• Bereitschaftspflege: Familien für Kinder aus Notlagen gesucht

Bereitschaftspflege : Familien für Kinder aus Notlagen gesucht

Pflegefamilien gibt es in Potsdam und Mittelmark genügend - aber es fehlen Menschen, die auch kurzfristig Kinder aufnehmen können.

Symbolfoto: Julian Stratenschulte/dpa

Potsdam - Wenn Kinder aus ihren Familien genommen werden, ist es nicht immer einfach, eine Pflegefamilie zu finden: In Berlin etwa fehlt es jährlich an rund 500 Pflegefamilien, laut dem Amt für Statistik lebten Ende 2017 mehr als 6000 Kinder und Jugendliche in Heimen oder Wohngruppen. In Potsdam und Potsdam-Mittelmark sieht die Situation ganz anders aus: „In der Regel können wir fast alle Anfragen beantworten“, sagt Anna Barbara Spring, Mitarbeiterin der Gemeinsamen Fachstelle Pflegekinderdienst für Potsdam und Potsdam-Mittelmark, die die Vermittlung von Pflegefamilien koordiniert. Im letzten Jahr hätten nur wenige Kinder nicht vermittelt werden können. „Wir sind in der glücklichen Lage, meist nicht in den anderen Landkreisen nachfragen zu müssen, ob dort noch Pflegefamilienplätze frei sind“, sagt Spring.

Bereitschaftspflegeplätze gesucht

Derzeit leben in Potsdam 97 Kinder in Pflegefamilien, in Potsdam-Mittelmark sind es 128. Nur ein Teil davon sind in komplett „fremden“ Familien untergebracht, nämlich 59 Prozent. 36 Prozent der Kinder werden in der sogenannten der Verwandtenpflege aufgenommen, fünf Prozent sind zurzeit in Bereitschaftspflege. Letztere meint Pflegefamilien, die für akute Fälle bereitstehen, um schnell Kinder aus Krisensituationen aufzunehmen, bei denen noch geklärt werden muss, ob sie in ihre Familie zurückkehren können oder in einer Pflegefamilie oder einer Einrichtung der Jugendhilfe untergebracht werden müssen.

Auch in diesem Bereich sei man mit zwölf Bereitschaftspflegeplätzen für Potsdam und Potsdam-Mittelmark relativ gut aufgestellt, sagt Spring. Dennoch übersteige der Bedarf immer wieder die Kapazitäten, denn vor allem Kinder zwischen null und sechs Jahren benötigten eine angemessene Betreuung und ein „stabiles Bindungsangebot“, sagt Spring. „Wir könnten gut doppelt so viele Stellen gebrauchen“, so die Mitarbeiterin der Fachstelle. „Die Kinder kommen aus desolaten Situationen oder sogar Notlagen. Deren Bedürfnissen kann man in einem Schichtsystem einer Heimeinrichtung nicht gerecht werden.“

Familiengerichte kommen mit der Bearbeitung der Fälle nicht hinterher

Die betroffenen Kinder sollen laut Gesetzesvorgabe nur maximal drei Monate in Bereitschaftspflege bleiben, da die Situation für viel Unsicherheit und emotionalen Stress sorgt. In der Realität sehe das aber vielfach anders aus: „Oft bleiben die Kinder viel zu lange dort, zwischen acht und zwölf Monaten“, sagt Spring. Der Grund dafür ist, dass es häufig langwierige Rechtsstreitigkeiten zwischen den Jugendämtern und den Herkunftsfamilien gebe, die von den Familiengerichten nicht schnell genug bearbeitet werden könnten, sagt Spring.

Anforderungen an Pflegefamilien sind hoch

Neue Pflegefamilien „anzuwerben“ sei nicht einfach, denn die Anforderungen sind hoch: „Neben der Zeit und der finanziellen Unabhängigkeit braucht es auch eine hohe Motivation und Idealismus“, sagt Spring. Allein das Bewerberverfahren dauert neun bis zwölf Monate und beinhaltet neben vielen persönlichen Gesprächen auch den verbindlichen Besuch eines Seminars mit fünf Terminen. In den vergangenen drei Jahren mussten im Schnitt sechs Prozent der Bewerber abgelehnt werden, zehn Prozent der Bewerber trafen während des Prozesses die Entscheidung, nicht Pflegefamilie werden zu wollen, sagt Spring. „Daraus wird deutlich, dass es in der Gesellschaft nicht attraktiv genug erscheint, Pflegefamilie zu werden.“ Sie kritisiert auch die negative Berichterstattung über Pflegefamilien, die angeblich Pflegekinder ausnutzen würden: Dies seien absolute Ausnahmen und verzerrten das Gesamtbild, worunter die gesellschaftliche Anerkennung von Pflegefamilien leiden würde.

Pflegefamilie zu sein, bedeutet ein Ehrenamt zu übernehmen

Auch an der Höhe der Aufwandsentschädigungen, die Pflegefamilien bekommen, könne man ablesen, dass man damit kaum reich werde, so Spring: Pro Kind und pro Monat bekommen Pflegeeltern je nach Altersgruppe zwischen 515 und 709 Euro für den Unterhalt, hinzukommen 237 bis 245 Euro als Aufwandsentschädigung für die Übernahme des Ehrenamtes. „Der finanzielle Aspekt steht überhaupt nicht im Verhältnis zu der Arbeit, die die Familien da leisten“, sagt Spring.

Kinder und Jugendliche können auch in Heimen oder Wohngruppen untergebracht werden: In Potsdam leben derzeit 369 Kinder und Jugendliche in Heimen, im Potsdam-Mittelmark sind es 272. Dass Kinder dauerhaft wieder in ihre Herkunftsfamilie zurückkehren, ist selten: Die Rückkehrquote in Potsdam ist ähnlich niedrig wie im bundesweiten Durchschnitt. Dieser liegt laut Bundesfamilienministerium bei rund fünf Prozent.