• Coronakrise in Potsdam: Risikogruppe trifft auf Kita-Kinder

Coronakrise in Potsdam : Risikogruppe trifft auf Kita-Kinder

Die vom Land erweiterte Kita-Notbetreuung stößt in Potsdam an Kapazitätsgrenzen, gerade beim Personal.

Bei Potsdams Kitaträgern wird das Personal knapp. Nun sollen auch ältere Erzieher helfen.
Bei Potsdams Kitaträgern wird das Personal knapp. Nun sollen auch ältere Erzieher helfen.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Für die erweiterte Kita-Notbetreuung in Potsdamer Kitas könnten bald auch Erzieher eingesetzt werden, die wegen ihres Alters zur Corona-Risikogruppe gehören. Das geht aus einer PNN-Umfrage unter den in der Stadt tätigen Kitaträgern hervor, dieses Vorgehen wird auch vom Bildungsministerium des Landes gebilligt – obwohl bei Personen aus Risikogruppen eine Corona-Infektion bekanntlich zu sehr schweren Krankheitsverläufen führen kann. Zudem zeigen sich weitere Probleme bei der Betreuung.

Beispiel eins, die Potsdamer Arbeiterwohlfahrt (Awo) als größter Träger der Stadt. Dort werden aktuell schon wieder mehr als 500 Kinder in 20 Kitas und Horten betreut, Tendenz steigend. Derzeit stehe zwar noch genügend Personal zur Verfügung, sagte Awo-Chefin Angela Schweers den PNN. Doch sollten die Zahlen weiter steigen und die Vorgaben zur Betreuung in kleinen Gruppen beibehalten werden, müssten auch Mitarbeiter aus Risikogruppen eingesetzt werden – unter Beachtung von Hygienevorgaben des Robert-Koch-Instituts (RKI), wie sie erklärte.

Verweis auf Bildungsministerium

Awo-Chefin Schweers verwies dazu auch auf ein den PNN vorliegendes Schreiben des Bildungsministeriums des Landes an die Kitaträger aus dieser Woche. Dort wird zunächst auf die Situation an Schulen eingegangen, wo laut Ministerium auf Grundlage der aktuellen RKI-Empfehlungen der Einsatz von Lehrern im Alter von über 60 Jahren oder mit Vorerkrankungen wie Herzproblemen oder Zucker „grundsätzlich“ zu vermeiden sei. Hingegen unterliege der Personaleinsatz in den privaten Kitas der Trägerautonomie – diese könnten also selbst entscheiden, so der zuständige Referatsleiter Volker-Gerd Westphal. 

Dann schreibt er: „Das RKI geht davon aus, dass das individuelle Risiko maßgeblich ist, welches von verschiedenen Faktoren abhängt, vor allem von den genannten Vorerkrankungen. Der Einsatz von Personal ab Vollendung des 60. Lebensjahres ist somit nicht per se auszuschließen.“ Es bestünden auch keine Bedenken, solange in den Kitas die Hygienevorgaben gewahrt würden, so Westphal.

Dies sei gewahrt, sagte Awo-Chefin Schweers und verwies auf Hygiene-, Reinigungs- und Desinfektionspläne für die Einrichtungen. Die Kinder würden dort in festen Gruppen betreut, also immer mit den gleichen Erziehern – um eine Mischung im Haus zu vermeiden seien gemeinsame Angebote und Mahlzeiten in den Speiseräumen nicht mehr vorgesehen. Auch Toiletten müssten nun versetzt genutzt werden. „Und unsere Horte öffnen ganztags, in der Regel ohne Unterstützung durch die Schulen, obwohl das Personal dort nur bis zu 33 Wochenstunden angestellt ist.“

Notbetreuung grundsätzliches Problem

Für die Stadtverwaltung ist das Thema Notbetreuung ein grundsätzliches Problem – was zunehmend auch an Kapazitätsgrenzen stößt. So hat das Land jetzt unter anderem auch Alleinerziehende als anspruchsberechtigt klassifiziert. Insgesamt habe man daher nun schon mehr als 4200 Anträge auf Notbetreuung bewilligt – bei einer maximalen Platzzahl von 4200, machte Potsdams Bildungsdezernentin Noosha Aubel (parteilos) am Mittwoch auf PNN-Anfrage deutlich. 

Was das System derzeit vor der Überlastung bewahre, sei der Umstand, dass aktuell nur rund 2400 Eltern die Notplätze für ihre Kinder auch in Anspruch nehmen. Sollten aber mehr Kinder kommen als Plätze vorhanden sind, sei die Handhabe offen, so Aubel: „Wir hoffen hier auf eine landesweite Regelung.“ Dabei gehe es auch um die Grundsatzfrage, ob der Betreuungsbedarf der Eltern für ihre Kinder befriedigt werden könne – oder man eben neue Corona-Infektionen eindämmen müsse.

Noosha Aubel.
Noosha Aubel.Foto: Andreas Klaer

Limitiert würden die Plätze durch Vorgaben in der Coronakrise. So sei für Krippen ein Erzieher für maximal fünf Kinder zuständig, in Kitas etwa werde auch die Größe der Einrichtung als Maßstab zugrunde gelegt – um die Abstände einzuhalten, seien neun Quadratmeter pro Kind nötig. Erschwerend komme hinzu, dass auch nur rund zwei Drittel des Personals zur Verfügung stünden. 16 Prozent der Erzieher in Potsdam gehören zur Risikogruppe. Ob diese eingesetzt werden, müsse der Arbeitgeber entscheiden. „Ich habe den Eindruck, dass die Träger mit dieser Frage verantwortungsvoll umgehen.“

In der Tat sind die Träger mit der erweiterten Notbetreuung bereits an der Kapazitätsgrenze. So sagte Katrin Wilcken, die Sprecherin des Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerks, schon jetzt seien die Kapazitäten in einigen ihrer Potsdamer Kitas erschöpft. „Die Eltern reagieren unterschiedlich darauf, manche zeigen Verständnis, andere nicht.“ Mitarbeiter aus Risikogruppen würden zu ihrem Schutz aktuell im Homeoffice oder in „gesonderten Bereichen“ der Kitas beschäftigt.

Aubel sieht noch Klärungsbedarf

Beatrice Strübing von der Fröbel-Gruppe wiederum sagte, man habe in den Einrichtungen selbst die Gärten so abgetrennt, dass die Kindergruppen untereinander keinen Kontakt haben. „Für den Fall einer Erkrankung muss dann nicht das ganze Haus in Quarantäne.“ Noch komme man mit dem Personal gut hin. „Jedoch ist das endlich.“ So seien Erzieher aus Risikogruppen aktuell nicht vor Ort. Auch zum Thema Schutzausrüstung für Erzieher äußerte sich die Fröbel-Sprecherin. „In einigen wenigen Einrichtungen tragen die Erzieherinnen Masken, allerdings nur bei den älteren Kindern. Bei der Betreuung kleiner Kinder verzichten wir darauf, da diese sehr stark auf die Mimik angewiesen sind.“ Dezernentin Aubel sagte, Träger mit Bedarf nach Schutzausrüstung könnten sich an das Rathaus wenden.

Auch längerfristig sieht Aubel noch Klärungsbedarf. So hätten viele Eltern schon ihren Jahresurlaub verbraucht, würden also Betreuungsplätze in den Sommerferien benötigen, wo sonst Kita-Schließzeiten üblich sind. Hier habe sie schon erste Zusagen von Trägern, „dass sie individuelle Lösungen für Eltern finden wollen“.


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