• Die Lage in Potsdam am Donnerstag: Jeder fünfte Patient im Bergmann-Klinikum infiziert

Die Lage in Potsdam am Donnerstag : Jeder fünfte Patient im Bergmann-Klinikum infiziert

Im Potsdamer Bergmann-Klinikum steigt die Zahl der Corona-Toten auf acht. Interventionsteam des Robert-Koch-Instituts kommt am Freitag nach Potsdam. Der Tag im Überblick.

Klinikum im Fokus. Im Gebäudeteil H (rot markiert) werden die Covid-Patienten versorgt, die keine schweren Symptome aufzeigen.
Klinikum im Fokus. Im Gebäudeteil H (rot markiert) werden die Covid-Patienten versorgt, die keine schweren Symptome aufzeigen.Foto: nLutz Hannemann

Nach dem Corona-Ausbruch im Klinikum „Ernst von Bergmann“ ist dort erneut ein Mensch gestorben. Es handelt sich um einen 82-jährigen Mann aus Potsdam, teilte die Stadtverwaltung am Donnerstag mit. Auf PNN-Nachfrage bestätigte eine Stadtsprecherin, dass es sich bei dem Verstorbenen um einen Patienten aus der besonders betroffenen Geriatrie des Hauses gehandelt habe. Der Mann ist der fünfte Todesfall nach Corona-Infektion von dieser Station und der achte Corona-Tote im Klinikum.

In dem kommunalen Krankenhaus, für das wegen des Ausbruchs seit Mittwoch ein Aufnahmestopp gilt, kämpfen immer mehr Corona-Patienten um ihr Leben. 14 Menschen liegen demnach auf der Intensivstation, drei mehr als am Tag zuvor. Zehn Personen müssen beatmet werden. Von den Patienten ist nur einer jünger als 60 Jahre, hieß es. Aktuell werden im Klinikum insgesamt 78 positiv auf das Coronavirus getestete Personen versorgt, 17 mehr als noch am Vortag. Das hätten im Klinikum neu eingetroffene Testergebnisse ergeben, sagte eine Stadtsprecherin auf Nachfrage. Derzeit ist das 1100-Betten-Haus mit 389 Menschen belegt, jeder fünfte Patient ist infiziert. 

Klinikum nennt weitere Details

Das Klinikum antwortete am Donnerstagabend auf eine PNN-Anfrage und bestätigte, dass 63 Mitarbeiter infiziert sind und in die häusliche Quarantäne gesandt wurden. Seit dem 16. März habe man 3347 Personen getestet, neben Patienten 1324 von 2370 Mitarbeitern. Ein Problem dabei: Die Ergebnisse treffen laut Klinikum erst nach ein bis vier Tagen ein, je nach Labor. So lange könne möglicherweise infizierte Menschen unerkannt im Krankenhaus unterwegs sein. "Das Klinikum Ernst von Bergmann ist das einzige Krankenhaus in Deutschland, das aufgrund der Situation selbstständig entschieden hat, sämtliche Mitarbeiter konsequent zu testen", erklärte das Haus in der Mitteilung.

Ferner stellte das Klinikum weitere Tests in Aussicht, bis kommenden Montag sollen die Patienten der Psychiatrie, Psychosomatik und Kinder- und Jugendpsychiatrie vollständig getestet werden. Auch in den betroffenen Stationen, in denen bereits infizierte Patienten entdeckt worden seien, würden die Tests nach drei Tagen wiederholt - das betreffe die Urologie, Gastroenterologie, Allgemeinchirurgie, Nephrologie, Pulmologie und die besonders im Fokus stehende Geriatrie.  

Team des Robert-Koch-Instituts wird erwartet

Am Freitag, dem 3.4.2020, wird ein Interventionsteam des Robert-Koch-Instituts (RKI) im Klinikum erwartet, sagte ein Sprecher der Stadt am Donnerstag. Dann würden Abläufe überprüft, unter anderem wie infizierte und nicht-infizierte Patienten noch besser getrennt voneinander werden. Zudem kündigte das Klinikum am Abend den Aufbau einer zweiten Corona-Station mit 36 weiteren Betten, die bereits zur Verfügung stehen, an. Ab 13. April soll eine weitere Station für Covid-19-Patienten mit 24 Betten ans Netz gehen. 

Klinikum: Hygienebestimmungen nicht gelockert

„Priorität hat weiterhin die Minimierung des Infektionsrisikos innerhalb des Klinikums sowie die Aufklärung möglicher Infektionsketten in den vergangenen Tagen, um diese effektiv zu unterbrechen“, teilte die Stadtverwaltung mit. Die Ursache für den Corona-Ausbruch ist also noch unklar. Eine PNN-Anfrage an das Klinikum, ob zwischenzeitlich gelockerte Bestimmungen bei Handschuhen und Schutzmasken ein Grund sein könnten, beantwortete das Klinikum mit dem Hinweis: "Die Hygienebestimmungen wurden nicht gelockert, sondern es galten weiterhin die Anforderungen des RKI." 

