Potsdam : Ein amerikanischer Traum

Ausgerechnet in Potsdam erfüllt sich Oscar-Preisträger Kevin Spacey seinen größten Wunsch. Er spielt Bobby Darin – die Rolle seines Lebens

Ausgerechnet in Potsdam erfüllt sich Oscar-Preisträger Kevin Spacey seinen größten Wunsch. Er spielt Bobby Darin – die Rolle seines Lebens Von Sabine Schicketanz Den ganzen Tag verbringt er am Strand von Malibu, in den Hügeln von Beverly Hills. Das klingt erholsam, ist es aber nicht. Denn der Traumstrand und Hollywoods Nobelviertel liegen nicht an der amerikanischen Ostküste, sondern in der Marlene-Dietrich-Halle in Babelsberg. Hier in der „Großen Süd“ erfüllt sich Kevin Spacey, zweifacher Oscar-Preisträger, seit wenigen Tagen seinen Traum vom Film. „Beyond the Sea“ heißt er und erzählt von einem jungen Mann, der den amerikanischen Traum gelebt hat. Bobby Darin, geboren in der New Yorker Bronx, war erst ein Nichts und dann ein Star. 163 Songs hat er geschrieben, 486 Schallplattenaufnahmen gemacht, in 13 Filmen mitgespielt – in nur 14 Jahren. Als Bobby Darin 1972 starb, war er 37 Jahre alt. Es glich einem Wunder, dass er überhaupt so lange lebte, überlebte. Nur mit einigem Glück, hatten die Ärzte seiner Mutter gesagt, würde er vielleicht 15 werden. Gelenkrheuma, das er als Kind bekam, hatte seinem Herz großen Schaden zugefügt. Kevin Spacey ist mit der Musik von Bobby Darin aufgewachsen. Seine Eltern spielten Platten mit Darins Pop-Hits wie „Splish Splash“ oder „Dreamlover“, mit seinen Swing-Klassikern wie „Mack the Knife“ oder eben „Beyond the Sea“ – der auch Titelsong des neuen Disney-Streifens „Findet Nemo“ ist, in diesem Fall intoniert von Robbie Williams. „Als Kind war Bobby für mich der Größte“, sagt Kevin Spacey. Was für ein dramatisches, intensives Leben der Star führte, erfuhr der Schauspieler erst als Erwachsener. „Fast niemand kann sich vorstellen, was dieser Mann ausgehalten hat“, sagt Spacey. Wer ihn auf der Bühne gesehen habe, hätte geglaubt, er müsse kerngesund sein. „Aber vor der Zugabe ging er ab, um sich Sauerstoff geben zu lassen.“ Bobby Darin, sagt Spacey, habe mit seiner Musik drei Jahrzehnte geprägt, er schrieb und spielte Pop genauso wie Rock“n“Roll, erfand sich ständig neu. „Seine Lebenszeit war nur geborgt.“ Der Hollywood-Schauspieler, der seinen bisher größten Erfolg mit der Gesellschaftssatire „American Beauty“ hatte, kennt jedes Detail aus dem Leben von Bobby Darin. Jahre hat er in die Vorbereitung der filmischen Biographie gesteckt. Jetzt spielt er nicht nur die Hauptrolle, sondern führt auch Regie, ist Produzent, hat das Drehbuch geschrieben und die Darin-Songs, die im Film gespielt werden, selbst aufgenommen. Die Familie der US-Legende habe ihn dabei unterstützt und ihm sehr vertraut. „Sie haben in die Archive geschaut und Bobby Darins originale Arrangements der Songs gefunden. Genauso wie er sie geschrieben hat, Note für Note, haben wir sie in London in den Abbey Road Studios eingespielt.“ Vier Jahre hat Spacey dafür seine Stimme trainiert. „Es darf keine Imitation sein, sonst wäre schnell die Luft raus.