• „Dit Ding wieder ranjemacht”: Horst Oesterwitz machte sterilisierte Männer zeugungsfähig

„Dit Ding wieder ranjemacht” : Horst Oesterwitz machte sterilisierte Männer zeugungsfähig

Horst Oesterwitz, Chefarzt der Refertilisierungschirurgie am Bergmann-Klinikum, geht in den Ruhestand. Er verhalf sterilisierten Männern zu neuer Fruchtbarkeit - auch einem Ministerpräsidenten. 

Horst Oesterwitz, Chefarzt Refertilisierungschirurgie, geht in den Ruhestand.
Horst Oesterwitz, Chefarzt Refertilisierungschirurgie, geht in den Ruhestand.Foto: Promo

Potsdam - Er hat in seinem langen Berufsleben allein mit Tumoroperationen viele Leben erhalten. Was aber Horst Oesterwitz, Leiter der Refertilisierungschirurgie am Klinikum "Ernst von Bergmann", am meisten erfüllt hat, waren mikrochirurgische Operationen an sterisilierten Männern. Diese hatten ihre Entscheidung bereut, nachdem sie eine neue Partnerschaft eingegangen waren und wollten nun doch ein Kind. 

„Es waren mehr als 2000 Paare mit einem Kinderwunsch, die zu mir kamen”, erzählte er den PNN. „Oft war die neue Partnerin jünger und wünschte sich Nachwuchs. 900 Kinder sind dann geboren worden.” Die meisten Eltern schickten Fotos, ein Elternpaar legte das Foto eines T-Shirts bei - mit dem Text: „Made by Mama und Papa & Prof. Oesterwitz”. Ihn habe „nichts in meiner Arbeit so beglückt wie die Freude dieser Eltern”, sagt er.

Nach 30 Bergmann-Jahren geht der Mediziner zum Jahresende im 70. Lebensjahr in den Ruhestand. Oesterwitz ist einer der renommiertesten Mikrochirurgen in der Urologie. Männer aus ganz Deutschland und aus 17 weiteren Ländern kamen in den letzten 30 Jahren zu ihm. Wer aber der deutsche Ministerpräsident war, dessen Samenleiter er vor vielen Jahren zusammennähte, sagt er nicht. Auch dieser Patient sei danach Vater geworden.

Arbeit mit winzigen Fäden

Bei der Refertilisierung, der Wiederherstellung der Zeugungsfähigkeit, werden die etwa zwei Millimeter dünnen Samenleiter in drei Schichten mit Fäden zusammengenäht, die fünfmal dünner als ein Frauenhaar sind. „Mit bloßem Auge sieht man sie nicht. Das ist eine andere Welt, in der das Mikroskop Gefäße und Nerven 30-bis 40-fach vergrößert”, erzählt Oesterwitz.

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Der in Golßen in der Niederlausitz geborene Vater von zwei Kindern, der mit seiner Frau in Geltow lebt, studierte an der Humboldt-Universität, wo er sich auch habilitierte. Die Wende erlebte Oesterwitz als „Glücksfall”: „Die Medizin litt in der DDR unter ökonomischen Zwängen, gute endoskopische Instrumente gab es selten. Auf einmal konnte man sich als Arzt unglaublich weiterentwickeln.” 1991 wurde er Chefarzt der Urologie im Bergmann-Klinikum und blieb es bis 2013. Vier Jahre später avancierte er zum Leitenden Chefarzt.1996 verlieh ihm die Berliner Freie Universität eine außerplanmäßige Professur. Oesterwitz baute in Potsdam das Refertilisierungszentrum auf, das er von Beginn an leitete.

"Abgehackter Penis"

Für bundesweite Aufmerksamkeit sorgte ein Fall im Sommer 2005. An einem Freitagabend kam ein 21 Jahre alter Potsdamer Student ins Bergmann-Klinikum, der, so erinnert sich Oesterwitz, „seinen abgehackten Penis in seiner blutgetränkten Hosentasche trug”. Der psychisch schwerkranke Mann habe das Geschlechtsteil in seiner Wohnung „auf den Küchentisch gelegt und mit einem Beil durchtrennt.” 

Wie erlebt ein Arzt einen solchen Augenblick? Mit Schaudern? „Nein”, sagt der Chefarzt, „man ist sich sofort der mikrochirurgischen Herausforderung bewusst. Man weiß, was zu tun ist, weil man ja Tausende kleinste Gefäße rekonstruiert hat.” Er habe lange davor einige Berichte solcher Operationen, die weltweit etwa 30 mal dokumentiert waren, gelesen: „So gesehen, war es ein einmaliger Routineeingriff.” 

Vollständig funktionsfähig

Der abgetrennte Penis wurde zunächst in Eiswasser gelegt und in fünf Stunden kunstgerecht an seinem Stammplatz befestigt. Hat er danach wieder funktioniert? „Ja, vollständig”, sagt Oesterwitz. War eine Erektion möglich? „Ja, vollständig. Der Mann war auch zeugungsfähig.” War er als Arzt von dem Erfolg überrascht? „Nein, mir war vom ersten Moment klar, dass wir das schaffen können”.

Einige Zeit später musste der Operateur schmunzeln. Bei einer Verkehrskontrolle an der Potsdamer Pirschheide erkannte ihn ein Polizist und fragte: „Sie sind doch der, der dit Ding wieder ranjemacht hat, oder?”

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