Potsdam : Den Klang umfassen

Die Berliner Philharmoniker und die Künstler vom Haus der Kulturen der Welt zu Gast in der Oberlinschule

Steffi Kahmann

Die Berliner Philharmoniker und die Künstler vom Haus der Kulturen der Welt zu Gast in der Oberlinschule Von Steffi Kahmann Ein erstauntes Lächeln ergreift auch Evas Gesicht, als ihre kleinen Hände vorsichtig die Saiten des Kontrabass betasten. Der Zauberer, der diesem Ding spielend seine Melodien entlockt, scheint sich seiner Magie gar nicht bewusst zu sein. Doch Eva kann den Klang in ihren Händen ganz deutlich spüren. Richard McNicol, der Zauberer, ist in Wirklichkeit Berliner Philharmoniker und Leiter der Projektgruppe Musik, die gestern zum ersten Mal in der Babelsberger Oberlinschule musizierte. Dort ist Eva Schülerin. Zusammen mit ihren Betreuern und anderen Kindern darf sie die verschiedensten Instrumente mit ihren Melodien am eigenen Leib erleben. „Wir haben ganz bewusst Instrumente mit großem Klangkörper mitgebracht, damit die Kinder den ganzen Umfang des Klanges spüren können“, erläutert Henrike Grohs, Projektmanagerin vom Education Program der Berliner Philharmoniker. Diese haben die Projekttage, die noch bis zum Mittwoch nächster Woche andauern, organisiert. Der Ursprung dafür lag in der Idee, interkulturelle Arbeit auch in Deutschland umzusetzen; in England sei das selbstverständlich, fügt Grohs hinzu. Da die Philharmoniker noch sehr jung seien – sie befinden sich gerade erst in der zweiten Saison – lag es nahe, mit ihnen diesen neuen Schritt zu wagen. Also nahm man mit dem Haus der Kulturen der Welt Kontakt auf, um ein solches Projekt zu entwickeln. Die Oberlinschule als Veranstaltungsort sei deshalb ausgewählt worden, weil hier alle sprichwörtlichen Sinne angesprochen würden. Die Kinder, die größtenteils entweder blind, taub, geistig behindert, Epileptiker, Autisten oder Diabetes krank sind, hätten die Möglichkeit, eine ganz neue Art der Wahrnehmung zu entdecken. „Die Musik spielt im Leben dieser Kinder eine sehr große Rolle“, verrät Ingrid Reißer, Orientierungs- und Mobilitätstrainerin an der Schule. „Zum Beispiel Janine, die im Rollstuhl sitzt, wird durch Musik unheimlich motiviert, ihre Übungen mitzumachen. Durch die Unterstützung mit verschiedenen Rhythmen lernt sie momentan das Gehen.“ Die tanzenden Kinder und Musiker, die in diesem Moment den Hintergrund ausfüllten, unterstreichen ihre Worte. Aber es ist nicht allein die Musik, die den Kindern neue Wahrnehmungen eröffnet. Insgesamt erfahren sie in vier verschiedenen Workshops Geschmäcker, Gerüche und Gefühle in ganz neuen Zusammenhängen. Zum Beispiel lernten sie in liebevoll-musikalischer Atmosphäre zusammen mit Undine Zamani vom Haus der Kulturen der Welt, selbst Huhn in Joghurt-Safran-Sauce zu kochen. Auch für die Künstler aus Berlin sind diese Tage ein Schritt in eine neue Wahrnehmung. „Mit behinderten Kindern zu arbeiten, ist für uns etwas völlig Ungewohntes, das haben wir noch nie gemacht“, erzählt Henrike Grohs. „Aber wir wurden in pädagogischen Lehrgängen schon ein wenig darauf vorbereitet. Man hat uns zusätzlich schriftlich Informationen über jedes Kind zukommen lassen – welche Behinderung sie haben, und wie wir uns ihnen gegenüber verhalten können. Das war sehr hilfreich.“ Pierre Kadivar, aus der Theatergruppe und ebenfalls vom Haus der Kulturen, scheint sich mit den Kindern jedenfalls bestens zu amüsieren. Sie haben sich zum Stichwort „Frühling“ selbst ein kleines Stück ausgedacht und zusammen mit ihren Betreuerinnen aufgeführt, während im Workshop für künstlerisch-bildendes Gestalten andere den speziellen Klang und das Gefühl in den Händen kennen lernen, das zerreißendes Papier vermittelt. Eigentlich stünde aber das persönliche Erleben im Vordergrund, die Reaktionen der Kinder, erzählt Alexander Ivic, Geiger aus der Musikgruppe. Außerdem seien auch ständig ähnliche Veranstaltungen geplant, sowohl mit Behinderten, als auch mit älteren Menschen oder „ganz normalen“ Kindern aus sozial schwächerem Umfeld. Patricia Sachs, Betreuerin in der Babelsberger Oberlinschule, erhofft sich von den Aktionen, dass die Sinne der Kinder, die nicht durch eine Behinderung eingeschränkt sind, durch dieses andere Erleben der Welt verstärkt werden. Und tatsächlich war das Staunen über die eigenen Möglichkeiten die große Erfüllung dieses Tages.

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