• Digitalisierung an Schulen in Potsdam: Weg vom Frontalunterricht

Digitalisierung an Schulen in Potsdam : Weg vom Frontalunterricht

An der Voltaire-Gesamtschule gibt es für 850 Schüler 40 Tablets und in vier Klassenzimmern digitale Tafeln. Dadurch soll der Unterricht individueller gestaltet werden.

Klaus Peters
Eigenständig lernen. Lehrer Björn Nölte (l.) erklärt Schülern der elften Klasse der Voltaire-Schule eine individuelle Aufgabenstellung auf einem Computer. Die digitalen Lehrmittel sollen den Unterricht bereichern, doch oft sind zu wenig Computer und eine langsame Internetverbindung an den Schulen vorhanden.
Eigenständig lernen. Lehrer Björn Nölte (l.) erklärt Schülern der elften Klasse der Voltaire-Schule eine individuelle...Foto: Bernd Settnik/dpa

Potsdam - Im Oberstufenkurs von Deutschlehrer Björn Nölte sieht es aus wie im Internetcafé: Die Schülerinnen und Schüler sitzen allein oder zu zweit vor Computerbildschirmen, zusätzlich werden Tablets und private Handys eingesetzt. Als Aufgabe steht für die Schüler der Potsdamer Voltaire-Gesamtschule das digitale Tagebuch „Arbeit und Struktur“ zur Debatte, das der an einem Hirntumor erkrankte Autor Wolfgang Herrndorf von 2010 bis zu seinem Suizid im August 2013 verfasste. Die Schüler können zwischen einer eigenen Kurzgeschichte oder einer Erörterung wählen – und die Kriterien für die Benotung bestimmen.

Dafür kommunizieren sie über ein offenes Textdokument: Sprache, Grammatik, Rechtschreibung und Materialbezug werden von den Schülern als Kriterien für die Beurteilung anerkannt. Bei Kreativität legt die 18-jährige Bella Wendel schriftlich ihr Veto ein: „Ich glaube nicht, dass man Kreativität bewerten kann“, begründet sie. Die Schüler könnten auch per Abstimmung entscheiden, dass die Arbeit gar nicht bewertet wird. „Aber dann wiegen die Noten bei den anderen Arbeiten schwerer“, erläutert Nölte.

Transparentes Arbeiten für alle Beteiligten ist oberstes Ziel im digitalen Klassenzimmer der Voltaire-Gesamtschule. In der Plattform „Moodle“ loggt sich der 16-jährige Theo Groth ein und kann dort Übungsaufgaben und Erläuterungen von verschiedenen Fachlehrern abrufen. Das hilft auch, Unterrichtsstunden sinnvoll auszufüllen, wenn der Lehrer krank ist und keine Vertretung kommt.

An Tablets lernen Schüler unter anderem die mögliche Wirkung von Bildern einzuschätzen

Im Klassenzimmer hängt eine digitale Tafel, doch die wird von Nölte in der Regel nur als Beamer genutzt, um die wichtigsten Arbeitsschritte anzuzeigen. Diese Erfahrung hat auch der stellvertretende Schulleiter Benny Schurig gemacht, der Mathematik unterrichtet. „Ich nutze das interaktive Whiteboard wie eine normale Schultafel, um darauf zu schreiben“, sagt Schurig. „Für andere Anwendungen ist die Software sehr kompliziert. Das geht mit den Tablets einfacher.“ An der Schule sind nur vier Räume mit Whiteboards ausgestattet, aber alle mit Beamer.

Die Gesamtschule mit 850 Schülern hat 40 Tablets zur Verfügung, die im Unterricht genutzt werden können. Damit können die Schüler etwa Lernvideos erstellen, in denen sie die Lösung einer Aufgabe erklären. Wissen verfestige sich, wenn man das Gelernte sprachlich und visuell erkläre. In Medienkunde testen Schüler mit den Tablets zudem Bildtechniken. So sollen etwa Bilder mit unterschiedlichen Perspektiven, dem Spiel mit Licht und Schatten oder Nahaufnahmen den Schülern nahebringen, mit unterschiedlichen Techniken die Wirkung von Bildern zu verändern. „Die Schüler haben in den sozialen Netzwerken ständig mit Bildern zu tun, das ist Teil ihres Alltags“, erläutert Schurig. „Da ist es gut, wenn sie sich über die mögliche Wirkung von Bildern bewusst werden.“ Im Unterricht geht es auch um die Medien Buch, Zeitung, Film und Audio.

„Schüler nutzen soziale Netzwerke auch, um sich gegenseitig zu beschimpfen“

Auch an der Voltaire-Schule gebe es Fälle von Mobbing, sagt Schurig. „Schüler nutzen soziale Netzwerke auch, um sich gegenseitig zu beschimpfen.“ Allerdings seien solche Fälle nicht besonders häufig. „Wenn so etwas herauskommt, sprechen wir mit den Schülern darüber“, so Schurig. „Und dafür gibt es auch den Klassenrat, der einmal pro Woche tagt.“ In der Schule gibt es von der siebten Klasse an auch Workshops, in denen Medienpädagogen und Experten der Polizei über die Gefahren im Internet aufklären.

Aus Sicht von Schurig bietet das digitale Klassenzimmer eine völlig neue Lernerfahrung. Zwar gebe es noch klassischen Frontalunterricht, aber der funktioniere bei einigen nicht so gut. „Der Lernprozess läuft individuell verschieden und in unterschiedlichen Geschwindigkeiten“, meint Schurig. „Der eine arbeitet eher textbasiert, der andere experimentiert lieber. Diese individuelle Lernumgebung ist im digitalen Klassenzimmer am besten.“

Doch noch hapere es in den meisten Schulen an der Ausstattung mit W-Lan, Breitband-Anbindung und digitalen Geräten, sagt der Direktor des Hasso-Plattner-Instituts, Christoph Meinel. „Die Schüler müssen heute in separate Rechner-Kabinette gehen, die zudem meist nicht professionell gewartet und auf dem neuesten Stand sind“, kritisierte Meinel. „Es geht darum, dass in allen Fächern und in jedem Klassenraum mit digitalen Medien gearbeitet werden kann, so wie mit einem Schulbuch.“

Für die Ausstattung der Schulen mit Computern, Tablets und notwendiger Infrastruktur sind nach Angaben des Bildungsministeriums die Träger der Schulen zuständig. Die Aufgabe, Kinder und Jugendliche für die digitale Welt fit zu machen, reiche aber weit über die Bedienung von Endgeräten hinaus, betont Bildungsministerin Britta Ernst (SPD). „Medienbildung soll und kann in allen Unterrichtsfächern stattfinden“, meint die Ministerin. (dpa)



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Der dreimonatige Kurs ist Anfang der Woche gestartet, Anmeldungen sind aber jederzeit möglich – und zwar für alle Interessierten (unter www.mooc.house/courses/lernen40-2018). Zunächst einmal werden Lehrkräften Grundlagen der Digitalisierung nahegebracht. Der Kurs präsentiert Studien aus Neuseeland, wann und wie digitale Medien im Unterricht sinnvoll benutzt werden können. Dabei geht es auch um die „Schulcloud“, die das HPI aktuell entwickelt. In der Cloud sollen bundesweit entsprechende Medien gesammelt und zur Verfügung gestellt werden. Die Inhalte lernen die Teilnehmenden unter anderem über online bereitgestellte Videos. Vertiefen können sie das Wissen anschließend im Chat mit Dozenten und anderen Lehrkräften. Hausaufgaben gibt es für die Lehrer allerdings nicht. (tiw)

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