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Coronakrise : Besuche in Pflegeheimen bereiten Probleme

Besuche in Seniorenheimen sind seit dem Wochenende wieder erlaubt. Doch einige Einrichtungen in Potsdam kritisieren die spontane Lockerung. 

Um auf Masken zu verzichten, setzt die Seniorenresidenz Heilig-Geist-Park auf eine Trennscheibe zwischen dem Besucher und dem Patienten. 
Um auf Masken zu verzichten, setzt die Seniorenresidenz Heilig-Geist-Park auf eine Trennscheibe zwischen dem Besucher und dem...Foto: Ottmar Winter

Potsdam - Wer in einem Pflegeheim oder Krankenhaus betreut oder behandelt wird, darf seit vergangenen Samstag grundsätzlich wieder Besuch empfangen – wenn auch unter erheblichen Einschränkungen. Konkret heißt es in der neuen Eindämmungsverordnung des Landes, dass Besuch durch eine Person erfolgen darf, wenn sichergestellt ist, dass unnötiger physischer Kontakt zu den Patienten und dem Personal vermieden wird und ein wirksamer Schutz gewährleistet ist.

Viele Einrichtungen haben Termine für Besucher allerdings noch gar nicht oder erst Anfang dieser Woche angeboten. Sie waren überrascht von den spontanen Lockerungen, die erst am Freitag verkündet wurden und dann sogleich am Samstag in Kraft traten. Zahlreiche Pflegeheime mussten überlegen, wie sie neue Regelung realisieren können.  „Wir haben nach diesen Tagen eine Vielzahl von Rückmeldungen bekommen, die belegen, wie anstrengend und kräftezehrend diese Hau-Ruck-Aktion der Politik war", so Dietmar Lippold, Geschäftsführer des Arbeiter-Samariter-Bundes Brandenburg. 

„Grundsätzlich war das problematisch, einfach so von einem Tag auf den anderen. Wir hatten gehofft, dass wir mehr Zeit für die Umsetzung bekommen“, sagt Hendrik Bössenrodt, Geschäftsführer der Seniorenresidenz Heilig-Geist-Park. „Wir hatten aber nach der Pressekonferenz der Bundeskanzlerin Mitte der Woche mit Lockerungen gerechnet und uns deshalb ein Konzept überlegt.“

Besuchstermine müssen vereinbart werden

Das sieht im Moment so aus: Am Vormittag gibt es vier Besuchstermine, am Nachmittag zehn. Sie umfassen jeweils eine Dauer von einer halben Stunde. Das sei genug, wie Bössenrodt sagt. „Wir haben extra bei Angehörigen nachgefragt, ob ihnen dieser Zeitraum ausreicht.“ 

Am Dienstag konnten die ersten Besucher diese Termine wahrnehmen. „Wir haben die Angehörigen bereits am Freitag informiert, dass wir eine Onlineliste verschicken, in die man sich eintragen kann“, sagt Bössenrodt. Deshalb sei auch der große Ansturm am Wochenende ausgeblieben. „Wir hatten lediglich einen Angehörigen, der seine Mutter sehen wollte. Wir mussten ihm aber leider absagen, er hat nun einen Termin am Donnerstag“, sagt Bössenrodt. Die Umsetzung des Konzepts habe schlichtweg ein paar Tage in Anspruch genommen.

Die Termine, so Bössenrodt, seien gefragt. Sie finden im Restaurant der Pflegeeinrichtung statt. „Wir haben eine Trennscheibe eingerichtet, damit man auf Mundschutz verzichten kann“, so Bössenrodt. Dies sei wichtig, da auch Menschen mit Demenz in der Einrichtung betreut werden und diese den Mundschutz an eigentlich vertrauten Personen befremdlich finden könnten.

