Potsdam : Die Gretchenfrage der Garnisonkirche

Am Samstag wird die neue Ausstellung über die Barockkirche an der Breiten Straße eingeweiht

Guido Berg
Bruchstücke der Geschichte. Ein Interessierter betrachtet Teile des Schwarzen Adlerordens aus der Mittelkonsole am Turmportal der Garnisonskirche, zu sehen in der neuen Ausstellung.
Bruchstücke der Geschichte. Ein Interessierter betrachtet Teile des Schwarzen Adlerordens aus der Mittelkonsole am Turmportal der...Foto: dpa/Bernd Settnik

Innenstadt - Um 12 Uhr wird am heutigen Samstag die neue Ausstellung zur Garnisonkirche in der temporären Kapelle an der Breiten Straße eröffnet. Parallel rufen die Protagonisten für ein „Potsdam ohne Garnisonkirche“ zu einer Demonstration auf. Bereits am Freitag informierten Kurt Winkler, Direktor des Hauses der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (HBPG), HPBG-Ausstellungskurator Thomas Wernicke, Peter Leinemann, Geschäftsführer der Garnisonkirchen-Stiftung, Pfarrerin Juliane Rumpel und Stephanie von Hochberg vom Förderverein vorab über Inhalte, Ziele und Intentionen der Ausstellung.

Der Historiker Winkler stellte klar, dass sich die Ausstellung stark auf die politische Bedeutungsgeschichte der Garnisonkirche konzentriert – kunstgeschichtliche und architektonische Aspekte werden nicht in den Mittelpunkt gerückt. Insbesondere setzt sich die Ausstellung mit dem „Tag von Potsdam“ auseinander, dem Festakt zur Einberufung des neuen Reichstages am 21. März 1933 nach dem Machtantritt Adolf Hitlers. Dieser Tag habe sich „ins kollektive Gedächtnis tief eingeprägt“. Wie Kurator Wernicke beleuchtete, hatten die Nationalsozialisten eigentlich die Kranzniederlegung in der Gruft Friedrich II. durch Reichspräsident Paul von Hindenburg und Hitler als zentrales Symbol der „Vermählung von alter Größe und neuer Kraft“ (Hitler) geplant. Übertragen wurde die Szene im Rundfunk, begleitet ausgerechnet durch die Worte eines Kriegsblinden. Bild des Tages in der deutschen Geschichte wird jedoch, völlig ungeplant, das Foto des Fotografen Theo Eisenhart. Es zeigt den Handschlag von Hitler, sich verneigend, vor Hindenburg. Was wenige wissen: Das Foto entstand vor der Garnisonkirche, bei der Verabschiedung. „Das Bild wird erst nach dem Krieg verbreitet“, so der Historiker Wernicke. Dazu Peter Leinemann: „Die eigentliche Bedeutung bekam das Bild erst später.“ Winkler: „So funktioniert die Feinmechanik der Ideologie. Erst hinterher wird eine symbolische Verbrüderung inszeniert.“ Stephanie von Hochberg: Es entstehen zufällige Bilder, dabei wird „eine stinknormale Guten-Tag-Auf-Wiedersehen-Geste“ im Nachhinein zum Handschlag mit Bedeutung. Pfarrerin Rumpel: Möglich sein müsse eine „Rekonstruktion“ des Tages von Potsdam „mit neuem Blick“.

Freilich referierte HBPG-Chef Winkler über historische Aufklärung, über „Objektivierung statt Relativierung“, damit jeder „wisse, worüber er sich streitet“. Durch wiederholtes Nachfragen von Journalisten wurde der Historiker – wenn auch nicht zur endgültigen Beantwortung – wohl aber zum Formulieren der Gretchenfrage des Wiederaufbauprojektes Garnisonkirche gedrängt. Winkler: „Ist es legitim, einen solchen Ort wieder aufzubauen, wo so etwas geschehen ist?“

„Meine Antwort“, sagte Winkler: „Die Ablehnung des Wiederaufbaus kann nicht aus der Geschichte begründet werden. Das wäre eine ahistorische Betrachtung.“ Die Antwort müsse aus der Gegenwart bezogen werden: „Es geht um die Bedeutung für die Lebenden.“

Die Banner mit den historischen Darlegungen über die 1730 bis 1735 errichtete, 1945 schwer beschädigte und 1968 auf SED-Anweisung abgerissene Barockkirche sind in blauer Farbe hinterlegt. Orange leuchten dagegen drei Banner, in denen die Garnisonkirche-Stiftung über Motivationen und Ziele des Wiederaufbaus informiert. Darin geht es um das Fehlen der Militärkirche, um „die Fehlstelle im Stadtbild“ und „die Fehlstelle im Herzen“. Ein Zeitstrahl informiert über die wesentlichen Daten in der Geschichte der Kirche. Selbstbewusst steht für das Jahr 2017: „Einweihung des Turmes am 30. Oktober anlässlich 500 Jahre Reformation“. Spenden in Höhe von 39 Millionen wird allein der Turmbau benötigen.