Potsdam : „Das waren blutige Anfänger“

Als Student trainierte Björn Rupprecht Handballer in Sri Lanka, die dann bei einer Tournee aus dem Land flohen. Ihre Geschichte kommt jetzt ins Kino

Filmreif. Björn Rupprecht (rechts oben) trainierte Handballer in Sri Lanka, die sich 2004 während einer Europa-Tournee absetzten und bis heute verschollen sind. Die Geschichte wurde 2007 verfilmt - gedreht wurde auch im Studio Babelsberg (großes Bild). Rechts unten Brandenburgs Sportminister Holger Rupprecht mit Filmproduzent Henning Molfenter von Studio Babelsberg Motion Pictures (v.l.). Nach der Weltpremiere beim Filmfestival in Venedig startet der Film „Spiel der Träume“ in dieser Woche in den deutschen Kinos.
Filmreif. Björn Rupprecht (rechts oben) trainierte Handballer in Sri Lanka, die sich 2004 während einer Europa-Tournee absetzten...Fotos: Manfred Thomas

Herr Rupprecht, Sie sind heute Laufbahnberater beim Olympiastützpunkt Brandenburg im Luftschiffhafen. Wo waren Sie am 13. September 2004?

Höchstwahrscheinlich in Potsdam irgendwo …

Das war der Tag, an dem die Handball-Nationalmannschaft aus Sri Lanka, die Sie selbst noch Wochen vorher in Sri Lanka trainiert hatten, während einer Wettkampf-Tournee in Bayern spurlos verschwand.

Ja, da war ich in Potsdam. Ich kann mich auch noch erinnern, wie ich davon erfahren habe: Ich habe mich durch den Sport-Videotext gezappt und die Überschrift gesehen: „Nationalmannschaft flieht“. Als ich dann genauer gelesen habe, stand da irgendwas von „sri-lankischer Handball-Nationalmannschaft“. Das hat mich natürlich in einen leichten Schockzustand versetzt.

Das kam Ihnen bekannt vor.

Die Truppe kam mir irgendwie bekannt vor, ja.

Schließlich sind die Sportler mit Ihrer Hilfe nach Deutschland gekommen. Nun stellte sich aber heraus, dass sich die vermeintlichen Nationalspieler auf diesem Weg nur aus ihrem Heimatland absetzen wollten. Eine moderne Abenteuergeschichte, die in den Medien die Runde machte.

Ja, seitdem haben mich auch schon einige Leute darauf angesprochen – dabei war ich nicht der Einzige, der mit den Sportlern zu tun hatte. Jemand wollte einen Dokumentarfilm drehen, ein anderer plante ein Radiohörspiel.

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ schrieb damals: „Sollte diese Geschichte dereinst verfilmt werden, hat Björn Rupprecht darin eine wichtige Rolle.“ Jetzt gibt es den Film, er heißt „Spiel der Träume“, wurde von Studio Babelsberg koproduziert und kommt am Donnerstag in die deutschen Kinos - leider nicht in Potsdam. Haben die Filmemacher um den italienischen Regisseur Uberto Pasolini mit Ihnen Kontakt aufgenommen?

Überhaupt nicht. Dass ein Film gedreht wird, habe ich aber zufällig mitbekommen. Bei meinem Handballverein, dem 1. VfL Potsdam, gab es nämlich von Studio Babelsberg Anfragen wegen Handball-Utensilien wie Bällen und Toren.

Wie kam es überhaupt zu Ihrer Reise nach Sri Lanka?

Das war einfach ein Auslandspraktikum, das ich in mein Sport-Studium eingebaut habe. Ich wollte gerne eine Studienauszeit nehmen und da kam dieses Praktikum gelegen. Ich bin damals mit meiner Freundin hingefahren, von Mai bis August. Wir haben uns im Internet erkundigt und sind auf die Organisation „Asian German Sports Exchange Program“, kurz AGSEP, gestoßen, die in Sri Lanka dieses Praktikum angeboten hat.

Erinnern Sie sich an Ihre ersten Eindrücke von Sri Lanka?

Das Land ist nicht annähernd vergleichbar mit Deutschland. Man sieht dort teilweise unheimlichen Luxus, aber auch echte Elendsviertel, die an Dritte-Welt-Staaten erinnern. Landschaftlich ist es ein tolles Land.

Was genau war dort Ihre Aufgabe?

Dass ein Projekt mit dieser Nationalmannschaft lief und ein Austausch mit Deutschland geplant war, wusste ich schon im Vorfeld. AGSEP organisierte regelmäßig solche Sportaustauschprogramme, vornehmlich mit Deutschland. Es war also nicht die erste sri-lankische Mannschaft, die nach Deutschland gereist ist. Aber es war die erste, die dann nicht wiedergekommen ist. Ich habe zusammen mit anderen Praktikanten die Tour nicht nur organisiert, sondern sollte die Jungs als Handballer auch spielerisch darauf vorbereiten.

Wie haben Sie die Sportler erlebt?

Kennen gelernt haben wir uns in einem Trainingslager. Es gab dort so eine Sporthalle, da kamen alle zusammen und haben sich vorgestellt, es ging relativ schnell. Als ich sie dann das erste Mal spielen sah, war das schon ein leichter Schock: Die Jungs hatten von Tuten und Blasen keine Ahnung, das waren blutige Anfänger!

Sie haben keinen Verdacht geschöpft?

Nein. Für dieses Land war die Situation ja gar nicht so untypisch. Dort ist eben nicht alles so strukturiert wie in Deutschland, wo es tausende Verbände gibt. Mir wurde also ein Nationaltrainer vorgestellt, der irgendwo in Bangladesh mal Handball gesehen hatte und das nun gerne in Sri Lanka einführen wollte. Und der sich da eine Truppe zusammengesucht hat, die er dann Nationalmannschaft getauft hat, weil es eben die einzige Handballtruppe im ganzen Land war. Dass sie vom Niveau her absolut unterklassig ist, war mir klar. Nicht umsonst sollte sie in Bayern gegen Kreisliga-Truppen spielen. Aber für mich war es durchaus legitim, diese Truppe Nationalmannschaft zu nennen. Ich hatte nicht das Gefühl, das sind Hochstapler, die einfach nur aus dem Land herauswollen.

Sie haben dann mit Hilfe Ihres Vaters, Brandenburgs Sportminister Holger Rupprecht, auch materielle Unterstützung aus Potsdam organisiert …

Ja, denn es fehlte an fast allem! Mit Hilfe des VfL und des Intersport-Hauses Olympia kamen wir an Bälle, Sportschuhe und zwei Tore aus Potsdam. Ein Kumpel kam zu Besuch nach Sri Lanka und hat uns die Sachen mitgebracht, zum Teil wurden sie auch eingeschifft.

Haben Sie nach der spektakulären Fluchtaktion jemals wieder von den Sportlern gehört?

Nein, gar nicht. Ich hatte mit der eigentlichen Tour nach Bayern auch nichts mehr zu tun. Ich wurde zwar gefragt, ob ich nicht zur Unterstützung kommen wollte, aber mein Studium lief wieder, und ich hatte keine Zeit. Ich hoffe natürlich, dass die Sportler jetzt, wo auch immer in Europa, ein glückliches Leben fristen.

Werden Sie sich den Film angucken?

Mit Sicherheit. Die Geschichte ist halt schon klasse.

Die Fragen stellte Jana Haase