Wie berichtet hatte das Klinikum im Zuge der Krise – wie andere Häuser in Deutschland auch – über knapper werdendes Material geklagt. Daher hatte die Leitung des Hauses verfügt, dass zum Beispiel Tätigkeiten wie Blutdruck messen oder Infusionen legen bei Patienten ohne Infektionsrisiko auch ohne Handschuhe durchgeführt werden könnten. Auch Mund-Nasen-Schutzmasken wurden nur noch bei Arbeiten „mit direktem Kontakt mit Haut, Schleimhaut, Ausscheidungen und bei Wunden bei Patienten mit multiresistenten Erregern getragen“ – sowie von Mitarbeitern „bei möglichen Erkältungssymptomen zum Schutz der Patienten“, wie das städtische Unternehmen am 20. März erklärt hatte. Inzwischen gilt wieder eine Maskenpflicht. Das Klinikum erklärte, die Corona-infizierten Patienten müssten sich nicht innerhalb des Klinikums angesteckt haben: "Patienten können auch, sofern sie symptomfrei sind, schon Covid-positiv eingeliefert oder aufgenommen worden sein." 

Nur noch Notfälle

Das derzeit mit knapp 400 Patienten belegte Haus ist nicht geschlossen, nimmt aber nur noch unabweisbare Notfälle und Schwangere auf. Alle anderen neuen Patienten sollen nun unter anderem im deutlich kleineren St. Josefs-Krankenhaus behandelt werden. Dort sind laut Rathaus aktuell 14 Menschen mit einer Infektion in stationärer Behandlung, zwei davon auf der Intensivstation.

Am Bergmann-Klinikum herrscht seit 1. April ein Aufnahmestopp für Patienten.
Am Bergmann-Klinikum herrscht seit 1. April ein Aufnahmestopp für Patienten.Foto: Soeren Stache/dpa

Potsdamer Zahlen über dem Bundesschnitt

Auch die Zahl der mit dem Coronavirus infizierten Potsdamer ist am Donnerstag erneut stark gestiegen – um weitere 34 auf insgesamt 203. Das entspricht einer Verdreifachung binnen einer Woche – und einem Wert von rund 110 Kranken auf 100 000 Einwohner. Der Durchschnittswert in Deutschland liegt aktuell laut RKI bei 88 Kranken, in Brandenburg bei 40, in Baden-Württemberg bei 132. Rund 350 Potsdamer befinden sich als Kontaktpersonen ersten Grades in häuslicher Quarantäne – deutlich weniger als am Vortag, weil für einen Teil der Menschen nach Ablauf von zwei Wochen die häusliche Isolation nach RKI-Kriterien wieder aufgehoben werden konnte.

Die KVBB reagiert auf den Aufnahmestopp

Auf den Aufnahmestopp reagierte unter anderem die Kassenärztliche Vereinigung Brandenburg (KVBB): Die von ihr betriebene ärztliche Bereitschaftspraxis am St. Josefs ist nun mit zwei Ärzten doppelt besetzt. Das Ziel der KVBB sei es laut ihrem Vorstandsvorsitzender Peter Noack, „die Rettungsstellen der Potsdamer Krankenhäuser zu entlasten und die Patienten bedarfsgerecht zu versorgen“.

Das Klinikum erklärte, am Donnerstag habe man nur sechs Patienten aufgenommen, etwa wegen Schlaganfällen. Normalerweise seien es 130 Aufnahmen am Tag. Zugleich teilte das Klinikum zur Kinderstation des Hauses mit: "Die Kinderstation bleibt für Notfälle offen. Alle Kinder, die stationär aufgenommen werden müssen, bekommen einen Abstrich und verbleiben bis zum vorliegenden Testergebnis in einem separaten Bereich."

Reiseweg eines verstorbenen Potsdamers steht fest

Derweil hat die Bundespolizei den Reiseweg eines nach einer Covid-19-Erkrankung gestorbenen Arztes von London nach Potsdam ermittelt. Die Ergebnisse liegen dem Gesundheitsamt vor, wie Bundespolizei und eine Sprecherin der Stadt am Donnerstag mitteilten. Das Gesundheitsamt werde nun mit allen auf dem Reiseweg nachvollziehbaren Personen aus Potsdam in Kontakt treten und zudem alle anderen betroffenen Gesundheitsämter informieren, hieß es. Der Mann hatte in einer Londoner Klinik gearbeitet und dort Symptome des neuartigen Virus gezeigt. Sein Arbeitgeber hatte ihn daraufhin in häusliche Quarantäne geschickt – der Arzt war aber nach Potsdam gereist und in häuslicher Isolation in seiner Zweitwohnung in Babelsberg gestorben.

Auch gute Nachrichten in der Krise

Zwei gute Nachrichten gab es am Donnerstag auch: Bislang acht Corona-Patienten konnten aus dem Klinikum gesund nach Hause entlassen werden. Und wie berichtet hatten die Stadt und das Bergmann-Klinikum dazu aufgerufen, Schutzmasken zu nähen. Die Schneiderei im Hans Otto Theater hat reagiert – und konnte nun 350 selbstgenähte Masken an das Krankenhaus übergeben.

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