Erste Besucherin in der Heilig-Geist-Residenz

Die erste Besucherin in der Heilig-Geist-Residenz war am Dienstag Heike Kelm aus Ketzin. Statt wie üblich durch den Haupteingang ging es für sie am Gebäude entlang vorbei und durch eine Seitentür in das Restaurant. „Natürlich ist es ungewohnt, aber es ist gut, sich mal wieder persönlich zu sehen“, sagte Kelm. Zu Besuch war die 62-Jährige bei der 88-jährigen Käthe Müller. Die beiden hätten sich vor der Coronakrise mindestens einmal pro Woche gesehen, wie Kelm erzählt. „In den letzten Wochen haben wir dann immer regelmäßig telefoniert.“  

Dass man nun durch eine Scheibe miteinander sprechen muss, findet Kelm in Ordnung. „Es ist zwar etwas schwieriger mit der Verständigung, aber umso schöner, wenn man sich wieder anlächeln kann.“ Auch könne man sich nun wieder vor Ort davon überzeugen, dass es dem anderen gut geht. Heike Kelm hat Käthe Müller bereits versprochen, auch nächste Woche wieder vorbeizuschauen.

Amt muss Konzept noch abnicken 

Ganz anders ist die Situation im Moment beim Potsdamer Pflegewohnstift City-Quartier. Leiterin Bettina Köhn konnte den Bewohnern bisher noch keinen Besuch ermöglichen. „Wir wurden von der Politik am Freitag einfach überrascht“, sagt Köhn. Man habe sich zwar ein Konzept überlegt, das müsse aber noch vom Gesundheitsamt abgenommen werden. „Wie lange das noch dauert, wissen wir derzeit nicht.“ Einen konkreten Plan zu erstellen, wie man die Vorgaben des Gesundheitsministeriums umsetzt, ist laut Köhn nicht gerade einfach. „Es kann ja schließlich nicht jeder hineinrennen. Man muss sich überlegen, wie man den Besucherstrom kontrolliert und die Hygiene einhält.“  

Skepsis vom Verband

Wenig begeistert von dem Vorstoß des Gesundheitsministeriums zeigte sich auch die Liga der Freien Wohlfahrtspflege in Brandenburg. Diözesancaritasdirektor Bernd Mones teilte auf PNN-Nachfrage mit, dass die Angehörigen große Erwartungen gehabt und am Wochenende versucht hätten, für einen Besuch in den Pflegeheimen vorbeizuschauen. „Ich habe von Fällen gehört, bei denen die Polizei gerufen werden musste.“ Auch sei in einer Einrichtung Personal „im wahrsten Sinne des Wortes mit einem blauen Auge davongekommen“. „Man hätte den Einrichtungen einige Tage Zeit geben müssen, um sich vorzubereiten. So war das eine blöde politische Entscheidung.“ Erst am gestrigen Dienstag habe Mones mit Staatssekretär und Landeskrisenstabsleiter Michael Ranft telefoniert. Der hätte zugegeben, dass die Entscheidung unglücklich gewesen sei, sagte Mones den PNN, der Druck auf die Politik sei aber nach der Ansprache der Bundeskanzlerin Mitte vergangener Woche enorm gewesen. Man habe sich nun darauf verständigt, einen Brief an die Pflegeeinrichtungen zu schreiben und darin um Verständnis zu bitten.

Kritik gibt es auch von der Brandenburger Arbeiterwohlfahrt: „Diese schnellen Lockerungen sind aus unserer Sicht ein Spiel mit dem Feuer", sagte Anne Baaske, Geschäftsführerin der Awo in Brandenburg. "Wir hoffen sehr, dass durch diese Lockerungen keine Leben gefährdet werden. Wenn nun die Möglichkeiten zu privaten Treffen und die Besuchsmöglichkeiten gelockert sind, können damit auch die Ansteckungsgefahren steigen." Der Frust der durch die schnellen Lockerungen bei Mitarbeitern entstanden sei, müsse nun erstmal abgebaut werden. Und noch bei einem anderen Punkt muss laut Baaske nachgeholfen werden: Es fehlt an Schutzausrüstung für Mitarbeiter in den Heimen. Seit Wochen bitte man Land und Kommunen hier um Unterstützung. Bis auf kleinere Mengen in wenigen Landkreisen sei von den großen Lieferungen nicht in den Einrichtungen angekommen. „Wir erwarten, dass umgehend der - durch die gelockerten Besuchsregelungen nochmal erhöhte - Bedarf durch Lieferungen an die stationären Pflegeeinrichtungen gedeckt wird, auch hinsichtlich der für die Pflegeeinrichtungen zur Verfügung gestellten Testkapazitäten besteht hoher Handlungsbedarf", so Baaske.

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