• Baerbock auf dem Weg in die Bundesspitze: „Ringen, bis es wehtut, und weiterkämpfen“

Baerbock auf dem Weg in die Bundesspitze : „Ringen, bis es wehtut, und weiterkämpfen“

Grünen-Politikerin Annalena Baerbock könnte am Samstag als erste Potsdamerin zur Vorsitzenden der Bundespartei gewählt werden.

Bald Partei-Chefin? Die Potsdamer Bundestagsabgeordnete Annalena Baerbock. F.: dpa
Bald Partei-Chefin? Die Potsdamer Bundestagsabgeordnete Annalena Baerbock. F.: dpa

Potsdam - Es wäre ein wichtiger Schritt in ihrer Polit-Karriere: Die Potsdamer Grünen-Bundestagsabgeordnete Annalena Baerbock hat am Samstag eine reele Chance, in die Doppelspitze der Öko-Partei gewählt zu werden – bei einem Sonderparteitag in Hannover. Die 37-jährige Völkerrechtlerin aus der Nauener Vorstadt wäre dann die erste Frau aus Potsdam an der Spitze einer Bundespartei. Bisher haben es nur drei Potsdamer Männer an die Spitze von Parteien geschafft: der in Babelsberg wohnende Ex-Ministerpräsident Matthias Platzeck war für ein halbes Jahr bis April 2006 an die Spitze der Bundes-SPD, der einstige Verleger Alexander Gauland ist seit zwei Monaten Parteichef der AfD. Der erste Potsdamer der es schaffte, war Lothar Bisky: Von 1993 bis 2000 und von 2003 bis 2007 war er Bundesvorsitzender der PDS.

Dabei hatte es Baerbock vor zwei Monaten eigentlich mit der Politik gereicht. Die Europa- und Klimaexpertin war froh, nach den gescheiterten Mammut-Sondierungsverhandlungen für eine Jamaika-Koalition wieder etwas Zeit für ihren Mann und ihre beiden kleinen Töchter haben zu können, wie sie damals den PNN sagte. Doch schon da arbeitete es in ihr, wollte sie den Erneuerungsprozess in ihrer Partei an zentraler Stelle begleiten. „Denn meine Themen, also Klima und Europa, gehen bundespolitisch gerade den Bach runter, wenn man sich die GroKo-Sondierungen ansieht“, sagt Baerbock heute.

Realos und Fundis? Baerbock will diese Rollenverteilung in der Grünen-Spitze auflösen

Die Wahl von Baerbock, die zum Realo-Flügel der Partei gerechnet wird, ist noch nicht ausgemacht. Sie tritt in der niedersächsischen Landeshauptstadt gegen die Chefin der dortigen Landtagsfraktion, Anja Piehl, an – die 52-Jährige gehört zur Partei-Linken. Baerbock will die Flügellogik der Partei aufbrechen, wie sie sagt: „Ich trete als Vertreterin für die Gesamtpartei an, wo alle Stimmen gehört werden“, sagt sie. Als gesetzt an der Doppelspitze gilt – neben einer der beide Bewerberinnen – der schleswig-holsteinische Umweltminister Robert Habeck.

Der parteiinterne Wahlkampf bedeutet für Baerbock wieder ein enormes Pensum. Wie bei den Jamaika-Verhandlungen ist sie nur wenig in Potsdam, sondern bei Vorstellungsrunden in der Partei. Oder sie gibt Interviews. Oder sie bereitet, wie diese Woche, ihre Rede für den Samstag vor. Einen extrem gedrängten Terminplan nennt Annalena Baerbock das.

Lange habe sie darüber nachgedacht, ob das mögliche Amt mit ihrer Familie vereinbar sei. „Aber das muss machbar sein.“ Denn Politiker, auch die Grünen, würden ständig die Vereinbarkeit von Beruf und Familie fordern. „Es wird Momente geben, wo ich dann auch einmal nicht kann, weil ich Abendbrot mit der Familie essen möchte.“ Das werde sie auch ihrer Partei so sagen – und hoffe auf Verständnis.

Der Weg führt nach oben

Ihre Politik-Karriere ging bisher vor allem nach oben. Aus ihrem Umfeld heißt es, dass es nun aber vielleicht so schnell an die Spitze geht, damit hätte sie wohl selbst kaum gerechnet. Sie kommt aus einem Dorf, auch bei Hannover, wo nun die Grünen tagen. Ihre Eltern nahmen sie früh mit zu Demonstrationen gegen Atomkraft. Zunächst wollte sie nach der Schule Journalistin werden, ein Praktikum beim Europarat in Straßburg brachte sie dann aber zur Politik – und ab 2005 zu der Grünen-Europaabgeordneten Elisabeth Schroedter, deren Mitarbeiterin sie wurde. 2009 wurde die damalige Berlinerin mit nur 28 Jahren Landesvorsitzende der Grünen in Brandenburg, 2013 zog sie nach Potsdam um und in den Bundestag ein – und erarbeitet sich dort genügend Anerkennung, dass sie als einzige Ostdeutsche für die Grünen über Jamaika verhandeln konnte.

Nun vielleicht bald die neue Rolle an der Spitze der streitbaren Partei? In Potsdam wolle sie auf jeden Fall leben bleiben, sagt sie. Hier hat sie mit einigen Mitstreitern den Verein „Hand in Hand“ gegründet, um etwa Flüchtlingen im Alltag zu helfen. Solche Themen liegen ihr am Herzen. Ihre Bewerbung an ihre Partei beginnt mit den Sätzen: „Mit voller Leidenschaft, mit Herz und Verstand für unsere Ziele kämpfen. Ringen, bis es wehtut und weiterkämpfen. Weil jede eingesparte Tonne Kohlendioxid, jedes Menschenleben und jedes Kind, das nicht in Armut aufwachsen muss, zählt.“ (mit afp)

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