• Chronologischer Niedergang der Garnisonkirche: Untergang eines Wahrzeichens

Chronologischer Niedergang der Garnisonkirche : Untergang eines Wahrzeichens

Vor 50 Jahren wurde der Turm der Potsdamer Garnisonkirche gesprengt – zum zweiten Mal.

Am Ende behalf man sich mit einer Lüge: Der Turm der Potsdamer Garnisonkirche, so heißt es in einem Lehrfilm der DDR, sei mit Bedacht in zwei Abschnitten nacheinander gesprengt worden. Der Sprecher tönt darin: „So machten wir uns die Konstruktion des Turmes zunutze und wollten ihn in zwei Hälften, das heißt, zu je zwei Pfeilern nacheinander sprengen.“

Doch das stimmte nicht, was da im Film „Sprengung einer Kirche“ verkündet wurde. In Wirklichkeit sollte der Turm in einem Rutsch fallen, am 19. Juni 1968. Aber die eine Hälfte blieb da zunächst stehen. Vier Tage später legte das Sprengkommando nach. Heute vor genau 50 Jahren, am 23. Juni 1968, wurde die Ruine des barocken Kirchturms der einstigen Potsdamer Hof- und Garnisonkirche endgültig gesprengt. Es war ein Sonntag. Etwa 10.20 Uhr. Beste Gottesdienstzeit. Die nach der ersten Sprengung verbliebene Turmhälfte versank in hoch aufsteigendem Staub und schließlich im eigenen Schutt.

Dass die erste Sprengung ein Reinfall war, der Turm eigentlich sofort hätte komplett einstürzen sollen, wusste auch die SED-Führung. Die Sprengung sei „nicht entsprechend der vorgesehenen Aufgabenstellung verlaufen“, heißt es in einer parteiinternen Mitteilung. In die Öffentlichkeit sollte das Missgeschick freilich nicht dringen.

Ein zwanzig Jahre langer Untergang

Der Tag der finalen Sprengung, jener 23. Juni 1968, war der Schlusspunkt in einem mehr als zwei Jahrzehnte dauernden Akt des Untergehens. Infolge des großen Luftangriffs der Royal Air Force am späten Abend des 14. April 1945 wurde die im 18. Jahrhundert auf Anordnung Friedrich Wilhelms I. von Architekt Philipp Gerlach ersonnene Kirche schwer beschädigt. Fortan stand der Sakralbau mit seinem immer noch durchaus stattlichen, wenn auch beschädigten Turm sichtbar im Stadtbild. Schon am 13. Juli 1949 habe ein Gespräch zwischen Kirchenbaurat Winfried Wendland und Stadtbaurat Richard stattgefunden, in dem Wendland über Pläne der SED zur Garnisonkirche unterrichtet worden sei, schreibt die Historikerin Anke Silomon in ihrem Buch „Pflugscharen zu Schwertern – Schwerter zu Pflugscharen“. Demnach gab es bereits damals Pläne innerhalb der SED, die Kirchenruine zu sprengen und die Steine für den Wohnungsbau zu verwenden. Der Turm allerdings sollte auch nach den Überlegungen der Partei erhalten bleiben. Über die Pläne der Kirchengemeinde, im Turmstumpf eine Kapelle einzurichten, habe sich Richard „sehr erfreut“ gezeigt, zitiert Silomon aus dem schriftlichen Bericht über die Unterredung zwischen Wendland und Richard.

Wenige Tage später, am 25. Juli 1949, beschloss der Gemeindekirchenrat die Umbenennung der Garnisonkirche in Heilig-Kreuz-Kirche. Schließlich gab es keine deutschen Soldaten mehr in Potsdam, die die Kirche hätten nutzen können, auch wollte man mit dem Namen offenbar ein Zeichen des Neuanfangs nach der Zeit des nationalsozialistischen Schreckens setzen. Die Kapelle im Turm, entworfen von Kirchenbaurat und Architekt Wendland, wurde ein Jahr später Wirklichkeit. Am 18. Juni 1950 konnte sie feierlich eingeweiht werden. Bald darauf bekam die neue Kapelle für Wendland auch eine ganz persönliche Bedeutung: „Ich war einer der ersten Täuflinge in diesem Hause“, erinnerte sich kürzlich Dieter Wendland, ein Sohn des Architekten. Der heute als Grafikdesigner in Berlin lebende Wendland, Jahrgang 1950, sprach vor wenigen Tagen auf einer Veranstaltung in der Nagelkreuzkapelle, wo er gemeinsam mit anderen Zeitzeugen Rückschau auf die letzten Jahre der Garnisonkirche hielt, bevor sie gesprengt wurde.

