• Beschäftigte an Universitäten: Befristete Verträge und viel zu viele Stunden

Beschäftigte an Universitäten : Befristete Verträge und viel zu viele Stunden

Bei einer Anhörung im Brandenburger Landtag machten Betroffene auf die prekäre Lage vieler junger Wissenschaftler aufmerksam.

Benjamin Lassiwe
Im Mittelbau gibt es oft nur befristete Stellen (Symbolbild). 
Im Mittelbau gibt es oft nur befristete Stellen (Symbolbild).  Oliver Berg dpa

Potsdam - Der Fust sitzt tief bei vielen Wissenschaftlern: „Ich habe an der Universität Potsdam promoviert“, sagt etwa Anglistin Aileen Behrendt. „Jetzt bin ich noch bis zum Sommer auf einer halben Stelle angestellt.“ Die Konsequenz daraus: Bachelorstudierende, die bei ihr eine Abschlussarbeit schreiben wollten, müssten das mitten im Semester tun. Und wie die Anglistin die Prüfungen zu ihren Seminaren durchführen will, weiß sie noch gar nicht.

Behrendt war am Mittwoch im Ausschuss für Wissenschaft, Forschung und Kultur im Potsdamer Landtag zu Gast. Sie vertrat dort die Initiative „Frist ist Frust“, deren Mitglieder sich mit der Situation des akademischen Mittelbaus an den Brandenburger Universitäten beschäftigen. Denn an den Hochschulen des Landes findet sich neben exzellenten Wissenschaftlern und motivierten Studierenden auch ein akademisches Prekariat. 

93 Prozent der Stellen sind befristet

Junge Wissenschaftler, die sich nach ihrer Doktorarbeit von einer befristeten Stelle zur nächsten befristeten Stelle hangeln. Akademische Mitarbeiter, die pro Woche bis zu 24 Stunden unterrichten müssen. Lehrbeauftragte, die in der Hoffnung auf eine wissenschaftliche Karriere Lehraufträge annehmen, deren Einnahmen daraus aber geringer sind als der gesetzliche Mindestlohn.

„Prägend für den akademischen Mittelbau ist es, dass wir bundesweit eine Befristungsquote von 93 Prozent haben“, sagt Peter Ulrich vom „Netzwerk für Gute Arbeit in der Wissenschaft“. Durch die unsicheren Beschäftigungsverhältnisse gebe es bei jungen Wissenschaftlern die fast grenzenlose Bereitschaft, jede sich irgendwo in der Welt bietende Möglichkeit für eine auch nur kurzfristige Beschäftigung zu ergreifen.

Doktoranden müssen Lehre übernehmen

Und die prekäre Situation mancher Mitarbeiter kommt auch bei den Studierenden an. Der Potsdamer Studierendenvertreter Erik Zander machte auf den Umgang mit stundenweise vergüteten Lehraufträgen aufmerksam. Eigentlich sollten Lehraufträge an externe Vertreter aus der Praxis vergeben werden, so stehe es im Hochschulgesetz. „An vielen Stellen werden Lehraufträge aber vergeben, um grundlegende Pflichtveranstaltungen abzudecken“, sagte Zander. „Etwa an Doktoranden, die gerade mit dem Studium fertig sind.“ Ihnen werde aber nur die tatsächliche Zeit im Seminar vergütet. Die Betreuung von Hausarbeiten dagegen beispielsweise nicht. 

Umgekehrt gebe es festangestellte Lehrkräfte, deren Lehrdeputat so groß sei, dass man von Fließbandarbeit reden müsse. Dagegen sprach der Rektor der Universität Potsdam, Oliver Günther, der auch der Vorsitzende der Brandenburger Hochschulrektorenkonferenz ist, davon, dass seine Universität den bundesweit höchsten Anteil an unbefristeten Stellen im Mittelbau habe.

Im Ausschuss trafen die geladenen Experten gestern auf viel Sympathie. Das Thema jedenfalls wird das Landesparlament auch in den kommenden Wochen noch beschäftigen: Schon im nächsten Landtagsplenum hat die Linksfraktion einen Antrag eingebracht, bei dem es um die Schaffung eines Codex für „Gute Arbeit“ in der Wissenschaft geht. 

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