Potsdam : Bestehorn hatte „da mal eine Idee“

Die Autoren des Buches „Der Tag von Potsdam“ räumen mit dem Mythos auf, Goebbels habe am 21. März 1933 in der Garnisonkirche Regie geführt

Guido Berg
Die Herausgeber. Werner Tress und Christoph Kopke im Filmmuseum.
Die Herausgeber. Werner Tress und Christoph Kopke im Filmmuseum.Foto: M. Thomas

Joseph Goebbels, der große Zeremonienmeister? Das habe sich als Legende herausgestellt, erklärte Werner Tress bei der Präsentation des Buches „Der Tag von Potsdam“ am Donnerstag im Filmmuseum. Das bei de Gruyter erschienene Buch hat Tress gemeinsam mit Christoph Kopke herausgegeben. Darin finden sich Aufsätze zum Thema 21. März 1933, unter anderem von Professor Martin Sabrow, Direktor des Potsdamer Zentrums für Zeitgeschichtliche Forschung (ZZF), sowie den Historikern Thomas Wernicke und Kurt Schilde. Der „Tag von Potsdam“ ist Tress zufolge keine Goebbelsche Inszenierung gewesen. Darum seine Frage: „Wer führte Regie?“

„In gewisser Weise die Deutschen“, so prompt Sabrows Antwort. Eine Mehrheitsgesellschaft, die begeistert mitmachte, habe die Totalisierung erst ermöglicht. Mit Ian Kershaw („Der Hitler-Mythos“) erklärte Sabrow, die Deutschen hätten Hitler entgegengearbeitet. Das „demagogische Paradigma“, wonach Hitler alle getäuscht habe, sei in den 1950er und 1960er Jahren stark vertreten gewesen. Nach 1945 habe es den Trend „der Selbstviktimisierung“ gegeben: „Nichts lag ihnen näher als die Idee, verführt worden zu sein.“ Einen großen Einfluss bei der Bildung des Mythos, der „Tag von Potsdam“ sei als Rührkomödie in Szene gesetzt worden, habe das Foto ausgeübt, das den berühmten Händedruck von Hindenburg und Hitler zeigt. Dieses Foto sei den Nazis eher peinlich gewesen, eine große Karriere habe diese Fotografie des New-York-Times-Fotografen Theo Eisenhart erst nach 1945 gemacht, erklärte Wernicke – „in beiden deutschen Staaten“. Sabrow stimmte dem zu, organisatorisch sei der „Tag von Potsdam“ eine Produktion aus „Stümperhaftigkeit, Volatilität (Flüchtigkeit) und Zufälligkeiten“ gewesen. Der Reichstagsbrand habe dazu geführt, dass die Zeremonie nach Potsdam verlegt werden sollte. Aber wohin dort? Sabrow zufolge war es Friedrich Bestehorn, Potsdamer Magistratsrat, der sich in einer Beratung meldete und sagte, er habe „da mal eine Idee“. Er schlug die Garnisonkirche vor – und erhielt laut Sabrow daraufhin zunächst Redeverbot. Hitler selbst sei an diesem Tag in einem Anzug erscheinen, der ihm nicht passte, und habe sogar seinen Zylinder verloren. Sabrow: „Die Mickey-Mouse-Verkleidung wird ihm erst später angedichtet.“ Der Mann des Tages sei Reichspräsident Paul von Hindenburg gewesen, der im offenen Wagen durch die Stadt fuhr. Das Tragische, so Sabrow: Das Konzept, Hitler zu zähmen und einzubinden, schien an diesem Tage zu wirken.

Der Sammelband mit den Aufsätzen zum „Tag von Potsdam“ ist, wie die Herausgeber selbst sagen, mit 79,95 Euro unverschämt teuer. Eine Zwischenruferin aus dem Saal informierte, dass das Bändchen in der Potsdamer Uni-Bibliothek ausgeliehen werden könne. Guido Berg

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