. Stefan P. legte in einer von seinem Potsdamer Strafverteidiger Matthias Schöneburg verlesenen Einlassung den Konsum von Ecstasy, Kokain und Cannabis offen, der sei 2016, nach einem Streit mit seinen Eltern, „erheblich gestiegen“. Am Tattag sei er „völlig vernebelt“ gewesen, nun, in der Haft, habe er „drüber nachgedacht“ und die Drogen „jetzt aufgegeben“. 

Gina F., ist eine Frau mit abgebrochener Friseurlehre, gescheitertem Abitur auf einer Abendschule, abgebrochener Physiotherapie-Ausbildung und dennoch zielstrebig. Sie erwarb mehrere Fitness-Zertifikate und stieg zur Clubmanagerin auf, inzwischen arbeitet die intelligente, eloquente Frau in der Gastronomie. Sie sagt, „Gelegenheitskonsumentin“ von Kokain und Cannabis zu sein.

Steven L., der Dritte im mutmaßlichen Bund der Räuber, erzählte von regelmäßigem Konsum von Cannabis, Amphetaminen und Alkohol. Der Kraftfahrer, der ebenso wie Gina L. nach der Tat in Untersuchungshaft kam, will „da drinnen gemerkt“ haben, „dass ich klarer im Kopf bin und fitter“. Das Leben ohne Drogen habe ihn „verändert“.

Die tatsächliche Zahl der Kiffer und Dealer lässt sich in der Kriminalstatistik nicht ablesen

Mit ihrer Neigung zu Drogen stehen die Täter nicht allein. Allerdings: Einen exakten Überblick über die Zahl von Drogenkonsumenten in Potsdam hat nicht einmal die Polizei. Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) weist zwar für 2017 für das Gebiet der Landeshauptstadt 816 und für 2018 sogar 1013 Fälle aus, sie umfasst aber sowohl den Handel als auch den Besitz oder den Erwerb von Betäubungsmitteln. Die Zahlen für 2019 wurden noch nicht veröffentlicht. 

Auf die tatsächliche Zahl von Kiffern und Dealern lässt sich aus der PKS kaum schließen. „Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz sind Kontrolldelikte“, sagt Juliane Mutschischk, Sprecherin der Polizeidirektion West, sie würden „überwiegend bei polizeilichen Kontrollen festgestellt“.

Es werden immer mal wieder Einzelfälle bekannt. Am 20. Juni vergangenen Jahres etwa fielen Beamten gleich mehrere „Drogis“ auf. Um 11.30 Uhr kontrollierten sie am Schlaatz eine Person, die Amphetamine und Cannabis bei sich hatte, um 17.30 und gegen 19 Uhr erschienen ihnen am Hauptbahnhof Passanten verdächtig. Beide führten Cannabis mit sich. Die Polizisten stellten es sicher und leiteten ein Strafverfahren ein. 

Alkohol und Cannabis sind "Nummer-1-Substanzen"

Auf der Freundschaftsinsel, dem Hot Spot der Dealer in der Landeshauptstadt, sind nicht selten Fahnder in Zivil unterwegs, sie war 2018 Kontrollschwerpunkt der Polizei. Im April 2019 beobachteten Ermittler, dass aus einer Gruppe heraus Drogen verkauft wurden. Sie nahmen einen 17 Jahre alten Jugendlichen fest, bei dem sie Cannabis sicherstellten.

„Alkohol und Cannabis sind in Potsdam die Substanzen Nummer Eins bei Jugendlichen“, weiß Katharina Tietz, Geschäftsführerin der vom städtischen Gesundheitsamt finanzierten Suchtpräventionsstelle „Chill out“. Das in Sachsen wohl auch wegen der Nähe zu Polen oft konsumierte Crystal Meth spiele in Potsdam „keine Rolle“. 

Der Umgang mit Cannabis ist für Konsumenten und die Justiz gleichermaßen schwierig. Schon 1994 hat das Bundesverfassungsgericht eine sogenannte Toleranz-Regelung verkündet: bei einer „geringen Menge“ kann danach von einer Strafverfolgung abgesehen werden. In Berlin sollen bis zu 15 Gramm Cannabis als akzeptabel gelten, in Brandenburg liegt die Grenze wie in den meisten anderen Bundesländern bei sechs Gramm. Das heißt: Cannabis wird bis zu dieser Menge konfisziert, die Ermittlungsverfahren aber werden in der Regel eingestellt – so beschlossen es auch die Justizminister der Bundesländer im Juni 2018.

Jeden Tag zugedröhnt

Doch auch durch die vergleichsweise leichte Droge können Menschen bei dauerhaftem Konsum in große Schwierigkeiten geraten. Hugo R. etwa stritt energisch ab, das Portemonnaie des Hauptangeklagten Stefan P. mit 30.000 Euro gestohlen zu haben. Er gab als Zeuge aber zu, bei ihm in der Kreide zu stehen: „Ja, ich habe ihm Geld geschuldet“ – wegen Drogendeals. 

