• Bestatter in Potsdam: Für ein Minimum an Würde

Bestatter in Potsdam : Für ein Minimum an Würde

Wegen Corona gelten strenge Bestimmungen - auch für den Umgang mit Verstorbenen. Potsdamer Bestatter über die Herausforderung, unter Corona-Auflagen den letzten Abschied zu gestalten.

Potsdamer Bestatter in der Coronakrise. Krematoriumssärge für an oder mit Corona Verstorbene werden speziell gekennzeichnet.
Potsdamer Bestatter in der Coronakrise. Krematoriumssärge für an oder mit Corona Verstorbene werden speziell gekennzeichnet.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Wenn der Todesfall mit Corona zu tun hat, gibt es mehr Arbeit für den Bestatter Carsten Stärke und seine Mitarbeiter. Vollschutzkleidung mitnehmen beim Abholen, also Einmal-Schutzanzüge, doppelte Handschuhe, Maske sowieso. Für den Verstorbenen, der im Heim oder Krankenhaus bereits in einen Sack gelegt wird, brauchen sie einen weiteren Plastesack, dicht verschließbar. Dieser wird auch nie wieder geöffnet werden. So verpackt kommt der Körper in einen Sarg. Darauf der Vermerk: Meldepflichtig, Covid-19. Oder Corona.

Aber ob der Mensch nach, an oder mit Corona verstorben ist, sagt Stärke, Inhaber von Krüger Bestattungen, mache im Prozedere keinen Unterschied. Jeder zweite Tote, den sie abholen, ist so ein Fall, und die Maßnahmen und Einschränkungen gehen noch weiter. „Eine Verabschiedung am offenen Sarg ist nicht mehr möglich. Zur Trauerfeier dürfen nur zehn Gäste kommen. In die Kapelle dürfen auch nur ein paar mehr.“ Die Feier wird deshalb, bei ihnen jedenfalls, per Lautsprecher nach draußen übertragen. Die Tür bleibt offen, für die Besucher draußen werden Bänke und Pavillons aufgestellt. Er hat schon Videos gedreht für Angehörige, die nicht dabei sein konnten.

Würdiger Abschied vom Leben

„Ich habe sowas noch nie erlebt“, sagt Stärke. Seit neun Jahren ist er Bestatter, damals übernahm er das Geschäft als Quereinsteiger. Er hatte einen Beruf gefunden, in dem er sich an der für ihn richtigen Stelle fühlt. Sein Anliegen: Den Menschen einen würdigen Abschied vom Leben zu geben. Und von den Lebenden. Denn im Grunde sind es ja vor allem die Hinterbliebenen, um die er sich als Bestatter kümmern muss.

Potsdamer Bestatter in der Coronakrise. Carsten Stärke, Bestattungshaus Krüger Babelsberg.
Potsdamer Bestatter in der Coronakrise. Carsten Stärke, Bestattungshaus Krüger Babelsberg.Foto: Andreas Klaer

Und auch das geht jetzt nur noch eingeschränkt. Beratungen und Besprechungen in dieser für die Angehörigen so schweren Phase werden kurz gehalten oder finden am Telefon statt. Er muss dann unter anderem erklären, dass er zum Beispiel dem Vater dessen Lieblingssachen nicht mehr anziehen kann. „Wir legen dann Hemd und Hose auf den Sarg oben drauf, vielleicht noch ein Foto dazu, aber das sieht doch sehr befremdlich aus“, sagt Stärke. Nur, was will er sonst machen? Gibt es keine persönlichen Sachen, legen Mitarbeiter auch das Sterbehemd, das das Haus besorgt, auf den Sarg. Manchmal sieht das überhaupt keiner mehr außer ihnen. Aber es deshalb wegzulassen, womöglich aus Sparsamkeit, kommt für Stärke nicht in Frage. „Das ist eine Sache der Würde.“

Schutzanzug und Desinfektionsmittel

Natürlich schlägt sich all das in den Kosten nieder, ein einziger Schutzanzug kostet 17 Euro, außerdem wird sehr viel Desinfektionsmittel verbraucht. Zu den erhöhten Ausgaben kommt mehr Büroarbeit. Mehr Papiere sind auszufüllen, und wenn Angehörige unter Quarantäne stehen, kann es zudem passieren, dass es schwer wird, Termine und Fristen einzuhalten. „Eine Erdbestattung muss innerhalb von zehn Tagen stattfinden“, sagt der Bestatter. Man kann da zwar wenige Tage Aufschub beantragen. 

