• „Die Mauer ist nicht von selbst gefallen“

Potsdam : „Die Mauer ist nicht von selbst gefallen“

Auch in Potsdam ist am Sonntag an den Mauerfall erinnert worden. In Groß Glienicke wurde eine neue Gedenkstätte eröffnet

M. Matern

46 Menschen haben zwischen 1961 und 1989 an den Sperranlagen und im Todesstreifen zwischen Berlin und dem heutigen Land Brandenburg ihr Leben gelassen, 17 von ihnen bei Potsdam. Auch an sie ist am Sonntag bei den Feierlichkeiten in Potsdam zum 25. Jahrestag des Falls der Mauer erinnert worden. Im Gedenken an die Opfer steckten Potsdamer Blumen in verbliebene Mauerreste. Die zentrale Jubiläumsveranstaltung der Stadt findet allerdings erst am heutigen Montag auf der Glienicker Brücke statt. Während der Grenzübergang an der Bornholmer Straße in Berlin am 9. November 1989 gegen 23.30 Uhr geöffnet wurde, fiel der Eiserne Vorhang in Potsdam erst einen Tag später gegen 18 Uhr.

In Groß Glienicke war die Grenze zwischen Berlin-Spandau und dem heutigen Potsdamer Stadtgebiet sogar erst am 24. Dezember 1989 um 8 Uhr geöffnet worden. Gemeinsam mit dem Berliner Bezirk Spandau hat Potsdam jetzt die dort vorhandenen, aber überwucherten letzten Elemente der ehemaligen Grenzsicherungsanlagen freigelegt und eine Gedenktafel aufgestellt. Am gestrigen Sonntag wurde die neue Mauergedenkstätte von Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs und Spandaus Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank (beide SPD) eröffnet. Zu der Veranstaltung im Gutspark fanden sich am Nachmittag rund 100 Menschen ein. „Die Gedenkstätte soll auch daran erinnern, dass es der Kampf der Bürger und Bürgerinnen war, der die Mauer zum Einsturz gebracht hat“, sagte Jakobs. „Sie ist nicht von selbst zusammengefallen, auch wenn der Begriff Mauerfall so klingt.“ Die Mauer bezeichnete Jakobs auch als Gefängnismauer, die dafür gesorgt habe, dass Menschen in der Wahrnehmung ihrer Grundrechte gehindert worden seien. Gleichzeitig sei ihr Fall aber auch ein politisches Lehrstück. „Es erinnert uns daran, dass einem Demokratie nicht geschenkt wird, sondern dass sie erkämpft werden muss“, so der Oberbürgermeister. Spandaus Rathauschef Kleebank verwies darauf, wie wichtig Erinnerungsorte seien. „Selbst Menschen, die heute um die 30 sind, haben keine eigenen Erinnerungen mehr an die Zeit.“

Daran, dass mit dem Mauerfall das SED-Regime keineswegs endgültig Geschichte war, erinnerte am Sonntag auch Manfred Kruzeck, einer der beiden Vorstände des Vereins „Forum zur kritischen Auseinandersetzung mit DDR-Geschichte im Land Brandenburg“ an der Mauergedenkstätte Griebnitzsee. Kruzeck schilderte, wie Politbüromitglied und DDR-Verteidigungsminister Heinz Keßler damals am 11. November den Chef der Landstreitkräfte, Horst Stechbarth, anrief und ihn fragte, ob er bereit sei, mit zwei Regimentern nach Berlin zu marschieren, um „dafür zu sorgen, dass der Tanz auf der Mauer aufhört“. „Das ist Gott sei Dank nicht passiert“, so Kruzeck. Nur 15 Menschen waren der Einladung an das Ufer des Griebnitzsees gefolgt, wo der Forum-Verein sechs Elemente der sogenannten Hinterlandmauer erhalten hat. Zweimal im Jahr erinnert der Verein an dieser Stelle an die Schrecken der Teilung. Wie wichtig der Erhalt solcher Orte ist, hob Rainer Potratz als Vertreter der Landesbeauftragten Brandenburgs zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur hervor: „Es ist leichter, die ganze Dimension zu ermessen, wenn auch dezentral immer wieder erinnert wird.“

Am ehemaligen Grenzturm in der Bertinistraße wurde auf Initiative der Nachbarschaft ein Freudenfeuer zum Mauerfall-Jahrestag entzündet, und in Steinstücken wurde an der ehemaligen Grenze entlanggewandert. M. Matern

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