• Bundestagswahlkampf in Potsdam: Zum Auftakt ein Heimspiel

Bundestagswahlkampf in Potsdam : Zum Auftakt ein Heimspiel

Rund 200 Menschen kamen zum Potsdamer Wahlkampfstart der grünen Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock in die Brandenburger Straße. Es ging um Bundesthemen – und um Grünpflanzen.

Start in den Wahlkampf vor Ort. Annalena Baerbock ist Direkt- und Kanzlerkandidatin für Bündnis 90/Die Grünen.
Start in den Wahlkampf vor Ort. Annalena Baerbock ist Direkt- und Kanzlerkandidatin für Bündnis 90/Die Grünen.Foto: Ottmar Winter PNN

Potsdam - Es war keine Inszenierung, aber es wirkte wie eine: Um die Bühne für die grüne Kanzler- und Potsdamer Direktkandidatin Annalena Baerbock frei zu machen, musste am Mittwochnachmittag in der Brandenburger Straße erst noch ein Auto abgeschleppt werden.

Stand im Weg. Ein Auto auf der Veranstaltungsfläche musste abgeschleppt werden.
Stand im Weg. Ein Auto auf der Veranstaltungsfläche musste abgeschleppt werden.Foto: Ottmar Winter PNN

Kurz später rief Baerbock vom kleinen Podest in die Menge: „Wir wollen autofreie Innenstädte. Die Städte sind zum Leben da.“ Rund 200 Menschen waren zu ihrem Wahlkampfauftakt für die Bundestagswahl im Potsdamer Wahlkreis 61 gekommen. Die Kulisse hinter Baerbock: eine meterhohe, aufgeblasene Weltkugel mit dem Slogan „Es gibt keinen Planeten B“ – bekannt von den Demonstrationen von Fridays for Future. Vor der Kanzlerkandidatin auf der gesperrten Straße: Junge Unterstützer mit grünen FFP2-Masken mit Sonnenblume, Familien, aber auch ältere Paare, sitzend auf mit Abstand aufgestellten Papphockern.

Große Themen mit lokalen Beispielen verknüpft

In Baerbocks Rede wurde ihre Doppelrolle deutlich. Die großen Themen ihrer Partei spielten die Hauptrolle: Klimaschutz, Flüchtlings-, Bildungs- und Mietenpolitik. Der Fokus lag auf der Bundesebene – aber sie bemühte sich, lokale Beispiele zu nutzen. So lobte sie das an diesem Nachmittag gefallene Votum der Potsdamer Stadtverordneten für eine Unterstützung der zivilen Seenotrettung. „Es ist gut und wichtig, dass Potsdam zum Bündnis Städte Sicherer Häfen gehört. Aber eigentlich ist eine humane Flüchtlingspolitik Aufgabe der Bundes- und der EU-Ebene“, so Baerbock mit Blick zu einem Transparent mit dem Slogan „Seenotrettung ist kein Verbrechen“, das aus einem Fenster über ihr flattert.

Baerbock beantwortete im sogenannten Townhall unter freiem Himmel Fragen der Anwesenden.
Baerbock beantwortete im sogenannten Townhall unter freiem Himmel Fragen der Anwesenden.Foto: Ottmar Winter PNN

Viele Fragen aus dem Publikum zielten auf Bundesthemen ab, etwa zu Massentierhaltung, dem Umgang mit Plastikmüll oder der Sensibilisierung für Geschlechterdiversität in Schulen.

Doch auch lokale Themen interessierten die Besucher. Ein junger Mann wollte wissen, wie Baerbock zu den Plänen steht, im nördlichen Teil des Potsdamer Volksparks Sportflächen zu errichten. Er forderte, die Streuobstwiesen im Remisenpark zu erhalten. Sie verstehe sein Anliegen, so Baerbock. „Aber wir brauchen mehr Sportflächen im Potsdamer Norden. Keine Sportanlagen zu bauen, ist nicht die Lösung. Aber wir dürfen auch nicht einfach versiegeln, sondern müssen andernorts Ausgleich schaffen“, argumentierte die Kandidatin. Auch die hohen Mieten sehe sie als großes Problem in Potsdam, „weil es hier so schön ist, dass viele herziehen wollen“. Deshalb brauche es eine effektive Mietpreisbremse.