“ Er wolle erreichen, sagt Spacey, dass die Zuhörer sich fragen: Ist das Bobby – oder ist es Kevin? Aber warum hat sich Kevin Spacey der tragischen Geschichte dieses Stars so verschrieben, sich geradezu in ihr festgebissen? Bis in sein tiefstes Innerstes, „bis ins Mark meiner Knochen“, fühle er sich Bobby Darins Lebensgeschichte verbunden, sagt Spacey. „Ohne Zweifel gibt es Parallelen zwischen seinem Leben und meinem.“ Mit einem Blick von außen zu sagen, welche dies seien, dazu sei er jetzt emotional nicht in der Lage. „Vielleicht wird man sie in dem Film sehen.“ Freundschaftsdienst der Stars Der muss aber zunächst einmal gedreht und vor allem bezahlt werden. 20 Millionen Euro haben Kevin Spacey, der britische Produzent Andy Paterson und der deutsche Filmemacher Jan Fantl für die deutsch-britische Koproduktion zusammengesammelt. 500 000 Euro hat das Filmboard Berlin-Brandenburg dazu gegeben, englische Produzenten haben sich beteiligt, der Verleih Lions Gate wird den Streifen in Nordamerika vertreiben und hilft bei der Finanzierung. Anfang der nächsten Woche soll das Budget über eine Landesbürgschaft, mit dem Studio Babelsberg neuerdings Filmemacher nach Potsdam locken will, komplettiert werden. „Eine solche Bürgschaft hat noch kein Film hier bekommen“, so der deutsche Produzent Fantl. Gerüchten, das Geld für den Film könnte ohne die Landesbürgschaft ziemlich knapp werden, begegnete Fantl so: „Da betreten wir Neuland, die Räder sind noch nicht eingespielt. Wir sehen es als zeitliche Verzögerung, dass wir sie noch nicht haben. Ich bin da guter Dinge.“ Kevin Spacey beteiligt sich nicht direkt finanziell an der Musical-Biographie – aber er spielt für „scale“, für die minimalste Gage, die die US-amerikanische Schauspielergewerkschaft kennt. Dass Spacey auch Regie führt, ist eher aus der Not geboren: „Es gab niemanden, der es machen wollte.“ Seine namhaften Kollegen, die normalerweise Millionen kassieren, leisten ihm einen Freundschaftsdienst: John Goodman, hierzulande wohl am bekanntesten als Fred Feuerstein und aus dem Film „The Big Lebowski“, spielt Darins Manager Steve Blauner; Bob Hoskins, der einst an der Seite von Cher in „Meerjungfrauen küssen besser“ brillierte und 1986 für seine Rolle in „Mona Lisa“ für den Oscar nominiert wurde, ist Darins Vater. Bobbys Mutter wird gespielt von Brenda Blethyn, seine Schwester ist Caroline Aaron. Amerikas Sweetheart aus den Sechzigern und Darins Ehefrau, die blutjunge Schauspielerin Sandra Dee, findet in Shootingstar Kate Bosworth ihr Pendant. Die zarte 20-Jährige kennt seit ihrer Rolle im Surfer-Streifen „Blue Crush“ zumindest jeder Junge im Teenageralter. Die Musik von Bobby Darin allerdings kannte sie selbst vor ihrem Engagement für „Beyond the Sea“ nicht, muss sie zugeben: „Es war eine faszinierende Überraschung für mich, es ist wunderschöne, inspirierende Musik“ – und erntet für diese altersbedingte Bildungslücke von John Goodman ein humoriges „Mensch, Kind!“. Als Sandra Dees Mutter steht Greta Scacchi vor der Kamera, für die Rolle des kleinen Bobby hat Kevin Spacey ein zehnjähriges Wunderkind gefunden: William Ullrich. „Er hat mehr Broadway-Erfolge als wir alle zusammen“, sagt der Schauspieler. Wo er bereits mitgespielt hat, verkündet der Kleine unter zunehmendem Staunen der ahnungslosen Medienvertreter: Jüngst stand William im New Yorker Musical „Nine“ als junge Version von Antonio Banderas auf der Bühne, in „Oklahoma!