• Das denken die Potsdamer: Wie steht es um die Deutsche Einheit?

Das denken die Potsdamer : Wie steht es um die Deutsche Einheit?

Vor 30 Jahren fiel die Mauer, vor 29 Jahren wurde Deutschland wiedervereinigt. Wie steht es heute um die Einheit heute? 14 Stimmen aus Potsdam zum Feiertag.

Auf der Glienicker Brücke verlief die Grenze zwischen Westberlin und Potsdam.
Auf der Glienicker Brücke verlief die Grenze zwischen Westberlin und Potsdam.Foto: Andreas Klaer

Am 3. Oktober jährt sich die Wiedervereinigung zum 29. Mal. Die PNN haben bekannte und weniger bekannte Menschen in Potsdam gefragt, was von der Teilung übrig ist und wie es in Zukunft weitergehen sollte.


"Die junge Generation macht es vor"

Dorothee Oberlinger ist Intendantin der Musikfestspiele Sanssouci, und Flötistin.
Dorothee Oberlinger ist Intendantin der Musikfestspiele Sanssouci, und Flötistin.Foto: Sebastian Gabsch

1989 dirigierte Leonard Bernstein nacheinander in beiden Hälften Berlins und mit Musikern aus Ost und West Beethovens 9. Sinfonie. An dieses grenzenlose Miteinander im Zeichen der Musik muss ich manchmal denken. Noch immer gibt es in Deutschland viel zu lösen, was durch die politische Lage in der Welt nicht einfacher wird. Darüber dürfen wir aber nicht vergessen, was uns bis hierher schon gelungen ist. Die junge Generation nimmt gerade wieder ihre Zukunft in die Hand – und vereint sich friedlich über alle Nationen für ihre Forderungen.


"Der Sport kann Vorbild für alle sein"

Ronald Rauhe ist Kanu-Olypmiasieger und Weltmeister des KC Potsdam.
Ronald Rauhe ist Kanu-Olypmiasieger und Weltmeister des KC Potsdam.Foto: Sören Stache/dpa

Ich bin ein Einheitskind, an einem 3. Oktober geboren. Als West-Berliner stand ich beim Fall der Mauer mit Blumen zur Begrüßung an der Grenze. Leider sind in vielen Köpfen aber die Barrieren immer noch nicht ganz abgebaut, wie die Wahlergebnisse in Ostdeutschland zeigen. Bei uns im Sport hat die Einheit jedenfalls funktioniert – aus zwei erfolgreichen Systemen ist eine gemeinsame Erfolgssache geworden. Gerade, weil wir Sportler positiv denken, um ans Ziel zu gelangen, uns nicht nur grämen, wenn was nicht passt, sondern anpacken. Das kann Vorbild für alle sein.


"Gegen alle Widerstände stark"

Karin Genrich war langjährige Präsidentin des Handelsverbandes und Potsdamer Unternehmerin.
Karin Genrich war langjährige Präsidentin des Handelsverbandes und Potsdamer Unternehmerin.Foto: Andreas Klaer

Dass ich das Wendejahr 1990 in Freiheit erleben durfte, erfüllt mich mit Dankbarkeit. In die gesamtdeutsche Gesellschaft habe ich mich selbstbewusst einbringen können, weil ich mich 1987 gegen alle Widerstände im Osten selbstständig gemacht habe – dabei musste ich gegen den Strom schwimmen, habe Ängste verkraftet, Mut bewiesen. Das hat mich stark und zuversichtlich werden lassen. Dass die alten Seilschaften und so manche Berater aus dem Westen ihre „Schäfchen ins Trockene“ gebracht haben, hat das Vertrauen der Menschen nachhaltig erschüttert und Spuren hinterlassen.


"Viele Freunde im Ausland beneiden uns"

Oliver Günther ist Präsident der Universität Potsdam.
Oliver Günther ist Präsident der Universität Potsdam.Foto: Ottmar Winter

Ungeachtet gelegentlicher Rückschläge war die Deutsche Einheit sicherlich für die meisten Deutschen eine der schönsten politischen Erfahrungen im Leben. Viele unserer ausländischen Freunde beneiden uns um unsere stabilen Verhältnisse, um unseren sozialen Frieden, aber auch um unsere starke Wirtschaft und leistungsfähige Wissenschaft. So sind wir für die aktuellen Herausforderungen wie Klimakrise und Flüchtlingsbewegung einigermaßen gut gerüstet. Die alte BRD hätte das alleine nicht geschafft, von dem maroden Spitzelstaat DDR ganz zu schweigen.


