• Depressionen bei Jugendlichen: Alarm per WhatsApp

Depressionen bei Jugendlichen : Alarm per WhatsApp

Ein Potsdamer will ein Frühwarnsystem für depressive Jugendliche entwickeln. Für die Smartphone-App benötigt der Psychologe Spenden.

Potsdam - Laura hatte in der vierten Klasse zum ersten Mal das Gefühl, sich selbst verletzen zu müssen. Sie war oft müde, nutzte ihr Handy seltener, um mit Freunden zu chatten. Dann versuchte sie mehrmals, sich das Leben zu nehmen, mit Tabletten oder Aufschneiden der Pulsadern. Ihre Geschichte erzählt das Mädchen, heute 17 und wegen ihrer Depression in Behandlung, in einem Online-Video auf der Crowdfunding-Plattform Startnext.

Um Jugendlichen wie Laura zu helfen, will der Psychologe Stefan Lüttke ein Frühwarnsystem entwickeln. Dafür sammelt der gebürtige Potsdamer und Forscher an der Universität Tübingen derzeit im Internet Spenden. Bis 4. Februar will er mindestens 5000 Euro zusammenhaben. Dazu kommt eine Benefizveranstaltung mit dem Kabarettisten Eckhard von Hirschhausen, der die Schirmherrschaft übernommen hat. 

Auch Kinder und Jugendliche können unter Depressionen leiden. Laut der Stiftung Deutsche Depressionshilfe sind zwei Prozent der Grundschulkinder betroffen, bei den Zwölf- und 17-Jährigen erkranken etwa drei bis zehn Prozent. Allerdings, so erklärt es Lüttke, ist die Krankheit bei ihnen deutlich schwerer zu erkennen als bei Erwachsenen. „Gerade in der Pubertät gibt es Symptome, die mit dem für die Pubertät typischen Verhalten Jugendlicher verwechselt werden können, wie vermehrter Schlaf, Müdigkeit oder Reizbarkeit“, so der 35-jährige Wissenschaftler. Häufig würden andere Störungen wie das Aufmerksamkeitsdefizithyperaktivitätssyndrom (ADHS) schneller erkannt.

Smartphone-App soll Chatprotokolle analysieren 

Sein aktuelles Projekt setzt bei jenen an, die schon einmal eine Depression hatten. „Die Rückfallrate liegt bei zwei Dritteln. Wer schon drei depressive Episoden hatte, bei dem liegt die Wahrscheinlichkeit bei 90 Prozent, dass er rückfällig wird“, erklärt Lüttke. Viele schleppten die Krankheit bis ins Erwachsenenalter hinein. Wenn ein Rückfall früh genug erkannt wird, kann der Betroffene selbst handeln oder auch seine Eltern, schneller Hilfe suchen. Sportliche Aktivität, schöne Unternehmungen mit Freunden oder medizinische Behandlung können dann Bausteine der Prävention sein.

Das Frühwarnsystem, das Lüttke entwickeln möchte, basiert auf einem Programm, das viele Jugendliche nutzen: dem Kurznachrichten-Dienst WhatsApp. Dahinter steckt die These, dass sich die Kommunikation von jungen Betroffenen ändert, wenn sich eine Depression anbahnt. „Die Idee kam mir mit meinen eigenen Patienten“, berichtet Lüttke, der auch als Therapeut arbeitet. Das will er nun in einem Pilotprojekt wissenschaftlich erforschen. Anschließend soll eine App entwickelt werden, die im Hintergrund mitläuft und die Chatprotokolle analysiert und Alarm gibt, wenn es Anzeichen für einen depressiven Schub gibt. 

Depression und Sprachanalyse

„Wir haben Hinweise darauf, dass Erwachsene während einer depressiven Phase häufiger das Wort „Ich“ verwenden und in kürzeren Sätzen schreiben. Sie kommunizieren insgesamt weniger und verwenden mehr negative Begriffe“, berichtet Lüttke. Wie sich das bei Jugendlichen verhält, will er nun erstmals wissenschaftlich erheben. Die Studie, die er mit seinen Mitstreitern von den Universitäten Würzburg und Leipzig durchführt, soll das Kommunikationsverhalten analysieren. Auch die Universität Potsdam versucht Lüttke mit ins Boot zu holen. Er hat selbst hier studiert, eine Anfrage hat er bereits gestellt. In diesen Städten sollen Daten erhoben werden, zunächst einmal bei 30 Jugendlichen mit einer Depression und 30 Vergleichspersonen der gleichen Altersgruppe ohne psychische Erkrankung. Ihre Chatprotokolle sollen ausgewertet werden und die Ergebnisse einen Algorithmus füttern. 

Die Finanzierung per Crowdfunding ist für Lüttke eine Premiere. „Auch für meine Universität ist das Neuland, steuerlich ist das gar nicht so einfach“, so der Psychologe. Bisher hat er knapp 2200 Euro eingetrieben. Auch Firmenspenden sind dabei – darunter nach seinen Angaben von vier Firmen aus Potsdam und einer aus Michendorf. 5000 Euro sind für eine erste Studie nötig, für die Entwicklung der Handy-App noch einmal genau so viel. Derzeit konzipiert er die Erhebung, ab April soll sie dann starten und innerhalb eines Jahres Ergebnisse liefern.

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