"Ladenlokal" als Wahlkampfbüro in der Heimat

Der Potsdamer Wahlkampf der Grünen soll auch im „Ladenlokal“ stattfinden. Dieses temporäre Büro wurde am Mittwoch eröffnet. Ein hip eingerichteter Raum in der Friedrich-Ebert-Straße nahe der Tramhaltestelle Brandenburger Straße mit Holzbänken, Wahlplakaten und viel Grün. „Hier können Potsdamer ihre Pflanzen abgeben. Wir gießen die dann immer schön, und nach dem Wahlkampf können Sie sie wieder abholen und sich freuen, wenn sie gewachsen sind“, erläuterte Baerbock das Konzept. Eine weitere lokale Idee: Potsdamer können nicht mehr benötigte Schulranzen im „Ladenlokal“ abgeben. In Kooperation mit der Arbeiterwohlfahrt (Awo) werden diese an Familien weitergegeben, in denen das Geld knapp ist.

Baerbock beteuerte, desöfteren ins Wahlkampfbüro "Ladenlokal" in der Brandenburger Straße zu kommen. 
Baerbock beteuerte, desöfteren ins Wahlkampfbüro "Ladenlokal" in der Brandenburger Straße zu kommen. Foto: Ottmar Winter PNN

Sie werde bis zur Wahl immer wieder in das „Ladenlokal“ kommen, sagte die 40-Jährige. Zugleich dämpfte sie Erwartungen: Im Bundestagswahl werde sie in allen Teilen Deutschlands unterwegs sein. „Da sind meine Zeiten vor Ort begrenzt.“ Auf die Frage, ob ihr Wahlkampf in Anbetracht sinkender Umfragewerte nicht offensiver werden müsse, entgegnete sie, ein guter Wettstreit sei hart in der Sache, aber nicht respektlos. Auch dürften keine Fake News verbreitet werden. „Meine eigene Familie hat mich gefragt, ob ich die Witwenrente abschaffen will. Nein, das will ich nicht“, so Baerbock. Diese Nachricht sei bei WhatsApp verbreitet worden. „Das hat das Darknet erfunden.“

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Bei den Fragen, aber auch beim Zwischenapplaus wurde deutlich, dass die große Mehrheit der Zuhörer zu ihren Unterstützern zählte. „Ich bin gekommen, weil ich eine begeisterte Anhängerin der grünen Partei und von Annalena Baerbock bin“, sagte die 52-jährige Andrea vor der Veranstaltung. Klimaschutz, Verkehr und Integration seien ihr besonders wichtig, lokale Themen spielten eine untergeordnete Rolle. Elisabeth, 16 Jahre alt und Aktivistin bei Fridays for Future, sieht in Baerbock auch ein Symbol. „Ich wünsche mir, dass eine junge Frau Kanzlerin wird.“ Auch Bärbel, eine ältere Dame, „temporäre Potsdamerin“, sagte, sie habe die Grünen schon immer unterstützt. „Und Annalena Baerbock ist eine tolle Frau.“ Auch aus dem Umland waren viele nach Potsdam gekommen, um den Wahlkampfauftakt zu erleben.

Doch auch Passanten blieben stehen, hörten zu. „Wir waren eigentlich zum Bummeln da, aber das war ein passender Zufall. Wir wollten Frau Baerbock gerne mal live reden hören“, berichtete eine Kleinmachnowerin mit ihrer Tochter. Auch Clemens Huchel sagte, er sei spontan gekommen, aber er unterstütze die grüne Kandidatin ohnehin. Kritischer sah das ein älteres Ehepaar, das in Potsdam Urlaub macht. „Das mit dem Gendern ist doch nicht so wichtig“, meinte die Frau.

Viele Zuhörer loben, dass Baerbock konkret und präzise geantwortet habe. Auf eine Frage antwortete sie jedoch nur diplomatisch-vage: Wie sie gegen ihren SPD-Kontrahenten im Wahlkreis und ums Kanzleramt Olaf Scholz punkten will, wollte ein Journalist wissen. Baerbock entgegnete nur: „Ich mache keinen Wahlkampf gegen andere.“

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