• Borreliose in Potsdam: Bis zu 500 Euro im Monat für Medikamente

Borreliose in Potsdam : Bis zu 500 Euro im Monat für Medikamente

Borreliose-Patienten leiden oft jahrelang unter den Spätsymptomen der Krankheit. Mit einer vor neun Jahren gegründeten Selbsthilfegruppe will Konrad Winkler ihre Situation verbessern.

Konrad Winkler gründete 2011 eine Selbsthilfegruppe für Borreliose-Erkrankte. 
Konrad Winkler gründete 2011 eine Selbsthilfegruppe für Borreliose-Erkrankte. Foto: Sebastian Rost

Potsdam - Muskelschmerzen, Grippegefühl und Erschöpfung: Wer nach einem Zeckenbiss an diesen Symptomen leidet, kann laut dem Borreliose und FSME Bund Deutschland e.V. bereits erkrankt sein. Lyme-Borreliose lautet die Diagnose, die viele Ärzte ohne das Auftreten der typischen Wanderröte um den Zeckenbiss nicht bereit sind, zu stellen. Für den Potsdamer Konrad Winkler ist das eine Situation, die er so nicht hinnehmen kann.

Im Jahr 1998 wurde die Krankheit bei Winkler festgestellt, da war er schon über zehn Jahre lang von ihren Spätfolgen betroffen. Die Erforschung und Behandlung von Borreliose, so der 65-Jährige, sei auch heute noch unzureichend. Deshalb gründete er im März 2011 mithilfe des Potsdamer Vereins Sekiz eine Selbsthilfegruppe für Betroffene. Sie soll über Erkrankung und Therapie aufklären: „Es soll jeder hören, was für Möglichkeiten existieren.“

Erst eine Berliner Hausärztin stellte die Krankheit bei ihm fest

Brandenburg zählt laut dem Landesamt für Gesundheit zu den Hauptverbreitungsgebieten der Lyme-Borreliose. Rund 1700 Neuerkrankte gibt es laut Statistik in jedem Jahr, in Potsdam sind es 64. Die Dunkelziffer, ist sich Konrad Winkler sicher, ist noch wesentlich höher. Eine frühzeitige Behandlung mit Antibiotika kann laut dem Borreliose und FSME Bund Deutschland e.V. die Krankheit eindämmen – sonst kann der Erreger als Neuroborreliose das Gehirn befallen sowie Gelenke, Herz, Haut und Augen schädigen.

Als Konrad Winkler 1983 im Spreewald bei Golßen von einer Zecke gebissen wurde, war das alles noch unerforscht. Erst in den 80er-Jahren wurde die Krankheit im US-amerikanischen Ort Lyme entdeckt. Winkler schleppte sich mit Gelenkschmerzen und einer Arthritis zur Arbeit, später hatte er Konzentrationsstörungen und konnte kaum noch lesen. Als er 1998 auf der Arbeit zusammenbrach, sprachen die Ärzte schlicht von Überarbeitung. Erst eine Berliner Hausärztin entdeckte schließlich die Borreliose.

Viele Kassen zahlen nicht

„Der Begriff war für mich völlig unklar“, erinnert sich Winkler. Weil er nicht sein Leben lang auf Schmerzmittel und Antibiotika angewiesen sein wollte, informierte er sich über Naturheilkunde. Auf eigene Kosten probierte er zwei Jahre lang alles Mögliche aus: Aloe Vera, Brennnessel-Aufgüsse und Kältekammer, später Blutegel und Reittherapie. Für ihn funktioniert das bis heute gut, aber: „Irgendwann ist der finanzielle Rahmen gesprengt.“ Viele Menschen bekämen eine Behandlung der Spätsymptome von den Kassen nicht bezahlt, so Winkler. Ohne Wanderröte würden die Ärzte ihnen in der Regle auch keine Diagnose stellen. Deshalb seien die Menschen gezwungen, sich privat behandeln zu lassen. Dafür müssten sie teilweise Hunderte Kilometer zurücklegen. Ein Labortest zur Diagnose kostet nochmal zwischen 40 und 160 Euro. „Für ihre Medikamente zahlen die Leute bis zu 500 Euro im Monat“, sagt Winkler.

Der Rentner ist Mitglied im Borreliose-Verein Berlin-Brandenburg, nach einem Umzug nach Potsdam im Jahr 2009 baute er hier die Selbsthilfegruppe auf. Er will damit einen Ort zur Verfügung stellen, an dem sich Betroffene über alle Fragen und Ängste austauschen können. Auch ihr Wissen um Behandlungsmöglichkeiten sollen sie erweitern: „Wir wollen so viele Infos wie möglich geben.“ Dazu lädt Winkler gemeinsam mit dem Sekiz e.V. regelmäßig Ärzte für Vorträge ein. Die rund 15 Teilnehmer der Selbsthilfegruppe berichten von ihren eigenen Ansätzen, mit der Krankheit umzugehen. Zu den Treffen kommen laut Winkler Menschen aus ganz Brandenburg und Berlin.

Inzwischen gibt es auch eine Podcast für Interessierte

Seit Januar 2013 gibt es unter dem Namen „Help FM“ auch einen Selbsthilfe-Podcast. Der solle das Wissen um die Krankheit auch an Menschen herantragen, die nicht zum Treffen in die Räume des Sekiz e.V. kommen können, so der 65-Jährige. Durchschnittlich 100 monatliche Hörer hat das Format laut eigenen Angaben. Ob das funktioniert, liegt laut Winkler letztlich an den Betroffenen selbst: „Selbsthilfe klingt im ersten Moment schön, aber es geht um die eigene Verantwortung.“ Von Gesundheitspolitikern und Medizin fordert er eine neue Klassifizierung der Krankheit, damit alle Betroffenen rechtzeitig eine Diagnose erhalten. Außerdem setzt sich Konrad Winkler dafür ein, dass junge Ärzte darin geschult werden, Lyme-Borreliose als Krankheit zu erkennen, denn: „Oft wird man beim Hausarzt einfach abgekanzelt.“ Für sein Kranksein solle sich keiner rechtfertigen müssen.

Die Borreliose-Selbsthilfegruppe Potsdam trifft sich in den Räumen des SEKIZ e.V. in der Hermann-Elflein-Straße 11. Die nächsten Termine sind jeweils mittwochs am 11. März, 8. April, 13.Mai, 10. Juni und 8. Juli von 19 bis 20.30 Uhr. Erreichbar ist sie auch telefonisch unter (0331) 243 705 71. Der Podcast ist zu finden unter www.helpfm.de


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