• Die "Nacht von Potsdam" - ein Zeitzeugenbericht: Durch die Fenster sahen wir den Feuerschein

Die "Nacht von Potsdam" - ein Zeitzeugenbericht : Durch die Fenster sahen wir den Feuerschein

Das Grauen in der Ukraine weckt bei Karl-Gustav Illmer Erinnerungen an die Potsdamer Bombennacht - dann sieht er sich wieder als Kind, das durch die Trümmerlandschaft läuft.

Karl-Gustav Illmer
Karl-Gustav Illmer, Jahrgang 1941, einst Kaiser-Wilhelm-Straße 8.
Karl-Gustav Illmer, Jahrgang 1941, einst Kaiser-Wilhelm-Straße 8.Foto: Ottmar Winter

Was macht dieser Krieg mit uns, der Kriegsgeneration? Suchen uns die Bilder aus der Ukraine fast Tag und Nacht heim, sehen wir die Potsdamer Trümmerlandschaft im Licht dieses sonnigen Frühlings 1945?

Keine Nachricht aus diesem grausamen, von Putin begonnenen Krieg, die ich nicht aufnehme. Und zu begreifen – ja, zu verarbeiten versuche. Die Ereignisse jener Nacht vom 14. auf den 15. April 1945 schieben sich wieder vor mein inneres Auge. Und liegen auch Jahrzehnte dazwischen, sie sind offenbar unauslöschlich in uns, den nur noch wenigen Augenzeugen, eingebrannt.

Es fällt mir oft schwer, nach den Abendnachrichten zur Ruhe zu kommen. Hat unsere Generation vieles von dem, was sie erlebte, trotz längst vergangener Jahrzehnte, hat sie alle diese Schreckensbilder nicht überwunden? Nicht überwinden können? Ich frage es mich oft.

Wenn das Grauen in der Ukraine über die Bildschirme geht, sehe ich mich als Sechs- oder Siebenjährigen durch die Potsdamer Trümmerlandschaft laufen. Meine Mutter und ich (Vater, Rektor der Waldschule am Ravensberg, war in letzter Minute noch in den Osten abkommandiert worden) wohnten in der Kaiser-Wilhelm-Straße 8, heute Hegelallee.

In etwa 20 Minuten sank die Altstadt in Schutt und Asche

Eine angenehme, gutbürgerliche Gegend – auch in jener Nacht zum Glück von Bombentreffern verschont geblieben. Wir erlebten den Angriff im ausgebauten, mit Stahltüren und anderen Sicherungen gut ausgestatteten Luftschutzkeller des Gerichtsgebäudes in der Nachbarschaft. Durch die Fenster sahen wir – in Richtung Jägerstraße blickend – den Feuerschein jenseits der Charlottenstraße. Potsdams Innenstadt stand in Flammen.

Innerhalb von nur etwa 20 Minuten – zwischen 22.20 Uhr und 22.40 Uhr – sank die Altstadt in Schutt und Asche.

Unter dem verstörenden Eindruck des brutalen Krieges in der Ukraine habe ich mir noch einmal die erschreckenden Zahlen herausgesucht: 488 Lancaster-Bomber warfen in einem stundenlangen Zug von Maschinen unter dem Kommando eines australischen Angriffsführers 1780 Tonnen Spreng- und Brandbomben ab. Die Zahl der Toten schwankt bis heute zwischen nahezu 5000, 3578 oder 2500 Menschen. 856 Gebäude wurden völlig zerstört, 248 Gebäude teilweise. 

Schätze der Weltkultur gingen in Flammen auf

Aber über den Mord an Tausenden von Opfern in dieser militärisch völlig sinnlosen Aktion sollte nicht vergessen werden: In weniger als einer halben Stunde gingen Schätze der Weltkultur in Flammen auf: Stadtschloss, Rathaus, Nikolaikirche, Palast Barberini, die Garnisonkirche und komplette Straßenzüge gänzlich oder zum Teil zerstört. Unersetzliche Werke der Menschheitsgeschichte.

Und ich denke bei den Bildern aus der Ukraine mit den flüchtenden Müttern und Kindern an die Tausenden von Flüchtlingen aus den Ostgebieten, die damals in Potsdam Schutz suchen.

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Zu Hunderten unter den Trümmern begraben, oft gar nicht irgendwie registriert, von vielen wissen wir bis heute weder Namen, Tag oder Stunde. Oben auf dem Neuen Friedhof, unterhalb der Ravensberge, liegen sie auf dem besonderen Friedhof – neben dem „Unbekannten Soldaten“ oder der Inschrift „Unbekannte Familie“.

Ein Nicht-Verhältnis zwischen Deutschen und Russen

Ich denke bei dem nahezu übermächtigen Geschehen dieser Tage auch an das deutsch-russische Verhältnis nach dem Krieg in Potsdam: Rund 30 000 Soldaten sollen hier in der Stadt und ringsum stationiert gewesen sein. Es war eigentlich ein Nicht-Verhältnis. Deutsche und Russen ignorierten mehr oder weniger einander – trotz der offiziell verordneten deutsch-sowjetischen Freundschaft.

Wenn ich mit meinem Schulfreund Rüdiger für 20 Pfennig Ost (damals kostete der Park noch Eintritt!) in Sanssouci war, begegneten uns die „Iwans“, wie wir sie nannten, gruppenweise – immer von einem Offizier begleitet. Man sprach nicht miteinander – auch nicht zeichenhaft.

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Aber in unserer Straße gab es ein sogenanntes „Magazin“ für die Rote Armee. Wir konnten dort bestimmte Artikel einkaufen, die es in den staatlichen HO- oder Konsum-Läden nicht gab. Vorn an der Ecke neben dem Nauener Tor befand sich in einer Villa der Sitz des Russischen Stadtkommandanten – heute eine Kita.

Die Bilder von Potsdam 1945 wollen nicht vergehen

Lebhaft erinnere ich mich an die häufigen Begräbniszüge der Armee durch die Friedrich-Ebert-Straße vor unserem Haus. In Richtung Armeefriedhof auf dem Bassinplatz: Vorweg stets eine Kapelle, die den Trauermarsch aus Beethovens „Eroica“ spielte. Auf der Ladefläche des Armeelasters (oft sichtbar aus US-Kriegsbeständen) der blumenumkränzte offene Sarg mit dem Toten, falls es sich um einen Offizier handelte. Seine Orden auf einem Kissen, oft auch ein Foto – späte Opfer eines Krieges.

Angesichts der katastrophalen Lage will ich über politisches Versagen in der Vergangenheit gar nicht nachdenken. Es führt zu nichts. Mich bewegt nur, und dies immer stärker: Wir müssen gemeinsam alles daran setzen, dass Russland den Krieg mit der Ukraine kurzfristig beendet – und das Entsetzen nicht weitere, benachbarte Länder ergreift.

Aber wie hilflos komme ich mir vor. Und die Bilder von Potsdam 1945 wollen nicht vergehen.

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