• Bildung in Potsdam: Potsdamer Lehrer lernen dazu

Bildung in Potsdam : Potsdamer Lehrer lernen dazu

Das einzigartige Bündnis „Schulen einer Stadt“ setzt sich für besseren Unterricht in Potsdam ein – Hilfe kommt von vielen Seiten.

Foto: Tobias Gutsche

Potsdam - Ein deutschlandweit einmaliges Bildungsbündnis will für besseren Unterricht an den meisten weiterführenden Schulen in Potsdam sorgen. Dazu haben sich 17 von 23 weiterführenden Schulen in Potsdam zusammengetan. „Uns geht es um die Verbesserung der Lern- und Unterrichtskultur – und zwar durch ein ganz neues Miteinander der beteiligten Schulen“, sagte Bündniskoordinator Klaus-Rüdiger Ziemer am Donnerstag auf PNN-Anfrage.

Der frühere langjährige Chef der Sportschule am Luftschiffhafen ist inzwischen auch über die Stadtgrenzen hinaus als Bildungsexperte bekannt – und weiß, dass sich Zusammenarbeit lohnen kann. Daher heißt das Bündnis auch „Schulen einer Stadt“. Unter anderem gehe es laut Ziemer darum, dass Einrichtungen mit Defiziten möglichst produktiv mit Verbesserungsvorschlägen umgehen könnten und jeweils eigene Stärken gestärkt würden.

Für dieses Ziel finden seit zwei Jahren Arbeitstreffen mit Teams aus allen teilnehmenden Schulen statt, die dann gruppenweise gemeinsam mögliche Unterrichtsvorhaben entwickeln, wie Ziemer erklärte. Diese Gruppenarbeit soll nicht umsonst sein und wird über Cloud-Speicher allen teilnehmenden Schulen zur Verfügung gestellt. Damit können Lehrer aller Fachrichtungen auf vorbereitete Unterrichtsmaterialien zugreifen – zum Beispiel zu Themen wie „Europa“, „Ich als Konsument und Verbraucher“ oder auch „Digitalisierung“. So entstehe auch für die Schüler ein komplexes Bild der Welt – durch einen Unterricht, der viele Seiten einer Medaille betrachtet. „Wir wollen, dass die jungen Menschen auch nach der Schule noch weiter in der Gesellschaft bestehen und Verantwortung übernehmen können“, sagte Ziemer über das vom Bündnis angestrebte Unterrichtskonzept.

Weiterbildungen zum Schuljahresanfang

Bei den Netzwerktreffen mit den Teams der Teilnehmerschulen gehe es dann um zentrale Fragen zur eigenen Strategie: Ist der Unterricht modern genug und erreicht er die Schüler? Woran bemisst sich das? Wie lässt sich freudbetont und nachhaltig lernen? Auch am Donnerstag fand ein solches Treffen in der Bildungsakademie Paretz bei Ketzin (Havelland) statt: In neun Arbeitsgruppen gingen die Pädagogen dort ans Werk – die eigens dafür freigestellt waren, wie Ziemer betonte. Von Konkurrenzdenken zwischen den Schulen gebe es keine Spur mehr, sagte er: „Auch das ist ein großer Gewinn.“ Nur einige Oberschulen seien noch nicht im Boot – dafür würden aber zum Beispiel Lehrer von staatlichen und privaten Schulen an gemeinsamen Konzepten tüfteln. Die Herausforderung sei aber noch der konkrete Wissenstransfer aus der Netzwerkgruppe in die einzelnen Kollegien. Doch gelängen die auch überschulischen und fächerübergreifenden Unterrichtspläne, sei der Effekt groß, könnten die Teilnehmer sehen, wie andere Kollegen Schule und Lernen verstehen oder ihre Räume gestalten.

