• Der Dilettantismus des „Mister Kraft“

Potsdam : Der Dilettantismus des „Mister Kraft“

Ein Mann aus Babelsberg spielt James Bond – und zieht im Kalten Krieg viele Bekannte mit in die Mühlen der Geheimdienste. Ein Vortrag in der Lindenstraße 54

Guido Berg
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17.01.2014 22:00

US-Geheimdienste zu kritisieren ist in der einst Marshall-Plan-geförderten Bundesrepublik in Mode gekommen. Spätestens seit es Bundeskanzlerin Angela Merkel ganz offiziell nicht lustig findet, wenn ihr Handy abgehört wird, ist Kritik an den US-Schlapphüten keine linke Domäne mehr. Die neue Kritikfähigkeit geheimdienstlichen Agierens demokratisch legitimierter Regierungen hat der in Köln geborene Andreas Petersen freilich nicht nötig. In erfrischender geistiger Unabhängigkeit nahm der promovierte Dozent für Zeitgeschichte an der Fachhochschule Nordwestschweiz bei seinem Vortrag am Donnerstagabend in der Gedenkstätte Lindenstraße 54 die Central Intelligence Agency (CIA) aufs Korn. Anhand eines spektakulären, in dieser Konkretheit vorher noch nicht beleuchteten Falles aus der Zeit des Kalten Krieges bescheinigte Petersen der CIA „Verantwortungslosigkeit und völlig unprofessionelles Agieren“. Thema seines Vortrages: „Horst Bienek und die ,Gruppe Grell’. Ein Schriftsteller zwischen zwei Geheimdiensten“.

Potsdam in den Jahren 1951 und 1952. Der aus Babelsberg stammende, 1926 geborene Günter Grell, Werkzeugmacher, macht Karriere beim Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB), in der National-Demokratischen Partei Deutschlands (NDPD) und wird für die Freie Deutsche Jugend (FDJ) jüngstes Mitglied der Volkskammer. Doch Grell ist „relativ lebenslustig“, so Petersen. Dass er von einem Tag auf den anderen in Ungnade fällt und alle seine Ämter verliert, könnte daran liegen, dass er sich mit seinem Volkskammerausweis Einlass in Tanzlokale verschaffte, genau geklärt ist das nicht. Wenige Tage nach seinem tiefen Fall wird er vom CIA in Berlin-Marienfelde angeworben. Dem jungen Mann stellt sich ein „Mister Kraft“ vor, von dem Petersen recherchierte, dass er Smith hieß. Grell erhält den Decknamen „John Helmert“, aber keine Schulung. Seine Aufgabe: weitere Agenten anwerben. Wahllos spricht er in Potsdam Bekannte an und schreibt an diese Briefe. „Schon im zweiten Satz fragte er, ob sie für die Amerikaner arbeiten wollten.“ Laut Petersen entfaltete sich ein großes „Geheimdienstunfähigkeitsszenario“: Grell besorgte sich eine Hornbrille mit Fensterglas, warf mit Dollars um sich und zeigte ständig seine Pistole. Petersen: „Er spielte James Bond.“

Zu den von Grell Angesprochenen gehört auch der 21-jährige Horst Bienek, der später in der Bundesrepublik als Schriftsteller mit vier Romanen über seine frühere schlesische Heimatstadt Gleiwitz sehr erfolgreich ist. Der Vater des Zeithistorikers Petersen war Redakteur beim Hessischen Rundfunk und kannte Horst Bienek persönlich. „Bienek ist eine Figur meiner Kindheit“, erinnert sich Petersen.

Der junge Bienek wohnte im Haus Alexandrowka Nr. 11 in Potsdam. Während seiner Volontärszeit bei der Potsdamer Tagespost veröffentlicht er Gedichte, die Berthold Brecht bewegen, den jungen Mann als Meisterschüler ans Berliner Ensemble zu holen. Täglich fährt er mit der S-Bahn von Potsdam nach Berlin. Dabei liest er Balzac, „täglich eine Stunde Balzac“, wie er beim Verhör sagen wird.

