• Diskussion über Treuhand im Bildungsforum: "Privatisierung auf Deibel komm' raus"

Diskussion über Treuhand im Bildungsforum : "Privatisierung auf Deibel komm' raus"

In der Wissenschaftsetage diskutierten Wissenschaftler über Übernahmen von DDR-Betrieben. Dabei ging es um den Heißhunger der West-Medien auf neue Märkte und einen Meinungsumschwung in der Arbeitnehmerschaft.

In der Wissenschaftsetage wurde diskutiert.
In der Wissenschaftsetage wurde diskutiert.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Die Älteren erinnerten sich, für die Jüngeren war es Geschichtsunterricht: die Kommunikatitionswissenschaftlerin Mandy Tröger und der Historiker Bernd Gehrke haben am Donnerstag auf Einladung der Rosa-Luxemburg-Stiftung mit vielen Beispielen beschrieben, wie West-Firmen nach der Wende untereinander die „Filet-Stücke” der DDR-Wirtschaft aufteilten. 

Durch die Wissenschaftsetage des Bildungsforums schwirrten, wie es sich für Linke gehört, einige der großen Kampfbegriffe: von der Arbeiterklasse war die Rede und von strukturellen Abhängigkeitsverhältnissen von kapitalistischen Medienunternehmen in der neuen Presselandschaft im Osten. Aber Tröger und Gehrke blieben bei ihrer Analyse stets gelassen– und wiesen darauf hin, dass die Bundesregierung und die West-Konzerne zwar den Kapitalismus auf dem Gebiet der DDR pflanzten, deren Bürger aber in Massen Parteien wählten, die nach anfänglicher Sympathie für eine Konföderation die Einheit wollten.

1990 gab es 152 Neugründungen von Zeitungen

Tröger, in Ostberlin geboren und beim Mauerfall gerade neun Jahre alt, zeichnete via Skype aus München zugeschaltet nach, was aus einem der “Hauptziele” der Bürgerbewegung, die Pressefreiheit aus eigener Kraft zu garantieren, wurde: Nicht viel. Im Februar 1990 habe es 16 Neugründungen von Zeitungen auf DDR-Gebiet gegeben, beim „Pressefrühling” bis Ende des Jahres gar 152. 

Die von hoher Auflage und vielen Abonnenten geprägten SED-Bezirkszeitungen aber hielten sich, der Versuch von West-Verlagen, westdeutsche Zeitungen im Osten zu verkaufen, scheiterte schnell. Es gab Vertriebsprobleme, und Tröger erzählte, dass die Zeitung in einigen Gegenden „morgens mit dem Trabi aufs Dorf ausgefahren wurde”. Dann entwickelten kapitalkräftige West-Verlage eine neue Strategie: Sie kauften die großen SED-Bezirkszeitungen einfach auf.

Wenige Tage nach dem Mauerfall kamen Westverlage

Tröger belegte den Heißhunger der Wessis auf neue Märkte. Die Mauer war erst ein paar Tage gefallen, da seien Gesandte des Hamburger Bauer-Verlags am 17. November 1989 mit einem Angebot zur Kooperation bei der Modrow-Regierung vorstellig geworden. Am 29. November tauchten Adlaten von Gruner+Jahr dort auf. Der Axel-Springer-Verlag sprach, so die Wissenschaftlerin an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, „spät” vor: am 20. Dezember 1989. 

Die Interessen der DDR-Presse „bedachten sie nicht”. Die neuen DDR-Zeitungen seien chancenlos gewesen, weil die West-Medien zu finanzstark waren. Noch vor der ersten freien Wahl am 18. März 1990, so Tröger, hätten die Wessis mit einem „Pressecoup” die DDR unter sich aufgeteilt: „Die Treuhand gab's da noch gar nicht.” Die Neugründungen von Bürgerrechtlern und Journalisten seien bald einem großen Zeitungssterben zum Opfer gefallen, es gebe inzwischen „viele Ein-Zeitungs-Regionen”, wobei die nun unter West-Regie geführten früheren SED-Bezirksblätter ihre dominante Position behielten. 

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Die politische Biografie des 70 Jahre alten Historikers Gehrke zeugt davon, dass er sich nicht verbiegen ließ. Der gelernte Elektromonteur studierte in Leipzig Ökonomie und wurde 1970 SED-Mitglied. 1978 dann der Parteiausschluss, als die Stasi seine konspirative Gruppe von alternativen Linken auflöste. „Staatsfeindlich” war das, Berufsverbot gab es. Erst 1984 fand er wieder Arbeit als Ökonom, zur Wendezeit saß er am Zentralen Runden Tisch.

Radikaler Meinungsumschwung der Arbeitnehmerschaft

Gehrke zeigte auf, wie sich 1989 eine Interessenvertretung von Arbeitnehmern „von unten aus, in den Betrieben” zu entwickeln begann. Sie sei durch das westliche Gewerkschaftssystem „überformt und gebrochen” worden. Er beklagte den „radialen Meinungsumschwung” in der Arbeitnehmerschaft bei der Wahl vom 18. März 1999, als sie sich „mit anti-sozialistischen Vorstellungen verband”. Dann habe die Treuhand den Auftrag der Bundesregierung „mit großer Brutalität und Geschwindigkeit” erfüllt: eine „Privatisierung der DDR-Betriebe auf Deibel komm' raus”. Und doch: „Es war eine bewusste Entscheidung der Bevölkerung.”

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