• Das Corona-Leid einer Potsdamer Familie: Seit November neun Mal Quarantäne

Das Corona-Leid einer Potsdamer Familie : Seit November neun Mal Quarantäne

Für eine Mutter und ihre Kinder nimmt die häusliche Absonderung kein Ende. Sie hat einen Brandbrief an die Stadt geschrieben.

Immer wieder muss eines der Kinder von Ebru Cenk in die häusliche Absonderung. 
Immer wieder muss eines der Kinder von Ebru Cenk in die häusliche Absonderung. Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Ebru Cenk ist mit den Nerven am Ende: Seit Anfang November mussten die drei Töchter der Potsdamerin neun Mal in häusliche Quarantäne, zwischen den Absonderungen lagen je nur wenige Tage, an denen kein Kind in Quarantäne war. Den Großteil der Zeit verbrachten sie ohne Corona, nur einmal hatte sich eine der Töchter angesteckt. „Wer glaubt, dass man täglich acht Stunden Vollzeit arbeiten und gleichzeitig seine Kinder zu Hause betreuen und beschulen kann, der scheint in einer anderen Welt zu leben“, sagt Cenk. Eltern würden genötigt, neben dem Job kostenfrei die Arbeit von Erzieher:innnen und Lehrer:innen zu übernehmen: „Mütter sollen in Pandemiezeiten drei anerkannte Berufe gleichzeitig ausüben, aber im besten Fall nur mit einem finanziell entlohnt werden“, so Cenk.

Nach der neunten Quarantäne-Anordnung schrieb sie einen offenen Brief an die Stadtverwaltung, in dem sie – nicht ganz ernst gemeint – ankündigte, bei der nächsten Anordnung die Betreuung ihrer Kinder nicht mehr zu übernehmen: „Stattdessen werde ich dafür Sorge tragen, dass meine Töchter während der nächsten Quarantäneanordnung in gute Hände gelangen und werde sie während der üblich vorgesehenen Betreuungszeit zwischen 8 und 16 Uhr in die Stadtverwaltung der Landeshauptstadt Potsdam, Raum 279, bringen“, heißt es in dem Brief. In dem Raum befindet sich das Büro des Oberbürgermeisters.

„Körperlich, wie auch psychisch misshandelt“

Cenks Töchter sind im Alter von zwei, drei und acht Jahren, ihr Mann ist Bauingenieur, sie ist Doktorandin in Chemie und arbeitet an ihrer Dissertation – arbeitete, um genau zu sein, denn seit November übernimmt sie einen Großteil der Kinderbetreuung. Cenk findet, dass Frauen und deren Familien in der Pandemie im Stich gelassen wurden, sie fühle sich durch die Quarantäne-Regelungen regelrecht „körperlich, wie auch psychisch misshandelt“, schreibt sie im Brief. 90 Tage habe sie sich mit ihren Kindern zu Hause aufgehalten, fünf Mal musste sie einen Zahnarzttermin verschieben.

Auch für ihre Töchter sei die Situation belastend: „Die sind komplett aus ihrem Rhythmus raus“, so Cenk. Der Fernunterricht für ihre älteste Tochter besteht in einer Schulstunde an zwei Tagen pro Woche, den Rest muss die Achtjährige allein mit Aufgabenblättern erarbeiten. Dennoch müssten am Ende des Schuljahrs ganz normal Klassenarbeiten geschrieben werden, kritisiert Cenk: „Da wird so getan, als gäbe es die Pandemie nicht.“

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Cenk macht nicht nur Corona für diesen Zustand verantwortlich, sondern auch die chronische Unterversorgung mit Kitapersonal: „Schon vor Pandemiezeiten war es schwierig, in Potsdam für Kleinkinder ab einem Jahr einen Betreuungsplatz zu finden.“ Und auch die schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf habe nicht erst Corona verursacht: Die Pandemie habe viele Frauen genötigt, den Mehraufwand in der Betreuung schweigend auf sich zu nehmen: „Und das was mich dabei zutiefst bedrückt, ist die Tatsache, dass es hierüber einen breiten gesellschaftlichen Konsens gibt.“

Regelungen wurden entschärft

Vergangene Woche hat das Gesundheitsamt die Regelungen entschärft: Nun müssen Kita-Kinder nur in Quarantäne, wenn mehr als die Hälfte ihrer Gruppe positiv getestet wurde. Sind weniger infiziert, können Kinder zur Kita, müssen sich aber täglich testen. Cenk hätte sich gewünscht, dass die Regelung ohne Beschränkung auf die Zahl der Infizierten in der Gruppe gilt: „Es gibt für mich keine plausible Begründung, warum ein getestetes Kind nicht in die Kita gehen soll.“

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Sie habe den Brief an die Stadt nicht nur geschrieben, um die Quarantäne-Maßnahmen zu kritisieren, sondern auch, um auf die schwierige Lage von Frauen und Familien in der Pandemie aufmerksam zu machen: „Ich wünsche mir, dass uns einfach mal Gehör geschenkt wird“, sagt Cenk. Von der Stadt gab es das bislang nicht: Cenk hat keine Antwort auf ihren Brief erhalten. 

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