• „Die Bedrohung ist für Juden Normalität“: Antisemitismus-Forscher von Anschlag in Halle nicht überrascht

„Die Bedrohung ist für Juden Normalität“ : Antisemitismus-Forscher von Anschlag in Halle nicht überrascht

Der Potsdamer Antisemitismus-Forscher Gideon Botsch kritisiert, „wie wenig Warnungen ernst genommen werden“.

Carsten Holm
Eine Frau legt an der Mauer vor der Synagoge eine Sonnenblume nieder.
Eine Frau legt an der Mauer vor der Synagoge eine Sonnenblume nieder.Foto: Soeren Stache/dpa

Herr Botsch, nach den rechtsextremistisch motivierten Todesschüssen von Halle hat die Polizei auch in Potsdam und Brandenburg die Sicherheitsvorkehrungen vor jüdischen Einrichtungen verstärkt. Welche Gedanken haben Sie, wenn Sie diese Polizeipräsenz sehen?
Das ist ein bedrückendes Gefühl. Aber es ist gut, dass die Polizei da ist; zumal dieser Schutz ja keine Symbolpolitik oder das Zeichen einer Panik ist. Er ist Ausdruck der Bedrohungslage einer kleinen Minderheit.

So schrecklich der Anschlag ist: Sie klingen ruhig – so, als seien Sie nicht sehr überrascht von den Ereignissen.
Das ist richtig. Als ich am Dienstag, dem Tag vor Yom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag, in Potsdam Feierabend gemacht habe, fragte ich mich, wo auf der Welt unsere Feinde uns auf ihre Weise einen ,schönen Feiertag’ wünschen würden. Dass so nah, in Halle, etwas passieren würde, war nicht erwartbar.

Weil es offenkundig keine besondere Bedrohungslage für Halle gab?
Diese Perspektive halte ich für problematisch. Rechtsextremismusexperten weisen doch schon seit Monaten auf die zunehmende neonazistische Bedrohung hin. Es ist bitter, das sagen zu müssen, aber sie ist für Juden Normalität. Der Attentäter von Halle erschießt eine Passantin in der Nähe der Synagoge, dann einen Mann in einem Döner-Imbiss und kann anschließend etliche Kilometer aus der Stadt hinausfahren, bis er gestellt wird. Ich bin immer wieder verblüfft darüber, wie wenig unsere Warnungen ernstgenommen werden und in Sicherheitskonzepte einfließen.

Wie schätzen Sie die Lage in Potsdam ein?
Das Bild, das die Landeshauptstadt mit Blick auf Antisemitismus als eine Insel der Seligen zeichnet, ist falsch. Die Stadt hat ein hohes Fallaufkommen.

Sie sprechen von der Mitte August veröffentlichten Kriminalitätsbilanz der brandenburgischen Polizei.
Richtig. Von 2014 bis 2018 zählte die Polizei insgesamt 433 judenfeindliche Delikte in Brandenburg. Im Landkreis Oberhavel wurden 46 Straftaten ermittelt, in Cottbus waren es 38 und in Potsdam 33. In Brandenburg hat sich gezeigt, dass diese Taten überwiegend aus dem rechtsextremistischen Milieu heraus begangen werden.

Haben Sie persönlich Erfahrungen mit Antisemitismus gemacht?
Jede Jüdin und jeder Jude in Deutschland kommt damit in Berührung. Ich war noch Grundschüler in Berlin, als ich zum Religionsunterricht abgeholt und mit einer kleinen Gruppe in die jüdische Gemeinde gebracht wurde. Wir wurden von Personenschützern begleitet. Sprechen sollten wir darüber aus Sicherheitsgründen nicht. Als ich elf Jahre alt war, sprengte in Berlin ein palästinensisches Kommando eine Bombe in einem israelischen Restaurant, das wir gut kannten.

Wie können jüdische Eltern ihren Kindern heute erklären, was Antisemitismus ist?
Es ist für alle jüdischen Eltern eine Herausforderung, ihren Kindern klar zu machen, warum christliche, russisch-orthodoxe und muslimische Gottesdienste ohne Polizei veranstaltet werden können, nicht aber jüdische.


GIDEON BOTSCH, 49, lehrt an der Uni Potsdam und leitet die Forschungsstelle Antisemitismus und Rechtsextremismus am Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien.

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