Staatliche Abrisspläne mit später Informierung der Kirche

Mitte der 1960er Jahre erfolgten Sanierungsarbeiten am Turm. Es wurden Betonzwischendecken eingezogen. Doch nach einigen Monaten stockten die Arbeiten. Die Bautätigkeit wurde, offenbar auf Veranlassung des Staates, zum Ruhen gebracht. „Mittlerweile deuteten die widersprüchlichen und letztlich undurchsichtigen staatlichen Maßnahmen trotz der begonnenen Bauarbeiten wieder eher auf einen Abriss des Kirchenensembles hin“, schreibt Historikerin Silomon.

Bereits am 12. August 1966 wurde auf einer Parteigruppensitzung des Rates der Stadt Potsdam Einigkeit darüber erzielt, dass die Ruine der Garnisonkirche abzureißen sei. Über dieses Ergebnis habe in der Sitzung „Klarheit“ geherrscht, heißt es in einem Dokument. Im September 1966, so Silomons Recherchen, untersagte das Stadtbauamt alle weiteren Bauarbeiten und zog die Baugenehmigung für die Sicherungsarbeiten zurück. Am 27. Oktober 1966 verfügte man die baupolizeiliche Sperrung der Heilig-Kreuz-Kapelle. „Die Kirche wurde über die Hintergründe der Maßnahmen nicht informiert. Stattdessen wurde den Kirchenvertretern wiederholt versichert, dass eine Entscheidung über die Ruine noch nicht gefallen sei“, schreibt der Berliner Autor Matthias Grünzig in seinem Buch über die Garnisonkirche („Für Deutschtum und Vaterland“). Erst am 19. Mai 1968 habe die Potsdamer Oberbürgermeisterin Brunhilde Hanke Superintendent Rolf Stubbe offiziell über den bevorstehenden Abriss informiert, so Grünzig. Über inoffizielle Kanäle hätten die Verantwortlichen der Kirche jedoch spätestens im Mai 1967 Kenntnis von den staatlichen Abrissplänen gehabt.

Am 22. Juni 1967 besuchte Walter Ulbricht, Staatsratsvorsitzender der DDR, die Stadt. Heutzutage wird über diesen Besuch zumeist berichtet, Ulbricht habe dabei gefragt, was die Kirchenruine da noch zu suchen habe. Daraufhin sei von Stadtarchitekt Werner Berg der Einwand gekommen, der Sakralbau sei eine unverzichtbare Höhendominante, worauf Ulbricht entgegnet haben soll, dass er sich dann wohl eine neue Dominante suchen müsse. Grünzig geht indes davon aus, dass „alle Planungen, die Ulbricht an diesem Tag vorgestellt wurden“, den Abriss bereits vorsahen und es daher für ihn keinen Grund gegeben habe, den Abriss zu fordern.

Kampf gegen die Sprengung

Bis zum Mai 1968 schickten diverse Kirchenvertreter Protestschreiben an die staatlichen Ebenen, um den Abriss doch noch zu verhindern. Am Ende vergeblich. Grünzig allerdings kommt in seinem Buch zu dem Schluss, den kirchlichen Verantwortlichen sei der Erhalt des Gotteshauses wiederum auch keine Herzensangelegenheit gewesen. Lediglich die Heilig-Kreuz-Gemeinde selbst habe stark für den Erhalt gekämpft. Auf höherer kirchlicher Ebene sei die Unterstützung deutlich geringer gewesen. Grünzig verweist darauf, dass die Garnisonkirche in den Jahren vor dem Abriss nicht im Fokus kirchlicher Baupläne für Potsdam gestanden habe. Indes vermisst man bei Grünzig einen deutlichen Hinweis darauf, dass es einen großen Unterschied macht, ob eine Ruine nur nicht wieder instandgesetzt wird oder ob man sie abreißt. Schließlich waren die Finanzen für die Potsdamer Kirchen knapp. Zudem gab es die Idee – worauf Grünzig hinweist – einige neue Gemeindezentren in Potsdam zu bauen. Auch hierfür benötigte die Kirche Geld. Und es besuchten weniger Gemeindeglieder als vor dem Krieg die Garnisonkirche, schon weil es das Militär nicht mehr gab.

Ein letzter formaler Akt im Abrisskampf folgte auf städtischer Ebene am 26. April 1968. Die Stadtverordneten, die entgegen den sonstigen Gepflogenheiten nicht mit der Einladung darüber informiert wurden, dass der Abriss der Kirche auf der Tagesordnung stehen werde, stimmten in der Sitzung mehrheitlich für den Abriss. Es gab vier Gegenstimmen, eine davon war die vom LDPD-Abgeordneten Gebhard Falk. Drei Gründe habe man damals offiziell für den Abriss genannt, so Falk: Den Bau einer Heiztrasse und des Rechenzentrums sowie eine verbesserte Straßenführung, erinnerte sich Falk kürzlich. Kurz vor der Sitzung seien die Stadtverordneten regelrecht vergattert worden, für den Abriss zu stimmen. Doch Falk und drei weitere Abgeordnete von LDPD und CDU beugten sich dem Druck nicht.

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