• Drohendes Aus im 100. Jubiläumsjahr: Filmorchester in Babelsberg auf Millionenzuschuss angewiesen

Drohendes Aus im 100. Jubiläumsjahr : Filmorchester in Babelsberg auf Millionenzuschuss angewiesen

Ohne finanzielle Unterstützung reicht das Geld des Filmorchesters nur noch bis zum Jahresende. Im Konflikt um Baulärm in der Medienstadt bringt Intendant Klaus-Peter Beyer nun Finanzhilfen ins Spiel.

Foto: Nestor Bachmann/dpa

Potsdam/Babelsberg - Beim Konflikt um das Filmorchester in Babelsberg wird der Ruf nach einer Finanzhilfe aus der öffentlichen Hand laut. Ohne eine finanzielle Unterstützung von der Stadt, dem Land und/oder dem Bund, das sagte Intendant Klaus-Peter Beyer am Dienstag gegenüber den PNN, könnten die 66 Mitarbeiter des Orchesters, darunter 55 Musiker, nur noch bis Jahresende bezahlt werden. Sowohl Beyer als auch Investor Jan Kretzschmar, dessen Firma KW Development das geplante Bürohaus neben dem Tonstudio errichtet, zeigten Verständnis für die Position des jeweils anderen und hoffen nun auf eine Lösung mit Beteiligung aus der Politik.

Wie berichtet sieht Beyer sich außerstande, angesichts der erwarteten Lärmbelastung durch die Bauarbeiten überhaupt noch Aufträge für Einspielungen im Tonstudio anzunehmen. Die Konzertauftritte allein seien für das Orchester aber nicht auskömmlich. Investor Kretzschmar wiederum verweist auf bereits gemachte Zugeständnisse unter anderem bei der Zeitplanung. So habe man das Einbringen der Träger auf die Sommerferien des Orchesters verlegt und beginne am heutigen Mittwoch anstatt wie ursprünglich vorgesehen im September. Das bedeute nicht nur zusätzlichen bürokratischen Aufwand, sondern schlage auch mit 20 000 Euro Mehrkosten zu Buche. Weitere 80 000 Euro zusätzlich fielen für die Verwendung weniger lärmintensiver Maschinen an. Man versuche auch, bei den Bauzeiten dem Orchesterbetrieb entgegenzukommen. Ein Ausweichen aber etwa auf die Nachtstunden sei wegen der Lärmbelästigung für die Anwohner nicht möglich, auch ein Stoppen des Baubetriebs „auf Zuruf“ sei nicht praktikabel.

In den vorigen Jahren wurden immer wieder Kompromisse zwischen Bauvorhaben und geräuschempfindlichen Dreharbeiten gefunden

Aber wieso konnte sich die Situation überhaupt derart zuspitzen? Fakt ist: Dass der Parkplatz auf dem Gelände von Studio Babelsberg irgendwann bebaut werden wird, steht seit langem fest. Vorgesehen ist das bereits im 1996 verabschiedeten Bebauungsplan Nummer 41 „Medienstadt Babelsberg“. Konkreter wurden die Planungen mit dem Verkauf der Fläche an den Investor im vergangenen Jahr. Kretzschmar baut nicht zum ersten Mal in der Medienstadt, wie er betont: Bei Bauprojekten für den „Campus Medienstadt“ in den vergangenen vier Jahren sei trotz der Nähe zu lärmsensiblen Dreharbeiten etwa für die TV-Serie „Gute Zeiten, Schlechte Zeiten“ oder für den Kinofilm „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ immer eine gangbare Lösung gefunden worden. Natürlich wolle man das Filmorchester weiter am Standort wissen, betonte Kretzschmar – genau wie die ebenfalls betroffene Firma Rotor. Die 2011 von Berlin nach Babelsberg gewechselte Firma betreibt im selben Gebäude eine Kinotonmischung und investierte 2015 1,5 Millionen Euro in europaweit einzigartige Top-Technik.

Filmorchester-Intendant Beyer sagte den PNN, dass vor allem die kurzfristige Information über das Ausmaß der Bauarbeiten das Problem sei. Vom genauen Umfang der Arbeiten habe man erst bei der „ersten und einzigen Infoveranstaltung“ mit Investor Kretzschmar am 5. Juli erfahren – am selben Tag, als das Orchester mit einem Konzert auf dem Berliner Gendarmenmarkt sein 100-jähriges Bestehen feierte. „Die Tragweite dieses Bauunternehmens wurde seitens der Vermieterschaft, also von Studio Babelsberg, nicht in dieser konkreten und ausführlichen Form kommuniziert“, beklagt Beyer. „Hätte man das rechtzeitiger gewusst, dann hätten wir in die Spur gehen können, um vielleicht eine hinlängliche Alternative zu finden.“ In der Kürze der Zeit sei das nun aber nicht möglich. Studio Babelsberg wollte sich am Dienstag auf PNN-Anfrage weder zu dem Konflikt noch zu dem Vorwurf äußern.

„Unser Ziel ist es, dass das Orchester seine erfolgreiche künstlerische Tätigkeit fortführen kann“

Beyer sagte, er sehe für das Überleben des Orchesters keine andere Alternative als eine Finanzhilfe – sei es von Stadt, Land, Bund oder in Kombination. Die angespannte Situation des Orchesters sei auch Folge „der Unterfinanzierung in den vergangenen 25 Jahren“. Man habe in dieser Zeit bewiesen, „welche Ausstrahlung das Orchester für das Land und die Stadt gebracht hat“. Daraus ergebe sich für die öffentliche Hand nun „eine gewisse moralische Pflicht“, so Beyer. Die Höhe der notwendigen Summe hänge davon ab, ob man die von der Orchestervereinigung vorgesehenen Tariflöhne oder die deutlich höheren Tarife für Rundfunkorchester zugrunde lege. Im ersten Fall komme man auf bis zu 3,8 Millionen Euro jährlich für Lohn- und Betriebskosten, im zweiten auf bis zu 6,5 Millionen Euro.

Derzeit hat das Filmorchester einen Etat von 3,5 Millionen Euro im Jahr, davon kommen knapp 1,7 Millionen Euro als Förderung vom Landeskulturministerium. Zum Vergleich: Die Kammerakademie Potsdam erhält von der Stadt 1,22 Millionen Euro im Jahr, die Musikfestspiele Sanssouci und Nikolaisaal Potsdam gGmbH wird von der Stadt aktuell mit 2,52 Millionen Euro gefördert.

Im Kulturministerium hofft man zunächst auf weitere Gespräche. Dazu werde das Ministerium die Beteiligten „zeitnah“ einladen, sagte Kulturstaatssekretärin Ulrike Gutheil am Dienstag. Das Filmorchester sei „ein weit überregional bekannter und geschätzter kultureller Botschafter Brandenburgs“, betonte sie. „Unser Ziel ist es, dass das Orchester seine erfolgreiche künstlerische Tätigkeit fortführen kann.“

Potsdams Wirtschaftsförderer Stefan Frerichs betonte, dass die konkreten Auswirkungen der Bauarbeiten noch unklar seien. Der Plan sei nun, mit regelmäßigen Schallproben auf der Baustelle „das Ganze auf Sicht anzufahren und konkrete Zeiten für die jeweiligen Bedürfnisse zu verabreden“. Das könne zwar nur bedingt funktionieren. Aber, so Frerichs: „Einen anderen Weg sehen wir nicht, daher halten wir daran fest.“