• Coronakrise in Potsdam: Virus breitet sich in Seniorenheimen aus

Coronakrise in Potsdam : Virus breitet sich in Seniorenheimen aus

Die Stadt zählt in einer Einrichtung der Tagespflege zwölf Infektionen. Erst jetzt wurde öffentlich bekannt, dass im Frühjahr eine Pflegeeinrichtung in Waldstadt geschlossen werden musste.

In Pflegeheimen wird die Situation wieder kritisch, es dürfen nur noch wenige Besucher empfangen werden. 
In Pflegeheimen wird die Situation wieder kritisch, es dürfen nur noch wenige Besucher empfangen werden. Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Die vierte Welle der Pandemie hat jetzt auch Heime und andere Einrichtungen für Senioren in Potsdam erreicht: Wie die Stadtverwaltung am Dienstag mitteilte, gibt es in der Landeshauptstadt eine Einrichtung der Tagespflege mit zwölf positiv getesteten Bewohnerinnen und Bewohnern sowie eine Gemeinschaftsunterkunft mit mit vier infizierten Seniorinnen und Senioren.

Die Lage in den Heimen und anderen Einrichtungen für Senioren war schon in den ersten Wellen der Pandemie landauf, landab dramatisch. Von Anfang November 2020 bis Ende Januar 2021 sind in Potsdam nach Angaben der Stadt 144 Menschen an oder mit Corona gestorben, gut 100 von ihnen waren Bewohner von Pflegeheimen. Jeder zweite der bis dahin 194 Potsdamerinnen und Potsdamer, die an oder mit Corona zu Tode gekommen waren, stand in Verbindung mit einer Pflegeeinrichtung, von 19 stationären Einrichtungen waren damals zwölf von Corona-Ausbrüchen betroffen.

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Unhaltbare Zustände in Wohngemeinschaft in der Waldstadt

Am Dienstag wurde am Rande einer Videokonferenz für Journalisten bekannt, dass die Heimaufsicht Anfang des Jahres eine privat betriebene Wohngemeinschaft in der Waldstadt kurzfristig geschlossen hatte, als unhaltbare Zustände dort bekannt wurden. Zu der digitalen Pressekonferenz hatten Brigitte Meier (SPD), Gesundheitsdezernentin der Stadt, Uta Kitzmann als Fachbereichsleiterin Soziales und Inklusion und Hendrik Bössenrodt, alleiniger Gesellschafter und Geschäftsführer der Heilig Geist Residenz, eingeladen. 

Bei dem Geschehen in der Waldstadt mussten den Angaben nach sechs schwer demente Bewohner, die von einem in der Innenstadt residierenden Pflegedienst betreut wurden, „innerhalb weniger Stunden“ aus der Einrichtung in Sicherheit gebracht werden, „weil sie sich nicht selbst versorgen konnten“, sagte Kitzmann. Es seien „schlimmste Versäumnisse“ registriert worden. Die Bewohner seien sich selbst überlassen gewesen: „Die Pflegekräfte hatten sich mit Corona angesteckt und mussten in Quarantäne, die Bewohner auch.“

Uta Kitzmann.    
Uta Kitzmann.    Foto: Ottmar Winter

Ein Problem sei gewesen, so die Fachbereichsleiterin weiter, dass es in Potsdam keine pflegerische Noteinrichtung wie die Rettungsstelle für medizinische Notfälle gebe. Die sechs schwer dementen Bewohner wurden zunächst ins Bergmann-Klinikum gebracht, wo sie aber nicht bleiben konnten, weil sie keine Symptome hatten. Sie fanden kurzfristig in Räumen der von Klinikum und Hoffbauer-Stiftung gemeinsam betriebenen Tochtergesellschaft eine Bleibe, die, so die Beigeordnete Meier, „sehr schnell von der Tages- in die vollstationäre Pflege umgewandelt wurde“.

Private Einrichtung fiel nicht unter Beobachtung der Heimaufsicht

Die Kassen hätten die Verträge mit der Einrichtung gekündigt, der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) habe sich ein Bild gemacht: „Die Berichte des MDK möchten Sie nicht lesen“, sagte Meier zu den Journalisten. Die Einrichtung sei geschlossen worden und „weg vom Markt“. Es habe sie „erschüttert, was möglich ist, um Geld zu verdienen“. Ihre Empörung über den Vorfall verbarg sie nicht: „Es gibt wirklich sehr gute Einrichtung dieser Art, wir brauchen auch solche Wohngemeinschaften. Aber es gibt auch schwarze Schafe.“

Gesundheitsdezernentin Brigitte Meier.
Gesundheitsdezernentin Brigitte Meier.Foto: Andreas Klaer

Ein Problem solcher Einrichtungen sei, so Meier weiter, dass sie „unter dem Schirm arbeiten“ und kaum einer Kontrolle unterlägen. So fielen sie nicht unter die Beobachtung der Heimaufsicht, müssten anders als stationäre Heime weder Brandschutzmaßnahmen ergreifen noch eine Fachkraftquote erfüllen. Die Stadt, sagte Uta Kitzmann, habe keine Kenntnis von solchen Einrichtungen. Die Beigeordnete Meier plädierte dafür, „hier rechtlich nachzuschärfen“, das zuständige Ministerium für Soziales arbeite daran: „Wir müssen etwas von diesen Einrichtungen wissen. Und sie müssen in gewisser Weise auch der Aufsicht unterliegen.“

Gute Nachrichten aus der Heilig Geist Residenz

Heilig-Geist-Chef Bössenrodt hatte der Runde nur Positives zu berichten. Seit einem dreiviertel Jahr verzeichne seine Residenz „die Inzidenz Null“, Gründe dafür seien die hohe Impfquote, da von 60 Bewohnern der vollstationären Pflegeplätze, 60 in den Appartements des Betreuten Wohnens und 60 Mitarbeitern nur drei nicht geimpft seien. Die Quote von 98 Prozent Geimpften sei „ein Geheimnis dafür, dass es bei uns ganz entspannt läuft“.

Zudem würden alle Besucher unabhängig von ihrem Impfstatus getestet, das Heim habe dies schon zehn Tage vor der jüngsten Eindämmungsverordnung praktiziert – insofern gelte für Besucher die 3G-Regelung. Die Bewohner in der Pflege würden einmal wöchentlich getestet, „damit uns nicht das Virus unterkommt und es keiner merkt“. Im Betreuten Wohnen gebe es dafür keine rechtliche Handhabe, „aber alle machen das vorbildlich mit“.

Bössenrodts Appell, mit der Regelung der Besuche flexibel zu verfahren, scheint zu verhallen. Er hatte im Frühjahr von der Stadt eine Ausnahmegenehmigung erhalten, damit eine Heimbewohnerin ihren 100. Geburtstag mit ihrer Familie feiern konnte. Er hat sie auch für den 101. Geburtstag erbeten. 

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Am Dienstag erfuhr er, dass ein Jurist der Stadt die abschlägig beschieden habe: Eine Ausnahme von der Eindämmungsverordnung sei rechtlich nicht mehr möglich. Bössenrodt ist enttäuscht: „Die alte Dame ist vollständig geimpft und geboostert. Wir würden sie und ihre Gäste natürlich testen. Und trotzdem sind nur zwei Gäste erlaubt. Das verstehe ich nicht.“

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