"Wir alle sollten mehr Eigenverantwortung übernehmen"

Anita Rohman wohnt in der Waldstadt II.
Anita Rohman wohnt in der Waldstadt II.Foto: Birte Förster

Ich bin damit zufrieden, dass die Mauer gefallen ist und dass sich Deutschland wiedervereinigt hat. Dass es trotzdem Probleme gibt, ist normal. Sie sind dazu da, gelöst zu werden. Jeder, der sich beschwert, sollte zur Wahl gehen und sich einer Bürgerinitiative anschließen. Wir sollten alle mehr Eigenverantwortung übernehmen und nicht auf die Politiker schimpfen.


"Die Verdrängung ist spürbar"

Michael Winkler wohnt in Potsdam-West und hat in Eberswalde studiert.
Michael Winkler wohnt in Potsdam-West und hat in Eberswalde studiert.Foto: Birte Förster

Ich bin in Potsdam aufgewachsen und habe nach der Wende erlebt, dass sich viel getan hat und die Häuser saniert wurden. Das habe ich als positiv wahrgenommen. Potsdam hat einen schnellen Gentrifizierungsprozess durchlaufen, andere Teile von Brandenburg wurden wiederum vergessen. Mittlerweile können es sich selbst Potsdamer nicht mehr leisten, hier zu wohnen. Die Verdrängung ist spürbar, vor allem in Potsdam-West. Auch wenn ich mir die DDR nicht zurückwünsche: Man hätte vom Sozialismus lernen und manche Dinge erhalten können.


"Wieder aufeinander neugierig sein"

Angelika Zädow ist Superintendentin der Evangelischen Kirchenkreises Potsdam.
Angelika Zädow ist Superintendentin der Evangelischen Kirchenkreises Potsdam.Foto: Manfred Thomas

Wie es um die deutsche Einheit steht, liegt aus meiner Sicht am Gestaltungswillen und den Möglichkeiten in unserer Gesellschaft. Ich denke, wir müssen miteinander die Neugier aufeinander wieder lernen. Denn nur mit echtem Interesse aneinander kann ein Dialog der unterschiedlichen Biografien und Erfahrungen gelingen. Potsdam mit den vielen Engagierten und den verschiedenen Stadtteilen kann ein guter Ort dafür sein.


"Die Einheit müssen wir uns erarbeiten"

Jann Jakobs (SPD) war bis 2018 Potsdams Oberbürgermeister.
Jann Jakobs (SPD) war bis 2018 Potsdams Oberbürgermeister.Foto: Sebastian Gabsch

Zum 29. Mal feiern wir das Fest zur deutschen Einheit. Das wichtigere Datum in diesem Jahr ist aber der 30. Jahrestag der friedlichen Revolution. Ein epochaler Umbruch, der an niemanden spurlos vorüber gegangen ist.

Vielen Menschen ist es ein Bedürfnis, über die damaligen Ereignisse und die nachfolgenden Jahre miteinander ins Gespräch zu kommen. Das Spannungsfeld der Rückbetrachtung ist dabei breit gefächert. So kann einerseits von neu gewonnen Freiheiten, von Rechtsstaatlichkeit, Chancen und unglaublichen Erfolgsgeschichten berichtet werden. Zu dieser Erfolgsgeschichte gehört die fast schon unheimliche Entwicklungsdynamik unserer Stadt. Andererseits gibt es Menschen, bei denen Skepsis, tiefsitzende Verletzungen und Enttäuschungen überwiegen, so dass Zweifel die Errungenschaften der friedlichen Revolution überlagern.

Beide Betrachtungsweisen verdienen es, ernst genommen und zum Gesprächsgegenstand gemacht zu werden. Auch in der Konfrontation gegensätzlicher Positionen. Wir brauchen einen öffentlichen Diskurs, der die unterschiedlichen Erfahrungen und Entwicklungschancen der Menschen in Ostdeutschland thematisiert. Es ist legitim, Zweifel an der gesellschaftlichen Entwicklung zu äußern. Wer dies als undankbare Reaktion von Unbelehrbaren abtut, grenzt aus und tabuisiert Themen. So werden Menschen in die Arme von Rechtsradikalen getrieben.

Die deutsche Einheit - nicht die staatliche, sondern den gesellschaftlichen Konsens zwischen Ost und West -  müssen wir uns erst noch erarbeiten. Die Schaffung gleicher Lebensverhältnisse in Ost und West bleibt dabei als Daueraufgabe auf der politische Agenda.


"Unterschiede bei den Gehältern sind nicht gerechtfertigt"

Franziska Saß ist Brandenburgerin aus der Uckermark und Neu-Potsdamerin.
Franziska Saß ist Brandenburgerin aus der Uckermark und Neu-Potsdamerin.Foto: Birte Förster

Ich habe den Eindruck, dass es in meiner Generation nicht mehr so wichtig ist, ob jemand aus dem Osten oder dem Westen kommt. Was aber noch eine Rolle spielt, ist die unterschiedliche Bezahlung. Es ist nicht gerechtfertigt, dass wir ein Land sind, aber die Unterschiede bei den Gehältern zwischen Ost und West so groß sind. Man sollte das Gefühl haben, egal wo ich in Deutschland lebe, habe ich dieselben Chancen und Möglichkeiten. Um das Gefühl der Einheit zu verstärken, ist es wichtig, mehr miteinander zu sprechen. Darüber, was wir alle gemeinsam wollen.