“ sang und tanzte er ebenso wie in „The Musician Man“ und in „Beauty and the Beast“. Italien gestrichen Dass es möglich sein würde, mitten in Potsdam Amerika aufzubauen, aus Pappe und Spanplatten, hat Kevin Spacey anfangs nicht geglaubt. „Als das vorgeschlagen wurde, habe ich gedacht: Wie soll ich einen Film, der in der Bronx in New York spielt, in Las Vegas, Malibu und Beverly Hills, in Deutschland drehen?“ Mittlerweile ist er begeistert von den Babelsberger Studios, froh, nicht in Los Angeles zu drehen. „Wir müssten die Jahrzehnte praktisch von den Gebäuden schälen, würde ich dort drehen - an den immer gleichen, langweilen Orten, an denen schon jeder gedreht hat.“ Statt in Kalifornien entsteht „Beyond the Sea“ nun an 74 Drehtagen bis Ende Januar komplett in Deutschland, zu drei Vierteln in den Babelsberger Studios und in Potsdam, zu einem Viertel in Berlin. Aus der „Berliner Straße“, einst als Kulisse für „Sonnenallee“ auf dem Studiogelände erbaut, wird Spacey New York machen: „Was für Roman Polanski in seinem Film ,Der Pianist“ das Warschauer Ghetto war, ist für mich die Bronx.“ In der Marlene-Dietrich-Halle, insgesamt 4000 Quadratmeter groß und 14 Meter hoch, stehen dieser Tage die Kulissen für Malibu und Beverly Hills, in Berlin hat Spacey vor allem die Architektur der sechziger Jahre gefunden. Hier wird am Ku“damm im alten Teil des Café Kranzler gedreht, am Haus des Rundfunks und in einigen Nachtclubs. Für das historische Potsdam aber hat der Oscar-Preisträger extra sein Drehbuch umgeschrieben. „Wenn man in Los Angeles sitzt und schreibt, denkt man natürlich nicht an Potsdams Schlösser, wenn es darum geht, wie Bobby Darin und Sandra Dee sich in Italien ineinander verlieben“, sagt Produzent Jan Fantl. Spacey dachte an Venedig, an Rom, an Portofino. Fantl war es, der ihn davon überzeugte, den ganzen Film und vor allem Italien in Potsdam zu drehen. „Ich hatte das Drehbuch für ,Beyond the Sea“ bekommen, und als Kevins Film ,Das Leben des David Gale“ letztes Jahr bei der Berlinale Premiere hatte, habe ich gesagt: Ich muss unbedingt mit ihm sprechen, ihm vorschlagen, diesen Film hier zu machen.“ Zwanzig Tage später trafen Fantl und Spacey sich in Los Angeles, wenig später noch einmal in Potsdam. „Als er Sanssouci sah, hat er gesagt: Moment, lasst mich mit dem Architekten mal einen Tag darüber nachdenken.“ Ein paar Stunden später war Italien vom Drehplan gestrichen, am 10. November fiel vor der Orangerie im Park Sanssouci die erste Klappe. Auch das Belvedere auf dem Pfingstberg, die Friedenskirche und der Sanssouci-Weinberg an der Schopenhauer Straße waren Drehorte. Über das Weltkulturerbe schallte die weiche, romantische Melodie von „Beyond the Sea“, hielt Bobby Darin, gekleidet im quietschgelben Sechziger-Anzug, seine Sandra Dee beim Tanz im Arm. Kevin Spacey ist sich sicher: „Wir haben mit der Kamera die richtigen Blickwinkel eingefangen, und ich wette, dass die Zuschauer später sagen werden – ja, da war ich im Urlaub, das ist Portofino“.

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