• Die "Nacht von Potsdam" - ein Zeitzeugenbericht: Eine Steinlawine stürzte in den Keller und begrub unsere Füße

Die "Nacht von Potsdam" - ein Zeitzeugenbericht : Eine Steinlawine stürzte in den Keller und begrub unsere Füße

Als die Bomben fielen, war Gudrun Härtel-Karutz fünf Jahre alt. Wie sie das Inferno überlebte - und welche Gedanken sie jetzt angesichts des Krieges in der Ukraine umtreiben.

Gudrun Härtel-Karutz
Gudrun Härtel-Karutz, Jahrgang 1939, einst Behlertstraße 43.
Gudrun Härtel-Karutz, Jahrgang 1939, einst Behlertstraße 43.Foto: Andreas Klaer

Seit Putin seine Todesraketen über den Himmel der Ukraine schickt, sind die Ängste von damals wieder stark und aktuell in mir: Damals – diese Frühlingsnacht vom 14. auf den 15. April 1945 in meiner Heimatstadt Potsdam: Wir – meine Mutter Else, mein älterer Bruder Jochen und ich (Vater Rudolf hatte zur selben Zeit das Glück kanadischer Gefangenschaft in Italien) – wohnten in der Behlertstraße 43, zur Berliner Straße hin (später Stalinallee).

Ich war fünfeinhalb Jahre alt, mein Bruder Jahrgang 1936. Seit Kriegsbeginn waren wir es nun schon jahrelang gewohnt, nachts von unserer Mutter – die „Sachen“ an – geweckt zu werden und in den Luftschutzkeller „umzuziehen“. Endlos scheinende Nächte – besonders unerträglich, wenn wir Kinder die üblichen Masern, Keuchhusten oder Windpocken erleiden mussten – mehr oder weniger ohne Medikamente. Im eiskalten Keller, ohne unser warmes Bett. 

Aber wir haben nicht viel gefragt, mein Bruder spielte oft mit einem Holzgewehr – Krieg als Kinder-Vergnügen. An jenem späten Abend des 14. April heulten die Sirenen anscheinend besonders ausdauernd mit diesem unablässigen, schreckenerregenden Ton. Wir hörten, spürten die Bombeneinschläge ringsum. Klammerten uns an unsere Mutter.

Ein Riesenknall und entsetzlicher Lärm

Plötzlich ein Riesenknall und entsetzlicher Lärm: Ein Kellerfenster sprang auf, eine Steinlawine stürzte herein und begrub mit viel Staub unsere Füße. Von überall her Geschrei und Weinen: „Herr Anders! Herr Anders!“, schrien die Frauen nach dem einzigen älteren Mann im Keller – als ob er hätte helfen können – was für ein Wahnsinn in diesem Inferno…das natürlich nicht! Nach der Entwarnung– eine Ewigkeit – sind wir drei und alle Nachbarn auch am Leben.

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Am nächsten Morgen sahen wir aus der scheibenlosen Wohnung auf den Riesenkrater, wo bisher das Nachbarhaus stand. Die Lücke verhinderte, dass die Bombe auch unser Haus vernichtete! Nach dem Angriff dann für uns Kinder – die streng verbotene – aber allzu lockende „Spielfläche“ der Ruinen ringsum. Eine besondere Spezialität war das Ausbuddeln vergrabener Vorräte an Obst oder Gemüse. Die Jungs zerschmetterten die Gläser mutwillig an den Mauerresten, ein Scherbensplitter riss mir die Nasenspitze ab– fast! Meine Mutter drückte die knorpelige Spitze resolut auf das Nasenbein. Sie hing an dem berühmten seidenen Faden: „So, und jetzt bleibst du im Bett!“, befahl sie. 

Gudrun Härtel-Karutz, geborene Härtel und ihr Bruder Jochen, aufgenommen um 1944.
Gudrun Härtel-Karutz, geborene Härtel und ihr Bruder Jochen, aufgenommen um 1944.Foto: privat

Ich gehorchte, die Nase war gerettet. Wer es nicht weiß, sieht den Unfall bis heute nicht… Die allerletzten Tage und Nächte bis zum bitteren Kriegsende verbrachten wir dann in einem „richtigen“ öffentlichen Luftschutzraum (ebenfalls ohne Betten oder gar Essen) in der Berliner Straße,dem ehemaligen Wasserbauamt. Später residierte hier die Sowjetische Militäradministration (SMA) als oberste Behörde der Roten Armee in der späteren DDR, zuletzt die Bundesanstalt für Immobilien Aufgaben, die Ex-Treuhand.

Mütter weideten Pferdeleichen aus, schnitten Fleischstücke heraus

Als wir zurückkehrten, war die Wohnung geplündert, aber noch bewohnbar. Es begann die „Zeit der Frauen“, die auf irgendeine Weise dafür sorgen mussten, dass wir etwas zu essen hatten: Ich sehe die Mütter noch vor mir, wie sie Pferdeleichen ausweideten und Fleischstücke herausschnitten. Oder sie lösten verbrannte Zuckerstücke aus der ausgebombten nahegelegenen Zuckerfabrik auf. Klitschiges Brot trocknete meine Mutter, in Wasser aufgeweicht bekamen wir Kinder daraus eine Brotsuppe vorgesetzt. Es reichte knapp, um zu überleben.

Ich denke in diesen Tagen, da die grauenhaften Bilder aus der Ukraine uns alle verstummen lassen, auch an die Flüchtlinge aus den Ostgebieten, die sich damals in Potsdam drängten (bis zu 30 000 sollen es gewesen sein). Sie schliefen bei uns auf dem Flur, in der Küche, überall ein unglaubliches Durcheinander, bis sie später weiterzogen, oft in den „Westen“, wie es immer hieß.

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Sie brachten Läuse, Krätze und einen fürchterlichen Kopfgrind mit, der mich meine schönen blonden Haare kostete. Wir Kinder aber lebten unsere kleine, gewiss nicht heile Welt in Trümmern, in Büschen. An Schule war noch längst nicht zu denken. Jeder Tag, jede Stunde – ein Kampf. Mit den Müttern als Siegern an der Überlebensfront. Heute schieben sich die Videos der Apokalypse von Butscha, Irpin und Mariupol – all den Brandstätten dieses Krieges – vor die Bilder von Potsdam.

Was hat die Politik falsch gemacht?

Ich habe Angst um unser Land, auch vor Putin, diesem grausamen, kriegswütigen Mann! Ihm kann man, denke ich, niemals trauen. Was hat die Politik falsch gemacht? Vor allem und ganz konkret: Wie konnten wir uns bei Gas, Öl und Kohle derart abhängig von Russland machen? Wie leichtfertig, wie fahrlässig, ich fasse es nicht! Den Flüchtlingen helfen – ja! Ich kann spenden, aber mit über 80 hapert es bei tätiger Hilfe an der Gesundheit, Schichtdienst in Hotspots wäre nicht möglich.

Aber ich gehe noch einmal auf die Seite mit den Hilfsadressen. Aber man fühlt sich im Grunde hilflos – überwältigt von Bildern, von Erinnerungen, von alten Traumata, die mich jetzt wieder bedrängen und quälen. Der Krieg als lebenslanges Thema lässt er unsere Generation niemals los? Wenn ich heute – oft und voller Gedanken – durch meine Heimatstadt flaniere, sind die Spuren von damals getilgt. Aber für das Stadtschloss brauchte es 69 (!) Jahre (bis 2014), die Garnisonkirche steht nach Jahrzehnten von Planung und Palaver noch immer nicht.

Manchmal – manchmal fasse ich es nicht.

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