Potsdam : Berlin zieht mehr

Studie: Potsdams Defizite als Wissenschaftsstandort

Günter Schenke
Potsdamer Studenten haben ihren Uni- Standort kritisch untersucht .
Potsdamer Studenten haben ihren Uni- Standort kritisch untersucht .Foto: M. Thomas

Die öffentliche Wahrnehmung Potsdams als Wissenschaftsstandort ist zu gering: Auf der einen Seite viele Wissenschaftler, innovative Institute und Einrichtungen und auf der anderen Defizite in der Zusammenarbeit mit der Wirtschaft und kommunalen Bereichen. Das hat eine Befragung von 50 wissenschaftlichen Einrichtungen und 150 Unternehmen herausgefunden – und das, obwohl Potsdam die Stadt mit der größten Wissenschaftlerdichte in Deutschland ist.

Die Umfrage ist ein Ergebnis eines Studienprojekts des Instituts für Geografie der Universität Potsdam – und das Fazit ist klar: „Potsdam könnte aus seinem Status als Wissenschaftsstadt noch mehr Kapital schlagen.“ In einer Blitz-Ausstellung, die nur am Wochenende in den Bahnhofspassagen zu sehen war, präsentierten die Studenten ihre Ergebnisse. In analytischen Arbeiten haben sie ihren Studienort gleichsam seziert und eine Reihe von Schwachpunkten gefunden.

Die Untersuchung ist dabei Teil einer von der Europäischen Union geförderten Studie, die bis zum Jahre 2011 befristet ist. Ziel ist es, einen Aktionsplan zu entwickeln. Dieser soll vorschlagen, wie die Potenziale zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Stadtverwaltung besser zu nutzen sind. Letzteres bezieht sich auch auf den Berufseinstieg der Absolventen. Die auf diesem Gebiet tätige Arbeitsgruppe hat dazu bisher nur wenige konkrete Informationen zu Tage gefördert. Eine Forderung der Studierenden: Die Hochschulen müssen die „Netzwerkbildung“ zur beruflichen Orientierung besser unterstützen. Das heißt, sie sollen helfen, Kontakte zu knüpfen, damit Studenten schon während des Studiums Erfahrungen in Praxis, Wirtschaft und Management sammeln können.

Prof. Manfred Rolfes vom Institut für Geografie der Universität Potsdam verwies für den Potsdamer Wissenschaftsstandort auf „Berlin als Magnet“. Was bei der Wahl des Studien- und Forschungsortes anziehend sei, könne auf der anderen Seite zum Nachteil werden, wenn sich die Aktivitäten der Wissenschaftler zu sehr nach Berlin orientierten und Studierende im Hörsaal nur eine Gastrolle geben, „ansonsten aber in der Hauptstadt verwurzelt sind“. So wohnen laut dem Studentenprojekt von den 478 Studierenden an der Babelberger Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) „Konrad Wolf“ 404 in Berlin. Der Grund: In Potsdam sind die Mieten zu hoch und das großstädtische Flair fehlt. Auch die Freunde und Familie in Berlin spielten eine Rolle. Die Möglichkeiten für eine attraktive Freizeit reichen vielen Studierenden in Potsdam nicht aus. Immerhin haben sie am Tag zwei bis drei Stunden für Sport, Kino, Theater, Restaurant- oder Disco-Besuch übrig. So extrem wie an der HFF ist der Berlin-Anteil bei den anderen Hochschulen zwar nicht, aber ohne Berlin dürfte Potsdam circa ein Drittel weniger Studienbewerber haben, so ein Schluss aus dem Projekt.

Indes hat die Stadtverwaltung nach der Niederlage 2007 bei der Bewerbung um den Titel „Stadt der Wissenschaft“ erkannt, dass sie mehr tun muss. Der Chef der Wirtschaftsförderung Stefan Frerichs, bei der Präsentation der Studentenarbeiten in den Bahnhofspassagen zugegen, setzt unter anderem auf einen „Projektmanager Wissenschaft“, den es zwar noch nicht gibt, dessen Posten aber ausgeschrieben wird. Günter Schenke

Im Internet:

www.prowissen-potsdam.de