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Die Debatte beginnt : Das Rechenzentrum könnte stehen bleiben

Bis zu 10,6 Millionen Euro für den Kompletterhalt: Die Debatte um den Erhalt des Kreativhauses geht in die heiße Phase.

Das Rechenzentrum an der Breiten Straße.
Das Rechenzentrum an der Breiten Straße.Foto: Andreas Klaer

Innenstadt - Der teilweise Erhalt des umstrittenen Kreativhauses im früheren Rechenzentrum wäre kostspielig, aber machbar. Das ist das zentrale Ergebnis einer Untersuchung des kommunalen Sanierungsträgers für die Potsdamer Mitte, die am Freitag der Presse vorgestellt wurde.

Bis zu 8,7 Millionen Euro

Demnach würde ein teilweiser Rückbau plus Sanierung je nach Variante zwischen 7,3 und 8,7 Millionen Euro kosten. „Damit wäre man im Kostenbereich von Neubauvorhaben und darüber“, gab Sanierungsträgerchef Bert Nicke zu bedenken. Zur Deckung dieser geschätzten Kosten würden dann die Nettokaltmieten in dem Haus deutlich steigen, auf Werte zwischen 15 bis 24 Euro pro Quadratmeter. Von der Stadtpolitik ist bisher als Schmerzgrenze eine Miete von neun Euro ausgegeben worden. Gleichwohl muss das Haus umfassend saniert werden, von der Fassade über die Elektroleitungen bis zu den Heizungs- und Sanitäranlagen.

Für die von den Stadtverordneten im Mai auf Initiative der Linken beschlossene Studie hat der städtische Sanierungsträger demnach zwei Varianten untersucht, die beide auch den Bau eines Kirchenschiffs für die benachbarte Garnisonkirche möglich machen würden. Dem Wiederaufbau steht der südöstliche Teil des Rechenzentrums bekanntlich im Weg. Allerdings haben die Initiativen für die Garnisonkirche aktuell nur den begonnenen Aufbau des rund 40 Millionen Euro teuren Kirchturms im Blick, für diesen müssen sie noch vier Millionen Euro sammeln. Für das Kirchenschiff ist bisher nur klar, dass dessen Gestalt einen klaren architektonischen Bruch zur Geschichte der Barockkirche bilden soll – das war eine Bedingung dafür, dass die Evangelische Kirche für das Projekt Geld aufwendete.

Nun geht die Debatte erst richtig los

Die neue Studie dürfte der Debatte um die 1968 auf Geheiß der DDR-Führung gesprengte Garnisonkirche und das danach errichtete und seit 2015 für die Kreativszene geöffnete Rechenzentrum neuen Zündstoff geben. So hatte in der Vergangenheit der Potsdamer Historiker Martin Sabrow als Chef des Zentrums für Zeithistorische Forschung mehrfach gefordert, das Rechenzentrum als Quasi-Kirchenschiff zu nutzen. Dieser Kompletterhalt des Rechenzentrums würde laut der neuen Studie demnach 10,65 Millionen Euro kosten, die Kaltmiete vor Ort auf Werte zwischen 10,27 bis 12,63 Euro pro Quadratmeter steigen. Dem Erhalt müsste die Stiftung Garnisonkirche aber zustimmen. Daher sei das nur eine theoretische Möglichkeit, heißt es in der Untersuchung. So müsste auch aus bauordnungsrechtlichen Gründen ein Mindestabstand zwischen dem Garnisonkirchturm und dem Rechenzentrum eingehalten werden, sagte Baudezernent Bernd Rubelt (parteilos). Was das an Mehrkosten verursachen würde, lässt die Studie offen.

Für das Rechenzentrum ist ein Ersatz geplant

Das Rechenzentrum soll bislang bis Ende 2023 von einem neuen „Creative Village“ auf dem brachliegenden Gelände der ehemaligen Feuerwache ersetzt werden. Die Pläne dafür waren unlängst vorgestellt worden, verwirklichen will diese das Berliner Unternehmen Glockenweiß – auch unabhängig von der Zukunft des Rechenzentrums, wie es bei der Präsentation des Vorhabens hieß. Denn der Raumbedarf für die Kreativwirtschaft in Potsdam sei enorm. Zudem würde man auch bei einem Erhalt des Rechenzentrums zumindest übergangsweise Räume für die Künstler und Kreativen benötigen, denn eine Sanierung des DDR-Baus bei laufendem Betrieb wäre vermutlich nur sehr eingeschränkt möglich.

