• Die verschwunde Stasi-Akte aus dem IHK-Tresor

Potsdam : Die verschwunde Stasi-Akte aus dem IHK-Tresor

Die Affäre um Ex-IHK-Präsident Stimming wird immer absurder. Jetzt klagt die frühere Verwaltungsleiterin gegen ihre Entlassung

Christoph Stollowsky

Das hätte ein guter Krimiregisseur nicht alles in einen einzigen Film gepackt. Vetternwirtschaft, üppige Bereicherungen, fragwürdige Beraterhonorare, merkwürdige Priviliegien – und jetzt auch noch ein geheimer Tresor, eine verschwundene Stasi-Akte und Streit um wüste Beschimpfungen. Zu viel der Würze. Man möchte es nicht glauben, es wirkt grotesk. Doch in der Affäre um den entlassenen Präsidenten der Potsdamer Industrie- und Handelskammer (IHK), Victor Stimming, steckt all das drin. Am Donnerstag kam eine weitere Szene hinzu, diesmal im Potsdamer Arbeitsgericht. Die bisherige Verwaltungsleiterin und Vize-Hauptgeschäftsführerin der IHK, Gundula S., klagte gegen ihre fristlose Kündigung. Dabei gab es erneut Schräges zu hören.

Gundula S. war am 12. März bei der IHK vor die Tür gesetzt worden. Die neue Leitung wirft der einst für Finanzen und Personal zuständigen Chefin der Abteilung Zentrale Dienste vor, dass sie die mutmaßlichen Bereicherungen des früheren Präsidenten vor dessen Rauswurf im November teils gedeckt und unterstützt haben soll.

Die erste Verhandlung vor dem Arbeitsgericht überlässt Gundula S. am Donnerstag den Anwälten. Ihr Vertreter will die Gründe für die fristlose Kündigung noch einmal hören. Da schlägt der Mann von der IHK einen dicken Ordner auf. Es gehe um viele Anschuldigungen, sagt er. „Etliche konnten Sie schon in der Presse lesen.“ Er nennt die Beschäftigung einer Sekretärin in Stimmings Baufirma auf IHK-Kosten. Das sei S. bekannt gewesen. Kurzes Blättern. Beispiel zwei: Überweisungen auf Victor Stimmings Konto für stattliche Aufwandsentschädigungen in Höhe von 30 000 und 33 000 Euro. Beide Summen habe S. freigegeben.

Diese Vorwürfe kennt der Anwalt der gefeuerten Geschäftsführerin. Aber nun spricht der IHK-Vertreter weiter. Kurz vor der fristlosen Kündigung war am 10. März bekannt geworden, dass es in der IHK-Chefetage einen Tresor gibt, von dem selbst die meisten Führungskräfte nichts wussten. Experten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG hatten ihn entdeckt, als sie im Auftrag der IHK den Verschwendungsaktivitäten des früheren Präsidenten in den Büchern und Büros akribisch nachgingen. Gundula S. habe die Zahlenkombination gekannt, um ihn zu öffnen, erzählt der Jurist. In ihrer Anwesenheit sei dies geschehen. Gefunden habe man darin Stasi-Akten über IHK-Mitarbeiter. „Vermutlich wurden diese vor längerer Zeit von der Stasi-Unterlagenbehörde angefordert, um sich ein Bild über die Personen zu machen“, mutmaßt der Anwalt. Die Anwesenden blickten also erstaunt am 10. März in den Tresor – und beschlossen, sich später die entdeckten Papiere genauer anzusehen. Doch als man sich am Abend dazu traf, „war eine Akte verschwunden“, wie der IHK-Vertreter erklärt. Gundula S. sei gefragt worden, ob sie die womöglich brisante herausgenommen habe. „Sie verneinte das“, sagt der Jurist der Kammer. Aber dieser Vorwurf gegen sie steht vonseiten der IHK weiter im Raum. Ihr Rechtsvertreter hingegen hält keine der Anschuldigungen „für stichhaltig“. Nur eine unschöne Szene will er nicht bewerten. Darüber müsse er noch mit seiner Mandantin reden. Es geht um einen Ausraster in der Chefetage. Dort sei S. Ende Februar mit Schimpfworten auf eine führende Kollegin losgegangen, sagt der IHK-Anwalt. Es seien Worte wie „Schwein“ und „Arsch“ gefallen.

Noch ist gerichtlich nichts entschieden. Die Verhandlung soll im Mai fortgesetzt werden. Letztlich geht es der IHK auch um Geld. Sie will zumindest einen Teil des auf 500 000 Euro geschätzten Schadens ersetzt haben, der ihr nach den Erkenntnissen der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG durch Victor Stimmings mutmaßliche Machenschaften entstanden sein soll. Zahlen sollen neben Stimming auch jene, die vieles aus IHK-Sicht abgesegnet haben: Gundula S. und der frühere, ebenfalls entlassene Hauptgeschäftsführer René Kohl.

Nach einer Karriere als Kombinatschef in der DDR war Stimming 1995 zum Potsdamer IHK-Präsidenten avanciert. Gegen ihn ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Untreue. Bei der Affäre geht es unter anderem um teure Tagungen im Ausland, Luxus-Dienstwagen, üppige Altersrücklagen für den Ex-Präsidenten und einen Beraterauftrag für Stimmings Sohn für den Umbau der Potsdamer Villa Carlshagen zum Fortbildungszentrum. Christoph Stollowsky