Er habe sich eine zeitlang „jeden Tag mit Freunden zugedröhnt“, für ihn sei die Begegnung mit dem 18 Jahre älteren Mann, der im selben Haus wohnte, eine „Möglichkeit, an Drogen heranzukommen, weil ich großen Bedarf und wenig Geld hatte“. „Außerdem“, sagte Hugo R. kleinlaut, „hatte ich es mir mit einigen Händlern verscherzt“. So habe er „immer mal wieder“ Cannabis in kleinen Stückelungen von P. bekommen, in zwei bis drei Monaten seien es im vergangenen Jahr etwa 250 bis 300 Gramm gewesen. 

Kundige schätzen den Preis für ein Gramm Cannabis in Potsdam auf etwa zehn Euro. Hugo R. sagte, er habe Stefan P. „im Glauben gelassen, dass ich weiterverkaufe“, habe die Drogen aber selbst verbraucht. Die Schulden für Cannabis bei Stefan P. („Man kiffte gemeinsam“) hätten sich auf 800 bis 1000 Euro summiert. Er habe gehofft, den Betrag von seinem Arbeitslohn bei einem Pizza-Unternehmen abstottern zu können. Vergebens – ihm sei gekündigt worden.

Dem Schuldner lauert man auf

Zu den Schulden kamen die Zinsen. Es kann richtig teuer werden im Drogenhandel, denn Niedrigzins wird in der Szene nicht gewährt. Hugo R. erzählte frei heraus: Könne jemand nicht 200 Euro für 20 Gramm „verabredungsgemäß“ bezahlen, „kommt ein Fuffi drauf“, 50 Euro. Insgesamt seien seine Schulden auf diese Weise auf rund 1500 Euro angewachsen. 

Trifft die Aussage von Hugo R. zu, überrascht es nicht, dass die eigenartige Geschäftsbeziehung mit Stefan P. schwieriger wurde. Schließlich werden im Drogenmilieu Ansprüche nicht mit Mahnschreiben oder mit Zivilklagen durchgesetzt – man lauert dem Schuldner der Einfachheit halber vor dessen Arbeitgeber oder an der Haustür auf. 

Stefan P. soll, so R., ihn nach der Arbeit abgefangen haben und mit ihm in ein Waldstück nahe des Hauptbahnhofs gefahren sein. P. habe dann sein Handy nach verdächtigen Nachrichten durchsucht und ihm damit gedroht, „einen Finger abzuschneiden“. Dieselbe Drohung habe P. auch am Tattag ausgesprochen. 

Unter ständiger Beobachtung 

An einem anderen Tag sei Stefan P. mit einem Begleiter vor seiner Wohnung aufgetaucht und habe ihn gezwungen, sofort 500 Euro von seinem Konto abzuheben und in Stefan P.s Briefkasten zu werfen. Mehr habe sein Konto nicht hergegeben. „Ich habe extreme Angst vor ihm“, sagte Hugo R. im Zeugenstand. Er berichtete von Albträumen, und es wurde deutlich, dass er sich unter ständiger Beobachtung fühlte. „Er fragte: Was hast du denn in Babelsberg gemacht, und er wusste, dass ich in Stuttgart war“, sagte Hugo R.

Wer anderen glauben möchte, was sie sagen, wird allerdings von Zeugen wie Hugo R. arg auf die Probe gestellt. Zunächst trug er eine anrührende Begebenheit am Bahnhof Griebnitzsee vor. Dort sei er von seinem Freund Maximilian G. „abgezogen“ worden, der habe ihm 500 Euro einfach so abgenommen, seinen gerade ausbezahlten Arbeitslohn. Bald darauf stellte sich heraus, dass es ganz anders war. Hugo R., das räumte er in einer Korrektur seiner Falschaussage ein, hatte Maximilian G. Drogen verkauft. Er hatte ihn zwar „abgezogen“, aber anders: G. habe auf das Bündel von Geldscheinen, mit dem er für Drogen bezahlen wollte, einen echten Euro-Schein gelegt und darunter sogenanntes „Madagaskar-Geld“ drapiert. Es ähnelt Euro-Scheinen in Größe und Farbe, aber 1000 Ariarys, so der Name der Inselwährung, sind nur 25 Cent wert. 

Maximilian G. spielt in dem Drogen-Drama um die jungen Potsdamer wahrscheinlich eine unrühmliche Rolle. Er gehörte zu dem Kreis von vier Kiffer-Freunden, die am 1. August den „entspannten Abend“ mit Wodka und Cannabis begehen wollten.

Die anderen drei haben ihn seither verstoßen. Sie verdächtigen ihn, mit Stefan P. und dessen mutmaßlicher Gang „unter einer Decke“ gestanden zu haben, wie Mieter Stefan U. glaubt. Die Indizien gegen ihn wiegen schwer: Der schüchterne Jüngling hatte das Treffen initiiert und die Balkontür aufgelassen, durch die das Täter-Trio in die Wohnung kam. Außerdem war er der Einzige, der nicht mit einem Kabelbinder gefesselt und nicht geschlagen wurde.

Mehr lesen? Hier die PNN gratis testen.