• Corona-Lage in Potsdam: Rathausspitze setzt auf eigenes Corona-System - ohne Excel

Corona-Lage in Potsdam : Rathausspitze setzt auf eigenes Corona-System - ohne Excel

Amtsärztin Böhm stellt eigene Software für bessere Erfassung von Infektionen und Kontaktverfolgung. Das Rathaus strukturiert sich wegen der Pandemie um, zumindest zeitweise. Zudem gibt es zwei Todesfälle. Und die Zahl der Infizierten steigt, gerade eine Kita ist besonders betroffen.

Ohne Excel: Das Potsdamer Rathaus setzt beim Verfolgen von Kontakten auf ein eigenes Softwaresystem
Ohne Excel: Das Potsdamer Rathaus setzt beim Verfolgen von Kontakten auf ein eigenes SoftwaresystemFoto: Bernd Wüstneck/dpa (Symbolbild)

Nach Negativschlagzeilen zur bisher fehlenden Anbindung der Stadt Potsdam an ein bundesweit genutztes Meldesystem für Infektionskrankheiten ist die Rathausspitze um Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) am Mittwoch in die Offensive gegangen. Sie stellte ein eigenes Softwaretool vor, das die Verfolgung von Corona-Infektionsketten erleichtern soll.

Damit könne man deutlich besser als mit den vom Robert-Koch-Institut (RKI) zur Verfügung gestellten Excel-Tabellen die Dokumentation von Krankheitsfällen und Kontaktpersonen handhaben, sagte Gesundheitsamtschefin Kristina Böhm vor Journalisten. Insgesamt habe man bisher mehr als 6600 Datensätze erfasst – gespeichert werden dabei pro Fall unter anderem die Wohnadresse, wichtige Vorerkrankungen, die Umstände der Infektion und Krankheitssymptome. Eine solche einheitliche Dokumentation helfe auch dabei, möglichst rechtssichere Quarantänebescheide zu erhalten, so Gesundheitsdezernentin Brigitte Meier (SPD). Das Potsdamer System habe man mit dem städtischen IT-Fachbereich bereits seit April mithilfe einer Grundsoftware des Konzerns Oracle programmiert.

Das Demis-System ist aus Rathaussicht noch nicht so entscheidend

Nicht ausreichend gekümmert hatte sich die Verwaltung unterdessen um den Anschluss Potsdams an das Deutsche Elektronische Melde- und Informationssystem für den Infektionsschutz (Demis). Dort sind fast alle Kommunen in der Bundesrepublik vertreten, Potsdam jedoch bislang nicht, wie das Rathaus am Montag eingeräumt hatte. Mit Demis können seit Juni Daten zur Pandemie in den Gesundheitsämtern schneller verarbeitet werden, heißt es.

Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD).
Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD).Foto: dpa

Bisher seien 342 der 375 Gesundheitsämter in Deutschland angebunden, so das RKI. In Brandenburg ist nur Potsdam nicht dabei. Das hatte parteiübergreifend für Kritik gesorgt.

Die Priorität in Potsdam habe aber auf einem professionellen Tool zur Kontaktverfolgung gelegen, erklärte Dezernentin Meier. Amtsärztin Böhm sagte, das Demis-System befinde sich erst in der Startphase. Die Rückmeldung aus anderen Gesundheitsämtern sei derzeit, dass es noch keine Arbeitserleichterung gebe, weil viele Labore und Praxen noch nicht angeschlossen seien und ihre Daten weiter per Fax schickten. Daher wäre Potsdams Gesundheitsamt laut Böhm auch mit Demis aktuell nicht schneller als jetzt. Dennoch werde die Stadt sich in den nächsten Wochen bei Demis anschließen, versprach Oberbürgermeister Schubert – und zwar gemeinsam mit dem größten Test-Labor, mit dem die Stadt zusammenarbeite.

118 Mitarbeiter geben die Daten ein

Für das Gesundheitsamt geben laut Böhm derzeit 118 Mitarbeitende Daten von Infizierten und zur Kontaktverfolgung ein - Letzteres könne mehrere Stunden dauern. Das nun programmierte Tool  ermögliche es, schneller Bescheide auszustellen und neue Helfer schneller einzuarbeiten - mit Demis sei das so nicht möglich. Böhm sagte, beim Labor des Bergmann-Klinikums erhalte die Stadt Test-Ergebnisse nach 24 Stunden; andere bräuchten deutlich länger. Das erschwere die Nachverfolgung. Die Priorität liege bei der Verfolgung von Infektionen in Gemeinschaftseinrichtungen.