Bienek wird zum Verhängnis, dass er Grell, der ihn zu Kaffee und Kuchen ins Cafè Kranzler am Ku’damm einlädt, ein Potsdamer Telefonbuch in den Westsektor bringt. Die 1950 gegründete DDR-Staatssicherheit hat Grell schnell im Blick. Der von dem stolzen CIA-Agenten angesprochene Hans-Günther Kollosche wendete sich umgehend an seinen Chef. Die Stasi übernimmt, aus Kollosche wird der Informelle Mitarbeiter „IM Fred“, der sich weiter mit Grell trifft. In Berlin-Schöneberg trinken sie Cognac und rauchen dicke Zigarren. IM Fred schreibt Berichte, jeder Name, der fällt, wird ein eigener Vorgang, die Gesamtaktion bekommt den Namen „Signal“. Die Stasi lässt Grell über ein Jahr lang agieren, bis sie zuschlägt. Am 8. November 1951 wird Bienek verhaftet, an den russischen Geheimdienst NKWD übergeben und in dessen Untersuchungsgefängnis in der Leistikowstraße 54 verhört. In der heutigen Gedenkstätte erinnert die „Bienek-Zelle“ an die Einzelhaft des 1990 an Aids gestorbenen Schriftstellers, wie Dr. Hans-Hermann Hertle vom Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) hinwies. In seinem Roman „Die Zelle“ von 1968 lässt Bienek den Protagonisten berichten, er habe vier Wochen lang nicht gewusst, warum er eingesperrt wurde – „Ich verstand nicht meine Schuld.“ Hertle zufolge besichtigte Bienek „seine“ Zelle im Mai 1990 erstmals wieder – eine für ihn erschütternde Erfahrung, die ihn bewegte, in seinen letzten Lebensmonaten über seine Haftzeit zu schreiben; der Versuch blieb Fragment.

Die Stasi verhaftete im Fall Grell 27 Menschen; teils wurden sie nachts brutal aus den Betten gerissen. Einige kommen schnell wieder frei, da sie von Grell nur angesprochen wurden, seine Agenten-Offerte aber ablehnten. Dennoch, so Petersen, „der Schlag in die Biografien ist ungeheuerlich“. Elf Menschen werden zu 25 Jahren Lagerhaft verurteilt, unter ihnen Horst Bienek, der ins nordrussische Arbeitslager Workuta gebracht wird. 1955 kommt er im Zuge der Moskauer Verhandlungen von Bundeskanzler Konrad Adenauer frei. Günter Grell, der Möchtegern-Agent aus Babelsberg, wird zum Tode verurteilt und hingerichtet. Und noch ein Mensch verliert sein Leben, weil er von Grell und damit von „Mister Kraft“ alias Smith in die Fänge der stalinistischen Häscher gelotst wird: Elfriede Wagner, vom sowjetischen Militärtribunal zu sechs Jahren Haft verurteilt, erleidet eine Haftpsychose, „bricht völlig zusammen“, so Petersen, „ein unwahrscheinlich trauriges Schicksal“.

Für den Historiker ist der Fall Grell kein reiner Spionage-Vorgang. „Manchmal ist es Abenteuerlust, manchmal geht es um Geld.“ Weitergegeben wurde Alltagswissen, keine Staats- und Dienstgeheimnisse. Einzig Horst Schüler, ein heute aktiver Zeitzeuge, „wollte Widerstand machen“ und schätzte Grell als seriös ein, „eine sehr vereinzelte Position“, sagt Petersen. Der Fall Grell könnte seiner Ansicht nach besser erforscht werden, stünden auch US-Geheimdienstakten zur Verfügung. Kraft alias Smith, ein unidentifizierter 1,65 Meter großer Mann mit Brille und weißem Haar, bescheinigt Petersen, „keine Verantwortung für die jungen Leute“ übernommen und „Informationen um jeden Preis“ gewollt zu haben. Sein Prinzip: „Losschicken, vielleicht kommt was zurück“. Am Ende „stand unwahrscheinlich viel Leid“, sagt Petersen. „Hier wurden junge Leute verbrannt.“