• Biosphäre in Potsdam: Potsdams Raupe Nimmersatt

Biosphäre in Potsdam : Potsdams Raupe Nimmersatt

Die Potsdamer Biosphäre frisst seit Jahren zu viel städtisches Geld. An der Motivation der Mitarbeiter liegt es nicht. Ein Besuch in der Tropenhalle.

Verliebt in Falter. Hubertus Rufledt ist freier Mitarbeiter in der Biosphäre und führt Besucher sehr gerne ins Schmetterlingshaus. Hier lebt der große Atlasspinner, einer der größten Schmetterlinge weltweit, und auch der orange-bunte Monarch (Foto).
Verliebt in Falter. Hubertus Rufledt ist freier Mitarbeiter in der Biosphäre und führt Besucher sehr gerne ins Schmetterlingshaus....Foto: Andreas Klaer

Bornstedter Feld - Die kleine Raupe Nimmersatt lebt in der Biosphäre. Im Schmetterlingshaus hat sie sich in ein Blatt verbissen und frisst und frisst. Mit etwa elf Zentimetern Länge ist sie ein stattliches Krabbeltier, grün und somit gut getarnt, mit gefährlich aussehenden Dornen am Rücken und, ebenfalls zur Tarnung, einem leuchtend roten Fleck am Hinterleib. „Der Feind soll den Fleck für das Auge halten und dann dort reinbeißen“, sagt Hubertus Rufledt. Auf das Ende vom Körper würde die Raupe notfalls verzichten.

Diese Raupe aber hat keine Feinde, im Gegenteil, sie wird verwöhnt, mit Futter und extra Wärme. Lokale Heizstrahler sorgen im Schmetterlingshaus für ein paar Grad mehr als in der Halle. Hier sollen sich die schönen Falter schließlich gerne und oft vermehren und auch aus dieser Raupe wird erst eine Puppe und dann ein mächtiger Atlasspinner werden.

Früher Comiczeichner, heute führt Hubertus Rufledt durch die Biosphäre

Rufledt kann das gut erklären, der 63-Jährige arbeitet als freier Mitarbeiter in der Biosphäre, oft ist er im Schmetterlingshaus. Im Hauptberuf ist Rufledt Autor für Comichefte, kann aber auch Museumsführer schreiben. Er stammt aus einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, der Vater war Förster. Mit der Natur kann er was anfangen, mit Menschen auch. Zur Biosphäre kam er 2009. „Die suchten damals Leute zur Betreuung und für neue Programme. Es gefiel mir und ich bin dann hier hängengeblieben.“

Die Biosphäre ist ein toller Ort, findet Rufledt. Zum Erleben, Lernen, Entspannen und Genießen. Deshalb würde er es gerne sehen, dass dieses besondere Haus erhalten bleibt und weder abgerissen noch umgewidmet wird. Dass in der Öffentlichkeit häufig von der „defizitären Biosphäre“ die Rede ist, findet er furchtbar. Das sei wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Nur etwa die Hälfte der prognostizierten Besucher kommen in die Tropenhalle

Natürlich ist ihm bewusst, dass die Biosphäre kränkelt. Nicht ohne Grund wird die Zukunft seit Jahren in der Stadtpolitik diskutiert. Das Haus, 2002 als Tropengarten eröffnet, fährt nicht den gewünschten Gewinn ein, es ist ein Zuschussgeschäft, bis zu 1,5 Millionen Euro jährlich kostet die Halle die Stadt. Im ursprünglichen Konzept, das Wirtschaftlichkeit versprach, war von mehr als 300 000 Besuchern im Jahr die Rede. Diese Zahl wurde nie erreicht. Heute sind es im Jahr um die 150 000 Besucher. Die Tageszahlen sind extrem schwankend: „Mal kommen 60, mal 2000 Gäste“, sagt Hanna Ehlers von der Biosphäre. Ostern ist es voll, im Sommer leer.

Gerne würden sie jedem Besucher gerecht werden, ob es nun voll ist oder nicht. Zudem bringt jeder Besucher eine andere Erwartungshaltung mit. Das Programm aus Führungen, Kursen und Ausstellungen und Events ist deshalb in den vergangenen Jahren immer umfangreicher geworden. „Als ich hier angefangen habe, gab es kaum Angebote“, sagt Rufledt, „da hat sich schon sehr viel getan.“ Ein Vorteil ist heute, dass vor einem Jahr die Fördermittelbindung wegfiel. Seitdem kann man das Restaurant, das allerdings nur über mittags und nachmittags geöffnet hat, auch ohne Eintrittskarte besuchen – ein erster kleiner Versuch, neue Zielgruppen anzusprechen. Das reicht aber noch nicht. Geschäftsführer Eckhard Schaaf sagt: „Wir haben schon lange viele Ideen“. Aber die fließen jetzt mal wieder in ein Werkstattverfahren.

Problem: Befristete Betreiberverträge, die wenig Planung zulassen

Die Mitarbeiter, sagt Hanna Ehlers, sind auch nicht ideenlos. Aber man kann nicht vernünftig planen, wenn die Betreiberaufträge nur befristet kommen, zurzeit bis Ende 2019. Das Vermietungsgeschäft von Restaurant und Orangerie, einer mittelgroßen Eventhalle, braucht Sicherheit. „Wir bekommen Anfragen für Tagungen oder Hochzeiten und können keine verbindliche Auskunft geben“, sagt Ehlers. Schaaf sagt, man würde auch gerne mehr Personal anheuern, aber mit befristeten Verträgen sei das schwer.

Rufledt, der seit neun Jahren im Haus arbeitet, sieht hohen Sanierungsbedarf, vor allem energetisch. „Da sind wir garantiert nicht auf dem neuesten Stand.“ Immerhin wurden gerade ein paar Schautafeln und Exponate erneuert. Aber das sogenannte Luftschiff, ein Raum, der einen Flug über den Regenwald inklusive schwankendem Boden simuliert, bräuchte dringend eine technisch-mediale Auffrischung. Tagesgäste, die man hier gerne hätte, bräuchten mehr Bänke zum Rasten. Das Angebot im Restaurant ist hochwertig, aber deshalb auch entsprechend teuer, eine Familie mit Kindern ist hier schnell ein kleines Budget los. Ein Picknick-Areal für mitgebrachtes Essen gibt es nicht. Ehlers wünscht sich, den Empfangsbereich einladender zu gestalten, mit mehr Dschungelgefühl. Das Bornstedter Feld entwickelt sich, sagt Ehlers, aber die Biosphäre zieht nicht mit. Immerhin, es kommen viele, die Jahreskarten haben. Aber es müssten mehr sein. Besucherbetreuer Rufledt hängt vor allem an seinen Schulklassen. „Umweltbildung ist so wichtig“, sagt er. Einfach mal 100 Prozent reale Natur erleben, nicht auf dem Handy, das kennen viele Kinder gar nicht. „Manche haben tatsächlich Angst vor einem Schmetterling. Das ist doch verrückt.“

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