Kristina Böhm, Leiterin des Potsdamer Gesundheitsamtes.
Kristina Böhm, Leiterin des Potsdamer Gesundheitsamtes.Foto: Ottmar Winter

Neue Strukturen im Rathaus - zeitweise

Wegen der Coronakrise organisiert sich das Rathaus vorübergehend neu, sagte Schubert am Abend im Hauptausschuss. Bis April 2021 würden die Fachbereiche Soziales und Wohnen sowie Arbeit von Bildungsdezernentin Noosha Aubel (parteilos) übernommen. Für Coronathemen werde es eine eigene Pressekraft geben. Den wegen eines Beinbruchs fehlenden Finanzdezernenten Burkhard Exner (SPD) vertritt Schubert selbst. Die Kontakte in der Verwaltungsspitze würden derzeit minimiert, man setze etwa auf Telefonkonferenzen. Kritik kam von Hans-Jürgen Scharfenberg (Linke): Aubel werde nun sieben Fachbereiche führen müssen. Das sei „qualitativ eine Herausforderung“, gerade mit dem Blick auf den Kampf gegen steigende Mieten. Schubert sagte, die Entscheidung sei schwierig gewesen – aber nicht anders möglich. Die Beigeordnete Meier und das OB-Büro seien im Kampf gegen die Corona-Pandemie gebunden.

Bald digitale Sitzungen für Stadtverordnete?

Für digitale Sitzungen der Stadtverordneten sollen ab Montag die Laptops Upgrades bekommen, sagte Hauptamtsleiter Dieter Jetschmanegg. Dann könne man auch ein System mit Videokonferenzen zur Verfügung stellen, was in anderen Kommunen bereits möglich ist. Details müssten aber noch mit dem Büro der Stadtverordneten geklärt werden, sagte er. Zum Beispiel geht es um die Organisation, wie dann nicht-öffentliche Sitzungsteile durchgeführt werden.

Weitere Probleme

Problematisch ist weiter die Ausstattung von Verwaltungsmitarbeitern für das Homeoffice. Es fehlen weiter Laptops sowie Zugänge zu Spezialprogrammen. Man arbeite weiter an Lösungen, so Jetschmanegg. Nach PNN-Informationen gibt es unter anderem Bedenken nach dem Cyberangriff auf die Stadtverwaltung vom Anfang des Jahres, dass das System eben noch anfällig für solche Attacken sein könnte – daher wird die IT-Sicherheit derzeit besonders groß geschrieben, was aber eben zu Lasten der Arbeitsfähigkeit gehe. Zudem hatte sich herausgestellt, dass nicht genügend Laptops vorhanden sind. Unter anderem seien vereinbarte Liefertermine für Rechner vielfach nicht eingehalten worden, auch im Bereich Schule, sagte Jetschmanegg.

Die Infektionszahlen steigen

Am Mittwoch verzeichnete die Stadt 25 Neuinfektionen mit dem Coronavirus. Zwei infizierte Bewohner des Seniorenheims am Volkspark sind gestorben – nachdem sie laut Heimleitung tags zuvor noch symptomlos waren. In dem Heim waren 32 Bewohner und zehn Mitarbeiter positiv getestet worden.

Neue Fälle gab es laut Stadt an drei Schulen und drei Kitas sowie an der Heinrich-Heine-Klinik in Neu Fahrland. Fünf Patienten sind nach einem Positivtest nach Hause in Quarantäne geschickt worden, weitere Tests sind geplant. Es gilt ein Aufnahmestopp.

Sieben neue Fälle gab es an der Kita Neunmalklug in Bornim, wo nach einem ersten Fall alle 71 Kinder und Erzieher getestet wurden. In dem Zusammenhang sprach Dezernentin Meier von einem "Cluster". Auch an der Rosa-Luxemburg-Grundschule, am Leibniz-Gymnasium und der Lenné-Gesamtschule sowie in den Kitas Nuthewinkel und Kinderspiel gibt es neue Fälle. Amtsärztin Böhm sagte, aktuell gebe es Fälle an drei Kitas und zehn Schulen, "die Einschläge kommen näher". Wie im Hauptausschuss bekannt wurde, wurde in der vergangenen Woche eine Bewohnerin des Frauenhauses positiv getestet. Allerdings liegt der 7-Tage-Inzidenzwert in der Landeshauptstadt aktuell bei 72,6. Damit ist der Wert erstmal seit dem 3. November wieder zweistellig. Es befinden sich derzeit 879 Kontaktpersonen der Kategorie I in häuslicher Quarantäne.

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