• Die Corona-Lage in Potsdam am Freitagabend: Eine Krise auf vielen Ebenen

Die Corona-Lage in Potsdam am Freitagabend : Eine Krise auf vielen Ebenen

Ein Ausbruch im Bergmann-Klinikum, Rekordinfektionszahlen, Personalnot in den Kitas, lange Schlangen bei Impfaktionen: Die Coronakrise hat Potsdam im Griff.

Das Bergmann-Klinikum in Potsdam.
Das Bergmann-Klinikum in Potsdam.Foto: Ottmar Winter

Potsdam - Das Coronavirus breitet sich in Potsdam aus, aber weiter nicht ganz so dynamisch wie im restlichen Land Brandenburg: Vom vergangenen Samstag bis Freitag sind in Potsdam genau 860 Corona-Neuinfektionen gemeldet worden – allein gestern waren es 207. Die Sieben-Tage-Inzidenz ist damit auf einen neuen Rekordwert von fast 457 gestiegen – am vergangenen Freitag waren es noch 355. Der Anstieg seitdem betrug 28 Prozent, ähnlich dem Niveau der Woche zuvor.

Zum Vergleich: Im gesamten Land Brandenburg kletterte die Inzidenz seit vergangenem Freitag auf fast 664 – ein Plus von insgesamt 31 Prozent. In der Vorwoche ging die Inzidenzzahl noch um 55 Prozent nach oben – was deutlich mehr als in der Landeshauptstadt war. Gleichwohl ist auch Potsdam durch die vierte Welle vielfältig betroffen – nicht nur, weil auch wieder Todesfälle gemeldet werden, am Freitag einer. Somit kamen bisher 252 Menschen aus Potsdam in Zusammenhang mit dem Coronavirus ums Leben. Die PNN geben einen Überblick zur Situation.

Ein Ausbruch im Bergmann-Klinikum

Am kommunalen Klinikum „Ernst von Bergmann“ gibt es einen Corona-Ausbruch auf der Urologie. Betroffen seien bis zu neun Patienten und zwei Mitarbeitende, der Ausbruch werde nun nach einem standardisierten Hygiene- und Sicherheitskonzept von einem Ausbruchsteam unter Leitung des Hygiene-Chefarztes eingedämmt, teilte Klinikum-Geschäftsführer Hans-Ulrich Schmidt am Freitagabend auf PNN-Anfrage mit. Zuvor hatte der RBB berichtet. Für die Station gelte nun ein Aufnahmestopp, hieß es. Alle Patienten des Bereichs sowie alle Mitarbeiter würden per PCR-Test auf das Virus getestet, um auch mögliche asymptomatische Infektionen festzustellen. Die positiv getesteten Patienten seien auf die Covid-Station verlegt worden, alle weiteren isoliert. Das Klinikum betonte, dass Ausbrüche wegen der Pandemie „leider Teil des neuen Alltags“ von medizinischen Einrichtungen seien. Entscheidend sei, diese frühzeitig zu erkennen und zu beenden. Am Klinikum hatte es im Frühjahr 2020 einen massiven Corona-Ausbruch mit zahlreichen Toten gegeben.

Generell meldete die Stadt am Freitag 45 Covid-Patienten, davon elf auf der Intensivstation. Vor einer Woche ging es noch um 35 Patienten, davon acht mit schweren Verläufen. Zuletzt hatten die Kliniken solche Covid-Patientenzahlen Mitte Februar erlebt. Auf dem Höhepunkt der zweiten Welle waren am 3. Januar an einem Tag auch 123 Patienten gemeldet worden, damals mit 26 Menschen in intensivmedizinischer Behandlung. Vor genau einem Jahr ging es am 26. November – noch ohne Impfkampagne, aber auch mit einem nicht so ansteckenden Virus und einer wesentlich niedrigeren Inzidenz von 86 – um 50 Patienten, davon 16 auf den Intensivstationen.

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Zur allgemeinen Lage sagte der Chef-Infektiologe am Bergmann-Klinikum, Tillmann Schumacher, in einem am Freitag erschienenen Interview mit der „Märkischen Allgemeinen“, nach mehreren Viruswellen sei das Personal zunehmend erschöpft, sei es immer schwieriger, die Intensivstationen zu besetzen. Mittlerweile seien auch deutlich mehr geimpfte ältere Patienten auf der Station – die durch den Vakzin-Schutz aber insgesamt weniger schwer krank würden als noch vor einem Jahr, als viele Senioren gestorben waren. Gleichwohl meldete das Rathaus am Freitag einen weiteren Todesfall in Zusammenhang mit Corona.

Derweil schränkt das St. Josefs-Krankenhaus pandemiebedingt den Eintritt für Besucher extrem ein. Am Bergmann-Klinikum gilt bereits eine Maskenpflicht und 2G-plus, also nur Geimpfte oder Genesene mit aktuellem Test haben Zugang. Das St. Josefs geht ab dem heutigen Samstag einen Schritt weiter und verhängt einen Besuchsstopp, auch für das geriatrische Fachkrankenhaus in der Weinbergstraße. Ausnahmen seien – nach Absprache – für die Intensivstation, den Kreißsaal oder im Palliativbereich möglich. Für ambulante Patienten gelte die 3G-Regel, hieß es.