Zu den Erfolgen des Bündnisses zählt auch die Organisation von Weiterbildungstagen zum Schuljahresanfang, bei dem hunderte Pädagogen auf einen bekannten Bildungsexperten treffen – vergangenes Jahr etwa kam Robin Malloy und sprach vor 600 Lehrern in der MBS Arena am Luftschiffhafen über die neuropsychologischen Voraussetzungen des Lernens. Finanzielle Unterstützung für solche Vorhaben erhält das Bündnis seit einem Jahr von der bundesweit aktiven Deutschen Schulakademie, einem Projekt der Robert-Bosch- und der Heidehof-Stiftung. Dort hält man viel vom Bündnis. „Hier ist das Team der Star und nur das Netz aller Schulen kann zum Erfolg des gesamten Projektes führen“, teilte Akademie-Chef Hans Anand Pant zum Schuljahresauftakt am 30. August 2017 mit. Dort sagten auch die Stadt Potsdam, das Bildungsministerium und das Schulamt ihre Unterstützung zu – auch das sei heute noch ein „großer Gewinn“, wie es Ziemer sagte. Evaluiert werden soll das Projekt demnächst von der Universität in Bielefeld.

Digitale Bildung

Unterstützung für mehr Qualität an Potsdamer Schulen kommt aktuell auch aus der Stadtpolitik. So haben die Stadtverordneten am Mittwoch auf Grünen-Antrag beschlossen, dass im Rathausein zukunftsfähiges Konzept zum Thema „Digitale Bildung“ erstellt werden muss. Ziel soll es sein, mit Schülern, Eltern und Lehrern die spezifischen Bedarfe für zeitgemäße Informationstechnik an Schulen zu ermitteln. Zudem soll geklärt werden, wie genau Schulen einen Zugang zu einer übergreifenden „Bildungscloud" erhalten können, wo Unterrichtsinhalte digital abgerufen werden können – ein Hauptthema, mit dem sich Ziemers Bündnis der weiterführenden Schulen schon längst beschäftigt.

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WACHSENDE STADT: Schülerzahlen steigen deutlich an

In Potsdam wird die Zahl der Kinder im schulfähigen Alter in den kommenden Jahren stetig wachsen. Das sagt die neue Bevölkerungsprognose der Stadt voraus. Demnach gibt es heute 10 700 Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren – 2025 werden es mehr als 12 200 Kinder sein, ein Plus von 14 Prozent. Zugleich gibt es aktuell 6150 Teenager zwischen zwölf und 16 Jahren – 2025 sollen es 7550 Jugendliche in dieser Altersklasse sein, was einen Anstieg um 22,5 Prozent bedeutet. Damit steigt der Bedarf an Schulen. Schon jetzt müssen hunderte Kinder in provisorischen Lerncontainern unterrichtet werden, Tendenz steigend. Zudem sind einige neue Schulbauprojekte, wie in der Waldstadt, umstritten oder, wie im Fall der möglichen Grundschule an der Medienstadt, noch nicht auf die Wirtschaftlichkeit überprüft. Bedenken wegen der Unterrichtsqualität gibt es auch gegen die Vergrößerung der Steuben-Gesamtschule am Kirchsteigfeld von fünf auf sieben Züge. 

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Kommentar zum Bildungsbündnis: Zukunftsfragen

PNN-Redakteur Henri Kramer über ein Potsdamer Modellprojekt in Sachen Bildung.

Das einzigartige Bündnis für besseren Unterricht an den weiterführenden Potsdamer Schulen kann eine große Hilfe auf dem oft steinigen Weg der Wissensvermittlung sein. Nicht nur Schüler profitieren von einem interessanteren Unterricht, der sie möglicherweise auch bei der Berufswahl weiterbringt. Zugleich bekommen auch Lehrer mit pädagogischen Konzepten für fächerübergreifend gestaltete Stunden mehr Zeit für Korrekturen und bessere Unterrichtsvorbereitung an anderer Stelle.

Das wiederum führt womöglich zu mehr Bildungs- und Chancengerechtigkeit in den Schulen – es geht also genau um das, was sich viele Eltern für ihren Nachwuchs und dessen Weg zum möglichen Abitur wünschen. Bleibt die naheliegende Frage, wie nachhaltig dieses modellhafte Bündnis arbeiten kann, ob sich tatsächlich mehr als 15 weiterführenden Schulen dauerhaft unter einen Hut bringen lassen.

Diese und andere Fragen sollen nun mit Hilfe einer wissenschaftlichen Auswertung evaluiert werden. Sollte das Vorzeigeprojekt auch dabei gut abschneiden, könnte so ein Modell als Blaupause für andere Landkreise in der Mark dienen – für jene Gebiete also, in denen das Wissensgefälle zwischen den Schülern noch besonders groß ist. Doch gerade in solchen Regionen ist Bildung die zentrale Zukunftsfrage.