• Die Nacht von Potsdam: Zeitzeuge: Potsdam ist so klein und platt geworden

Die Nacht von Potsdam : Zeitzeuge: Potsdam ist so klein und platt geworden

Wolfgang Adam war am 14. April 1945 gerade einmal sechs Jahre alt. Ihn faszinierten zunächst die "Christbäume", die vor den Bomben zu Boden segelten. Seine Erinnerungen an diese Nacht.

 

Potsdam - Etwa 1941 waren wir von der Innenstadt in ein kleines Holzhaus in Bergholz-Rehbrücke gezogen. Meine Eltern hatten sich entschieden, in ländlicher Umgebung zu leben. Wir, das waren ich, das Pflegekind Doris, meine Mutter und die Flüchtlingsfrau Claudia aus Odessa. Mein Vater, der als Kraftfahrer bei den Flugzeugwerken Arado in Potsdam arbeitete, wurde schließlich doch noch eingezogen und an die Ostfront geschickt. Der Vermisstenbescheid und viele Tränen meiner Mutter nach der Schlacht von Stalingrad erinnerten an ihn.
Der 14. April 1945 war ein richtiger Frühlingstag und ein Sonnabend. Da unser Holzhaus bei den Bombenangriffen wenig Schutz bot, hatten die Behörden angeordnet, dass wir den Luftschutzkeller im Nachbarhaus benutzen sollten. An diesem Tag folgten wir der Anordnung.

„Die laden die Bomben heute wohl über Potsdam ab“


Gegen 22.15 Uhr ertönte wieder einmal die Sirene und kündigte den Bombenangriff an. Sobald meine Mutter diesen Ton hörte, war für sie immer ein schneller Gang zum Klo neben dem Haus notwendig. Wenig später schwebten schon diese Beleuchtungsbomben, auch „Christbäume“ genannt, am Himmel heran, die alles in gleißendes Licht tauchten. Das Brummen der Flugzeuge machte uns Angst, denn es klang viel stärker als sonst aus Richtung Rehbrücke zu uns. Claudia hatte uns Kinder schon geweckt und begonnen, uns für den Alarm anzuziehen. Die Sachen lagen für den Fall eines Fliegeralarms immer schon bereit und alles ging sehr schnell.
Als meine Mutter von ihrem Toilettengang zurück kam, war sie sehr blass und aufgeregt. „Heute müssen wir wohl in den Luftschutzkeller“, sagte sie zu Claudia, doch diese schüttelte den Kopf. Sie wollte nicht in das Nachbarhaus. „Vielleicht fliegen sie wieder nur vorüber und dann wohl nach Berlin.“ Doch das Brummen der Flugzeugmotoren wurde immer lauter und auch Explosionen waren in der Ferne zu hören. Über den Kiefern gegenüber leuchtete der Himmel hellrot. „Die laden die Bomben heute wohl über Potsdam ab“, vermutete meine Mutter.

Der Himmel war hellrot

Ja, Potsdam fiel in dieser Nacht in Schutt und Trümmer, doch wir sahen ja nur den hellen Himmel in dieser Frühlingsnacht. Die Frauen zogen uns Kinder nun doch in die Richtung des Luftschutzkellers. Die Nachbarin wartete schon an der Haustür auf uns. Sie schob uns bis zur Kellertreppe. Als wir nach einigen Stunden den Luftschutzkeller verließen, dämmerte schon der neue Tag, doch der Himmel war hellrot. Die Sirenen, die sonst das Signal der Entwarnung gaben, blieben nach diesem Angriff stumm. Potsdam brannte immer noch, die Stadt war vollkommen zerstört.

Erst im Sommer 1945, aber noch vor der Eröffnung des Straßenbahnbetriebs, machten wir uns zu Fuß auf den Weg nach Potsdam. Die Menschen, die ganz verstört nach dem Bombenangriff bis in unseren Vorort kamen, berichteten schreckliche Dinge. Sie erzählten, dass die Glocken vom Glockenspiel der Garnisonkirche während des Brandes eine grauslige Melodie gespielt hatten, bevor sie vom Glockenturm auf das Straßenpflaster herabfielen.
Meine Mutter kannte den Kantor der Garnisonkirche, Otto Becker, schon sehr lange. Sie lebte nach 1921 einige Jahre als Dienstmädchen bei einem Apotheker-Ehepaar in der Breiten Straße. Sie blickte mal hinüber zur Kirche und wartete auf das schöne Glockenspiel. Als der Kantor sie einmal bemerkte, lud er sie ein, das Glockenspiel zu betrachten.

Potsdam ist keine stolze Residenzstadt mehr

Der Weg nach Potsdam ist lang. Seit Monaten sind die Russen überall und meine Mutter malt sich mit einem abgebrannten Streichholz schwarze Falten ins Gesicht und bindet sich ein Kopftuch um. Die Nachbarsfrauen haben vor dem Gang nach Potsdam gewarnt, vor der gesprengten und unbegehbaren Langen Brücke, den vielen Trümmern und eben auch den Russen. Irgendwie finden wir den Weg. Doch am Leipziger Eck, eine früher belebte Kreuzung, bleiben wir stehen. Wir sehen hinüber über den Fluss und auf die Trümmerberge des Bahnhofs. In der Ferne ragt der ausgebrannte Turm der Garnisonkirche neben den Ruinen des Stadtschlosses heraus. Auch die Nikolaikirche ist stark beschädigt, die Kuppel eingestürzt. In dieser Kirche bin ich 1939 getauft worden. Potsdam liegt in Trümmern und ist so klein und platt geworden. Alle hohen Häuser sind eingefallen und nur wenige Mauern ragen wie Rippen heraus.
Potsdam ist keine stolze Residenzstadt mehr.
 
Bearbeitet von Stefan Engelbrecht

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