"Wir haben die Einheit herbeigesehnt"

Klaus Schneider wohnt in Hohen Neuendorf in der Nähe von Hennigsdorf.
Klaus Schneider wohnt in Hohen Neuendorf in der Nähe von Hennigsdorf.Foto: Birte Förster

Die Einheit kam für meine Frau und mich zum richtigen Augenblick, wir haben sie herbeigesehnt. Wir konnten uns dann noch einmal neu orientieren, nochmal loslegen. Als Schlosser und Schweißer habe ich nach der Wende in Wittenau, in West-Berlin, sofort Arbeit bekommen. So konnten meine Familie und ich ein gutes Leben führen. Wer Arbeit hatte, konnte sich weiterentwickeln. Aber auch alle anderen wurden nicht fallen gelassen. Die Wiedervereinigung ist geglückt. Auch wenn nicht alles perfekt ist: Nach der Wende hat sich alles zum Positiven entwickelt.


"Die Deutsche Einheit bleibt ein Glücksfall"

Linda Teuteberg Bundestagsabgeordnete aus Potsdam und FDP-Generalsekretärin.
Linda Teuteberg Bundestagsabgeordnete aus Potsdam und FDP-Generalsekretärin.Foto: Britta Pedersen/dpa

Die Wiedervereinigung bleibt ein Glücksfall unserer Geschichte. Aber sie war kein Zufall. Es waren die Menschen und ihre Sehnsucht nach Freiheit, die die Mauer eingedrückt haben, und zwar von Ost nach West. Und es waren kluge Staatsfrauen und -männer, die das einmalige historische Fenster zur Einheit in Freiheit genutzt haben. Der Weg nach der staatlichen Einheit, er war schwer für viele im Osten, aber trotz aller Probleme insgesamt erfolgreich. Darauf können wir am Tag der Einheit stolz sein, in Ost und West.


"Beispiellos positive Entwicklung"

Peter Heydenbluth ist Präsident der Industrie- und Handelskammer Potsdam (IHK).
Peter Heydenbluth ist Präsident der Industrie- und Handelskammer Potsdam (IHK).Foto: Sebastian Geyer/IHK

In den vergangenen 30 Jahren haben wir in der Wirtschaft eine beispiellose positive Entwicklung erlebt. Jedoch müssen wir verstärkt darauf achten, dass zwischen Rostock und Zittau nicht nur die verlängerte Werkbank der alteingesessenen Firmen aus dem Westen steht. Gerade in der Brandenburger Hauptstadtregion bieten sich vortreffliche Ansiedlungsmöglichkeiten, wobei die Politik verstärkt für die überfälligen modernen, infrastrukturellen Voraussetzungen sorgen muss. Nicht demnächst – sondern jetzt.


"Die Mauer in den Köpfen ist bei vielen noch vorhanden"

Lena Mützel wohnt mit ihrer Familie in der Innenstadt.
Lena Mützel wohnt mit ihrer Familie in der Innenstadt.Foto: Birte Förster

Ich bin in Niedersachsen direkt an der Grenze aufgewachsen und froh darüber, dass die Mauer gefallen ist. Mein Mann, der aus Ostdeutschland kommt, und ich wohnen mit unseren Kindern in Potsdam. Für viele hat sich die Situation nach der Wende verbessert, auch wenn einiges schiefgelaufen ist. Zum Beispiel, dass viele Westdeutsche im Osten Häuser und Grundstücke gekauft haben. Die Mauer in den Köpfen ist bei vielen noch vorhanden. Es braucht wahrscheinlich eine komplette Generation, bis die Unterteilung in Ost- und Westdeutschland kein Thema mehr ist.


"Lernen, dass man nicht mehr an die Hand genommen wird"

Peter Neetz kommt aus Bad Kleinen in Mecklenburg-Vorpommern.
Peter Neetz kommt aus Bad Kleinen in Mecklenburg-Vorpommern.Foto: Birte Förster

Mit der deutschen Einheit und der ganzen Entwicklung bin ich zufrieden. Ich und genauso wenig meine Kinder waren nach der Wende nie arbeitslos. Wir hatten Glück.  Ich komme daher ganz gut zurecht. Nach der Wiedervereinigung mussten viele aber erst lernen,  dass man nicht mehr an die Hand genommen wird. Jeder muss sich nun mehr selbst kümmern.

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