• Corona-Hilfen verweigert: "Ich bin nur noch verzweifelt"

Corona-Hilfen verweigert : "Ich bin nur noch verzweifelt"

Drei Potsdamer Unternehmer und Unternehmerinnen fühlen sich während der Coronakrise vom Staat vernachlässigt - und rufen zur Gegenwehr auf.

Astrid Buzin (SoupWorld), Uwe Kellermann (Café Kellermann) und Petra Walter-Streitz (Jojo-Reise- und Trekkingladen/v.l.)
Astrid Buzin (SoupWorld), Uwe Kellermann (Café Kellermann) und Petra Walter-Streitz (Jojo-Reise- und Trekkingladen/v.l.)Foto: Andreas Klaer

Potsdam -  Es ist die Zeit der großen Corona-Depression. Zwei Frauen und ein Mann sitzen im Babelsberger Café Kellermann und sind am Ende, wirtschaftlich wie nervlich. Astrid Buzin ist dabei, sie hat 2005 die SoupWorld mit drei Filialen gegründet, dazu 2018 einen zweiten Geschäftszweig: ein erfolgreiches Memory-Spiel, mit dem Wildkräuterwissen trainiert wird. Die 46-Jährige musste ihre Küchen während des Lockdowns schließen, zwei gab sie auf. Der Staat will ihr nun als Zuschuss zu den Betriebskosten 11.000 Euro aus der Überbrückungshilfe II zahlen. „Das geht komplett für Miete und Strom drauf”, sagt Buzin. 

Petra Walter-Streitz hatte am 1. Juli 1990, dem Tag der Währungsunion, in der Jägerstraße mit ihrem 2015 verstorbenen Mann ein Reisebüro gegründet. Drei Jahre später eröffneten sie in der Gutenbergstraße ein zweites Standbein: den Jojo-Trekkingladen. Als sie ihn zwangsweise schließen musste, zahlte ihr der Staat: nichts. 

Café Kellermann avanciert zum Szene-Treff

Uwe Kellermann etablierte 2007 in der Rudolf-Breitscheid-Straße einen Regioladen mit Produkten von Biobauern. Vor drei Jahren wagte auch er Neues: Am alten Babelsberger Rathaus machte er das Café Kellermann auf, es wurde in kurzer Zeit ein beliebter Szene-Treff. Als der Staat das Café in den Lockdown zwang, zahlte ihm der Staat: nichts. 

Die Drei waren erfolgreiche Geschäftsleute – bis Corona kam. Sie waren schuldenfrei. Doch sie verhedderten sich im Dickicht der staatlichen Zuschüsse, von denen Abermilliarden in die angeschlagene Wirtschaft gepumpt wurden, nur nicht auf ihre Konten. Ihr Schicksal: Buzin, Walter-Streitz und Kellermann führen sogenannte Mischbetriebe, Unternehmen, die verschiedenen Branchen angehören, in denen unterschiedliche Mitarbeiter-Teams arbeiten und die getrennte Kassen haben, aber einen Chef. 

Absurde Rechnereien

Die Unternehmensteile werden, so hat es der Staat festgelegt, beim Antrag für Hilfen gemeinsam veranlagt. Um die zu bekommen, müsste einer der beiden vom Lockdown betroffenen Unternehmenszweige, etwa in der Gastronomie, 80 Prozent des Umsatzes erwirtschaften. Die staatlichen Rechnereien gehen bis ins Absurde: So wurden Kellermann Gelder versagt, weil er seinen Umsatz je zur Hälfte im Café und im Regionalladen verbuchte, die Miete ihn aber in die Knie zwang. 

Buzin ging praktisch leer aus, weil sie mit der SoupWorld nicht die geforderten 80, sondern nur 79 Prozent und mit dem Memory-Spiel 21 Prozent des Umsatzes erwirtschaftete. Es klingt absurd: Hätte sie zum Stückpreis von 25 Euro ein paar Dutzend Spiele weniger und ein paar Dutzend Suppen mehr verkauft, hätte sie wohl die geforderten 80 Prozent Umsatz für die Suppenküche erreicht – und Anspruch auf Staatshilfe gehabt. 

15.000 Euro Soforthilfe im März 2020 - seither nichts mehr

Die drei Potsdamer Unternehmer vertrauten auf das Versprechen der Politik, dass niemand im Regen stehen gelassen werde – triefend nass stehen sie jetzt vor den Trümmern ihrer Existenz. 

Als die PNN über den Fall Kellermann berichtet hatten, verabredeten sich die Drei zur Gegenwehr. Sie fordern, so Uwe Kellermann, „alle, die in Potsdam und Brandenburg davon betroffen sind”, auf, sich zu melden. Gemeinsam soll beraten werden, wie der Druck auf die Politik und die Behörden erhöht werden kann.  Astrid Buzin lieh sich privat 50.000 Euro, um trotz Einnahmeverlusten von 70 Prozent überleben zu können: „Ich weiß nicht, wie ich das zurückzahlen soll.” 

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Petra Walter-Streitz hat im vergangenen März zu Beginn der Pandemie 15.000 Euro Soforthilfe erhalten, seitdem nichts mehr. Die Geschichte zwischen dem Staat und seiner hilfebedürftigen Bürgerin, die schuldlos in Existenznot geraten ist, handelt von den Verrücktheiten der Corona-Zeit: sowohl für Reisebüros als auch für Geschäfte wie Trekkingläden wurden Überbrückungshilfen aufgelegt. Vom ersten Monat an hätte für das Reisebüro eine Förderfähigkeit der höchsten Stufe bestanden, für den Trekkingladen während der Schließung ebenso. Aber auch sie wurden zusammen veranschlagt – und es gab keinen Cent. 

Hoffnung auf Härtefallregelungen

Die Folge: Seit Corona-Beginn insgesamt rund 200.000 Euro Umsatzausfall. Dazu gestundete Mieten für beide Läden und Lagerräume in Höhe von mehr als 6000 Euro, 10.000 Euro gestundete Sozialversicherungsbeiträge und nicht verkaufte Winterware im Wert von 36.000 Euro. „Uns werden Ende März mehr als 60.000 Euro an Liquidität fehlen”, so Walter-Streitz, „die immer wieder verlängerten Schließungen des Einzelhandels haben uns das Genick gebrochen”. 

„Ich bin am Ende meiner physischen und psychischen Kraft”, sagt Petra Walter-Streitz, „ich bin nur noch verzweifelt”. Sie habe einen KfW-Kredit beantragt, sonst bleibe nur noch die Insolvenz: „Ich bin 59 Jahre alt und habe mir meinen Lebensabend anders vorgestellt, als zehn Jahre lang 100.000 Euro abzahlen zu müssen.” Die Chefs der drei Mischbetriebe hoffen, dass sie jetzt von geplanten Härtefallregelungen profitieren können. Uwe Kellermann ist skeptisch: „Was hat die Politik nicht schon alles versprochen. Ich glaube nichts mehr.” 

Er war wegen seiner hohen Miete im Café auf eine Pleite zugeschliddert. Er nahm allen Mut zusammen und rief zu einer Spendenaktion auf. Wie berichtet, kamen in ein paar Tagen mehr als 30.000 Euro zusammen. „Wenn wir Ostern wieder öffnen können, kommen wir durch”, sagt der Chef. An einer Wand seines Cafés ist eine Art Corona-Kunstwerk entstanden: eine große Holztafel mit den Namen der gut 400 Spender.  

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