• Coronavirus-Tests: Potsdamer Hausärzte schlagen Alarm

Coronavirus-Tests : Potsdamer Hausärzte schlagen Alarm

In vielen Praxen fehlt Schutzausrüstung. Nun will die Stadt Potsdam handeln. Am Samstag werden 88 Personen im Klinikum auf das Coronavirus getestet.

Sicherheitshinweis an einer Praxis in Potsdam.
Sicherheitshinweis an einer Praxis in Potsdam.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - In Potsdam gibt es – Stand Freitagabend – keine Coronavirus-Infektion und keinen Verdachtsfall. Gesundheitsbeigeordnete Brigitte Meier (SPD) sprach von einer „ruhigen Situation“. Der Corona-Stab im Rathaus beobachte die Lage genau und sei auf Ernstfälle vorbereitet.
 

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Viel Frust entstanden

Diese Einschätzung teilen die Hausärzte der Stadt nicht unbedingt. In vielen Praxen ist die Lage angespannt, Ärzte fühlen sich teils hilflos. Der Grund: Sie sind offiziell die erste Anlaufstelle für alle Menschen, die den begründeten Verdacht hegen, sich angesteckt zu haben oder beunruhigt sind. Helfen können die Mediziner aber in den wenigsten Fällen – denn ihnen fehlt vielfach die zwingend nötige Schutzausrüstung für die Tests.

„Man fühlt sich dem hilflos ausgeliefert“, sagte Kirsten Radtke, Fachärztin für Allgemeinmedizin mit Praxis in Babelsberg, den PNN. Über den Potsdamer Hausarztzirkel sei sie mit vielen Kollegen in Kontakt und wisse, dass viele „seit Januar permanent damit beschäftigt sind, die anfangs wenig vorhandenen, teils widersprüchlichen Informationen zum Vorgehen zu erhalten und irgendwie an Schutzmaterialien zu gelangen“. Dabei sei viel Frust entstanden. „Das Resultat waren überforderte Ämter, Unwissenheit, keine vorhandenen Lösungswege.“ Am 2. Februar hätten Potsdamer Hausärzte an das Bundesgesundheitsministerium geschrieben und darauf hingewiesen, dass es keine Schutzmaterialien gebe und darum gebeten, diese für die Hausärzte bereitzustellen. Ergebnis: keines.

"Es ist auch eine ethische Frage"

Vergangene Woche habe sie mit zwei weiteren Ärztinnen wiederum alle zuständigen Behörden angeschrieben – ebenfalls ohne Erfolg. Für Radtke eine krasse Erfahrung. „Wir haben gedacht: So etwas kann nicht in Deutschland sein, so eine Verharmlosung und solch ein Nicht-Wissen.“

Ohne Schutz auf Corona zu testen, ist unmöglich. „Die Infektion auch nur eines Mitarbeiters in einer Praxis würde zur Praxisschließung und Quarantäne von Ärzten, Personal und anwesenden Patienten für 14 Tage führen.“ Sehr schnell könne so die ärztliche Grundversorgung empfindlich beeinträchtigt sein. Äußerungen von Politik und Verwaltung, Hausärzte müssten ihrer Behandlungspflicht gerecht werden und dürften sich nicht „wegducken“, verärgern Radtke nicht nur. „Das macht mir zu schaffen, es ist auch eine ethische Frage.“ Doch sie sehe keinen Ausweg: „Selbstschutz muss vorgehen.“

Radtke appelliert an die Behörden, Maßnahmen zu ergreifen. „Die Handhabe muss verbessert werden, statt die Schuld vom einen auf den anderen zu schieben.“ Der Vorschlag der Hausärztin: Da eine ausreichende Versorgung mit Schutzmaterialien „nach aktuellem Stand nicht zu erreichen ist“, sei die Einrichtung von Coronavirus-Zentren sinnvoll. So wäre auch städteübergreifend ein „klares Vorgehen“ möglich, was Betroffenen „sinnlose Suchschleifen“ erspare und die Verteilung „potenziell ansteckender Menschen auf zig Praxen“ verhindere. Telefonisch könne abgeklärt werden, wer getestet werden müsse und wer nicht.

Klinik-Personal darf nicht überlastet werden

Ähnliche Pläne hegt Potsdams Gesundheitsbeigeordnete Meier. Es müsse eine „Alternative für die Tests geben, bis die Ärzte arbeitsfähig sind“, sagte sie am Freitag erneut. Allerdings gehe das nur gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung Brandenburg (KVBB), „und den Kollegen von dort habe ich erst am Donnerstag erstmals getroffen“, so Meier, die seit vergangenen Sommer im Amt ist. Sie sei aber zuversichtlich, „dass wir nächste Woche da eine Lösung haben“.

Brigitte Meier, Potsdams Beigeordnete für Ordnung, Sicherheit, Soziales und Gesundheit, appelliert an die Potsdamer, sich nur dann testen zu lassen, wenn ein begründeter Verdacht besteht.
Brigitte Meier, Potsdams Beigeordnete für Ordnung, Sicherheit, Soziales und Gesundheit, appelliert an die Potsdamer, sich nur dann...Foto: Andreas Klaer

Die Beigeordnete appellierte dringend an die Potsdamer, sich nur dann testen zu lassen, wenn ein begründeter Verdacht bestehe – also ein direkter Kontakt mit Infizierten oder ein Aufenthalt in einem Risikogebiet nach Robert-Koch-Institut. Es werde bei Tests im Bergmann-Klinikum jetzt ein „härteres Screening“ nach diesen Kriterien geben, um das System nicht zu überlasten. Die Ressourcen bei Medizinern, Pflegepersonal und Laboren machten der Stadt Sorge.

Die Leiterin der IMD Labors in Potsdam, Anja Kleiber-Imbeck, versicherte auf PNN-Anfrage am Freitag jedoch, sämtliche Coronatest-Proben würden bearbeitet und zu den Referenzlaboren – derzeit in Frankfurt (Oder) – gesendet. Ihr Labor habe Vorsorge getroffen und könne daher Potsdamer Praxen auch weiterhin mit Abstrichröhrchen beliefern.

Test nach Rückkehr aus Risikogebiet

88 Tests werden am Samstag im Klinikum gemacht – dann kehren die 69 Jugendlichen von drei Schulen, 17 Begleitpersonen und zwei Busfahrer von einer Skireise nach Südtirol, jetzt offizielles Corona-Risikogebiet, zurück (PNN berichteten). Sie werden direkt zum Klinikum gefahren, getestet und müssen dann bis zum Vorliegen aller Testergebnisse in die häusliche Isolation.

„In drei bis vier Abstrichgruppen werden die Teilnehmer dann getestet“, sagte Juliane Güldner von der Pressestelle der Stadt am Freitag. Danach würden die Teilnehmer der Reise nicht unter Quarantäne gestellt, sollten die Zeit bis zum Vorliegen des letzten Testergebnisses aber in „freiwilliger häuslicher Isolation“ verbringen. Die Ergebnisse werden bis Mitte der Woche erwartet. Die Gruppe war am vergangenen Wochenende zu der Reise aufgebrochen. Die Leiterin des Potsdamer Gesundheitsamts hatte erklärt, einige Schüler hätten in ihrer Unterkunft in Südtirol Symptome eines Infekts gezeigt. Bei manchen seien sie schon vor der Abreise aufgetreten. Daher gebe es zunächst keinen konkreten Verdacht.

Ist ein Reisender infiziert, müssen alle 88 Personen 14 Tage in Quarantäne.

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