Personalkrise in den Kitas

Wiederholt haben Kita-Träger in Potsdam in den vergangenen Wochen vor einer zunehmend schwierigen Personallage in den Einrichtungen gewarnt – so auch am Donnerstagabend im Jugendhilfeausschuss. Dort schilderte Sabine Frenkler von der Potsdamer Arbeiterwohlfahrt, in manchen Einrichtungen sei etwa durch Quarantänen, aber auch durch Erkrankungen nur noch die Hälfte der Belegschaft vorhanden – hier würde bereits über verkürzte Öffnungszeiten gesprochen. Denn selbst bei Leiharbeitsfirmen finde man derzeit keinen Ersatz für das fehlende Personal. Zugleich würde das Gesundheitsamt bei einzelnen Corona-Fällen zum Teil ganze Kita-Gruppen in die Quarantäne schicken, auch wiederholt. Für Familien sei das zum Teil belastend, zumal dann die betreuenden Mütter oder Väter in ihren regulären Jobs, etwa auch in der Pflege, nicht arbeiten könnten, gab Frenkler zu bedenken.

Nico Hofmann
Nico HofmannFoto: Stefan Puchner/dpa

Ein dramatischer Appell

Seine Corona-Erkrankung machte jetzt der Potsdamer Filmproduzent und Ufa-Chef Nico Hofmann öffentlich. In einem Beitrag für die „Bild“-Zeitung schilderte der 61-Jährige, wenige Tage vor seiner dritten Booster-Impfung habe er sich angesteckt. „Der Verlauf war kritisch, über zehn Tage lang lag das Fieber knapp unter 40 Grad.“ Politische Corona-Debatten würden im Krankenstand völlig absurd erscheinen. Ihn habe eine „Leichtfertigkeit im Denken“ ansteckbar gemacht – sich scheinbar immun gefühlt und ins Lebensgetümmel gestürzt zu haben. Umso wichtiger seien nun Umsicht und Solidarität, gerade gegenüber Mitmenschen.

Schulen im Krisenmodus

20 der 33 Potsdamer Grundschulen verzeichnen aktuell schon Corona-Fälle, hatte die Stadtverwaltung bereits am Donnerstagabend öffentlich gemacht. Das sind 60 Prozent. Die Gesamtzahl der infizierten Kinder und Jugendliche in Kitas und Schulen beträgt aktuell 237. Hier ist die Tendenz allerdings rückläufig: Vor einer Woche ging es noch um 311 Infizierte, am 10. November wiederum um 220. Seit 15. November gilt an den Grundschulen – nach langem Zögern des Bildungsministeriums – wieder eine Maskenpflicht. Seitdem sendet das Gesundheitsamt auch nicht mehr automatisch alle Kinder einer Klasse mit einem Corona-Fall in die Quarantäne – sondern nur, wenn die Schüler gemeinsam Sport oder Musik hatten. Insgesamt sind derzeit 1064 Kinder und Jugendliche in Quarantäne, vor einer Woche waren es 1600.

Diverse Absagen

Der Veranstaltungsplan in der Stadt wird ausgedünnt. Drei Beispiele von vielen: Das für Sonntag im Kunsthaus sans titre geplante Konzert des Kölner Jazztrios Malstrom ist abgesagt. Auch Fußballspiele fallen aus: So hatte der Fußball-Landesverband zuletzt erklärt, mit dem Spielbetrieb in allen Altersklassen vorzeitig in die Winterpause zu gehen. Kurzfristig die Einhaltung der 2G-Regel zu gewährleisten sei organisatorisch nicht möglich, so der Verband. Schon diese Woche waren alle Weihnachtsmärkte in Brandenburg geschlossen worden.

Geduld gefragt. Wie schon so oft bildete sich auch am Freitag eine lange Schlange von Impfwilligen, dieses Mal vor der Universität Potsdam am Neuen Palais.
Geduld gefragt. Wie schon so oft bildete sich auch am Freitag eine lange Schlange von Impfwilligen, dieses Mal vor der Universität...Foto: A. Klaer

Weiter Chaos beim Impfen

Es war ein fast gewohntes Bild: Bei einer Impfaktion am Neuen Palais bildete sich am Freitag eine hunderte Meter lange Warteschlange. Nächste Woche sind vier solcher Aktionen geplant: Diese finden am Montag im Treffpunkt Freizeit sowie am 2. Dezember ab 11 Uhr im Bürgerhaus Bornim und am 3. sowie 4. Dezember ab 11 Uhr im Stern Center statt. Bei solchen Angeboten hatten sich zuletzt lange Schlangen gebildet. Zugleich plant die Stadt zwei neue Impfzentren in der Babelsberger Metropolis- und der Schinkelhalle in der Schiffbauergasse, die im Dezember an den Start gehen sollen. Im sozialen Netzwerk „Telegram“ wiederum kündigten Corona-Leugner an, sie würden am heutigen Samstag in der Brandenburger Straße ein Gedenken an angebliche Impfopfer abhalten. (mit cmü/SCH)

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