Mit den neuen Zahlen liegen nun alle Fakten auf dem Tisch, gerade für die von Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) angestrebte umfassende Debatte zu einer neuen Positionierung der von einer rot-grün-rot dominierten Stadtverordnetenversammlung in der seit Jahren geführten Garnisonkirchendebatte. Der Rathauschef versucht seit Monaten, einen Kompromiss zu finden, bei dem sich aus seiner Sicht alle Seiten bewegen und Maximalforderungen aufgeben müssten. Für den Januar ist dabei eine Generalaussprache in einem Sonderhauptausschuss geplant. Schubert selbst hatte eine internationale Jugendbegegnungsstätte neben dem Turm ins Spiel gebracht – die natürlich auch in dem Bau eines Rechenzentrums ihren Platz finden könnte. Diese Idee war aber bei Befürwortern wie Gegnern auf Widerstand gestoßen. Zusätzlichen Symbolgehalt erhält die Diskussion auch wegen der seit Jahren erbittert geführten Debatte um den Erhalt von DDR-Architektur in Potsdam.

Auch der Stadtkanal ist betroffen

Die Machbarkeitsstudie zeigt ferner, dass bei dem Streit über das Rechenzentrum auch das von Schubert wieder angeschobene Langzeitprojekt Stadtkanal mitgedacht werden muss. So müsste mit dem jetzt vor Ort geltenden Bebauungsplan für den Stadtkanal und die jetzige Fahrbahnbreite der Dortustraße ebenfalls der dort angrenzende Teil des Rechenzentrums weggerissen werden, bestätigte Harald Kümmel, der Leiter des Büros für besondere Rathauspläne – jedoch könne man die Straßenführung mit einer Änderung des B-Plans auch verengen. Bekanntlich will die rot-grün-rote Rathauskooperation perspektivisch ohnehin eine autofreie Innenstadt durchsetzen.

Hermann Voesgen.
Hermann Voesgen.Foto: Andreas Klaer

Erste Reaktionen auf die Studie gab es am Freitag schon während der Pressekonferenz, zu der auch Vertreter des Rechenzentrums gekommen waren. So kritisierte Hermann Voesgen, Chef des Vereins „Freundliche Übernahme Rechenzentrum“ und Mitglied der Potsdamer Grünen, dass die Expertise der Nutzer für die Erstellung der Machbarkeitsstudie nicht genutzt worden sei. Dies sei kein „respektvoller Umgang“. Baudezernent Rubelt gab zurück: Bestellt habe die Studie die Stadtverordnetenversammlung, „Sie haben keine Vorrangposition“.

Sanierungsträger-Chef Nicke wies den ebenso erhobenen Vorwurf zurück, dass die Sanierung zu teuer gerechnet worden sei. So sei das Gutachten von der Berliner Belius GmbH erstellt worden, diese habe auch die Kostenschätzungen für das besagte Kreativquartier geliefert, hieß es. Gleichwohl kündigten die Vertreter des Rechenzentrums noch während der Pressekonferenz an, auch eigene Zahlen neben die Angaben aus der Machbarkeitsstudie legen zu wollen.

HINTERGRUND: 300.000 Euro mehr für das Rechenzentrum

Für den derzeit bis Ende 2023 vorgesehenen Weiterbetrieb des Kreativhauses Rechenzentrum muss die Stadtverwaltung noch einmal 300 000 Euro extra zuschießen. Das teilte das Rathaus am Freitag mit. Damit sollen Brandschutzmaßnahmen für den bis zu 199 Besucher fassenden Versammlungs- und Ausstellungsbereich im Erdgeschoss finanziert werden, unter anderem geht es nach Mitteilung aus dem Rathaus um Feuerschutztüren und einen zweiten Rettungsweg. Ferner müsse ein behindertengerechtes WC für den Mehrzweckraum eingebaut werden, hieß es. In den vergangenen Jahren waren für den Weiterbetrieb des Hauses bereits 660 000 Euro ausgegeben worden. Über die Zusatzsumme soll der Hauptausschuss der Stadtverordneten am 11. Dezember beraten, angesichts der Mehrheitsverhältnisse dort dürfte die Zustimmung als sicher gelten. Die Stadtverordneten hatten bereits im November 2017 beschlossen, dass die Stadt für die Nutzung des sanierungsbedürftigen Baus bis Ende 2023 alle notwendigen Mehrkosten tragen soll.