Aber jetzt hat er einen Fall, wo der Verstorbene – gegen dessen ausdrücklichen letzten Willen – doch eingeäschert werden muss. Damit die Bestattung etwas aufgeschoben werden kann. „Für die Tochter ist der Gedanke, dass der Vater das eigentlich nicht wollte, sehr schlimm“, sagt Stärke. Das Schlimmste aber ist, dass die Angehörigen den Verstorbenen nicht mehr zu sehen bekommen. Manche Pflegeheime erlauben einen kurzen Abschied, bevor der Leichnam abgeholt wird. Das werde aber von Haus zu Haus unterschiedlich gehandhabt.

Zwei bis drei mal so viel wie im vergangenen Jahr

Im Vergleich zum vergangenen Jahr haben sie derzeit im Bestattungshaus Krüger zwei bis drei Mal so viel zu tun. Stärke beschäftigt zwei feste Mitarbeiter und Aushilfen. Auch an Feiertagen muss gearbeitet werden. Urlaub gibt es derzeit keinen. Es ist nicht gerade ein Beruf, den viele machen wollen.

Aber er muss gemacht werden und seit einem knappen Jahr gibt es, auch in Potsdam, eine leicht erhöhte Sterberate. 2018 gab es insgesamt 1733 Verstorbene, 2019 waren es 1783, im vergangenen Jahr 1879, nach vorläufiger Zählung.

Größte Abweichung bisher unter den Monatszahlen: Im Dezember 2019 verstarben 162 Menschen, im gerade vergangenen Dezember 210. Dass sich die Menschen sorgen, merkt Carsten Stärke auch daran, dass seit dem Sommer mehr Menschen zur Beratung zu ihm kommen und Versorgungsverträge mit ihm abschließen. Zur Beruhigung, dass alles geregelt ist. Besonders ältere Menschen, auch Ehepaare, machen davon Gebrauch.

Stefan Bohle, "Sanssouci-Bestattungen", Berlin und Potsdam
Stefan Bohle, "Sanssouci-Bestattungen", Berlin und PotsdamFoto: Andreas Klaer

Stefan Bohle, Trauerredner, Musiker und Inhaber von Sanssouci Bestattungen, sieht ein ganz grundsätzliches Problem. „Seit fast einem Jahr heißt die Anweisung, so wenig Gemeinschaft wie möglich. Dabei bedarf es, um einen Trauerfall zu verarbeiten, ein Maximum an Gemeinschaft“, sagt Bohle. „Menschliche Kultur beginnt mit der bewussten Bestattung. Es macht uns menschlich, dass wir unsere Toten nicht einfach der Verwesung überlassen.“ Nun ist alles auf ein Minimum geschrumpft. 

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Das ist vor allem für die Betroffenen bitter und schwer. „Die Öffentlichkeit, die positive Rückkoppelung der Gesellschaft nach dem Verlust eines Menschen, zum Beispiel während einer Trauerfeier, während der anschließenden Tischgemeinschaft, die ist sehr wichtig. Und das muss man fühlen – da helfen keine digitalen Ersatzprodukte.“ Langfristig werde das auch der ganzen Gesellschaft nicht gut tun, wenn der Tod als Teil des Lebens und gemeinschaftliche Abschiedsrituale aus dem Blickfeld geraten.

Eine halbe Stunde muss reichen

Momentan finden Bestattungen unter Zeitdruck statt, eine halbe Stunde muss reichen. Alle Gäste müssen sich aufgrund der Nachweispflicht in eine Liste eintragen. Blumenschmuck muss man, weil die Floristen geschlossen haben, beim Großhändler bestellen, dort gibt es eine Notversorgung für Bestattungen. Der rundum erhöhte Aufwand schlägt sich auch in den Kosten nieder: Bis zu 300 Euro mehr könne das, so Bohle, pro Bestattung am Ende ausmachen.

Es bleiben nur kleine Spielräume, die er zu nutzen versucht. So hat er sich entschieden, als Redner, vorn am Pult, keine Maske zu tragen. Als ausgebildeter Kirchenmusiker musiziert er anschließend selbst am Flügel, live. Auch das tut gut. Einmal hat er ein kleines Konzert gespielt und für ein Video aufgenommen, das hatten sich Trauergäste im Nachgang von ihm gewünscht. Obwohl er so was ja eigentlich nicht gutheißt. „Die Kunst kann helfen“, sagt Stefan Bohle, „aber ersetzen kann sie die menschliche Nähe und Gemeinschaft nicht.“

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