• Babelsberg: Vier Stolpersteine für Familie Wohl

Babelsberg : Vier Stolpersteine für Familie Wohl

Gunter Demnig setzt am Mittwoch in Potsdam-Babelsberg vier Stolpersteine für Mitglieder der jüdischen Familie Wohl. Sie überlebten den Nazi-Terror nicht.

Für Erna, Gerhard, Inge und Siegfried Wohl (v.l.) werden heute in Potsdam-Babelsberg Stolpersteine verlegt.
Für Erna, Gerhard, Inge und Siegfried Wohl (v.l.) werden heute in Potsdam-Babelsberg Stolpersteine verlegt.Fotos: Yad Vashem, Jerusalem, Collage: Jonas Pohlmann

Potsdam - Palästina war für sie die Rettung. Hannelore Wohl, Jahrgang 1922, wurde von ihrer Familie 1936 aus Deutschland dorthin in das britische Mandatsgebiet geschickt. Dem braunen Terror im Deutschen Reich, der gnadenlosen Entrechtung, Verfolgung und Ermordung der Juden, konnte sie so entkommen. Hannelore Wohl war eine von hunderttausenden Menschen jüdischer Herkunft im Deutschen Reich, die in der Zeit des Nationalsozialismus ins Ausland geflohen waren. Nach Schätzungen des Amsterdamer Anne-Frank-Hauses gelangten in den Jahren 1933 bis 1939 allein etwa 55 000 jüdische Flüchtlinge aus Deutschland nach Palästina.

Eine von ihnen, das pommersche Mädchen Hannelore Wohl, war die Einzige aus ihrer fünfköpfigen Familie, die den Holocaust überlebte. Ihre Eltern, der Kaufmann Siegfried Wohl und seine Ehefrau Erna, sowie die Kinder Inge und Gerhard wurden von den Nazis – und damit von deutschen Mitbürgern – ermordet. Am heutigen Mittwoch um 13.30 Uhr wird der Künstler Gunter Demnig in Erinnerung an diese vier Mitglieder der Familie Wohl vor dem Haus in der Stahnsdorfer Straße 92 in Potsdam-Babelsberg vier Stolpersteine verlegen. Hier in der damaligen Ufastraße wohnte die Familie zuletzt. Zuvor hatten die Wohls im pommerschen Dramburg (heute in Polen) gelebt.

Potsdamer Schüler forschen

Zu dem Schicksal dieser von den Nazis verfolgten Familie haben Schüler der achten Jahrgangsstufe des Potsdamer Humboldt-Gymnasiums unter der Leitung ihrer Religionslehrerin Ulrike Boni-Jacobi in den vergangenen Monaten geforscht. Unter anderem hatten die Schüler dafür im Brandenburgischen Landeshauptarchiv in Potsdam-Golm recherchiert.

Demnach war die Familie Wohl erst in der NS-Zeit nach Babelsberg gezogen, nachdem es in Pommern schon zu Pogromen gekommen war. Ihr Haus in Dramburg hatten die Wohls verkaufen müssen. Doch über den Erlös konnten sie nicht frei verfügen. Die Nationalsozialisten hatten das Geld auf einem Sperrkonto eingezogen. Wie die Recherchen der Schüler ergaben, hatte die Familie nach mehrfacher Anfrage damals einmal 700 Reichsmark vom Sperrkonto erhalten, um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können. Aus Geldnot vermieteten die Wohls ein Zimmer ihrer Babelsberger Wohnung an die beiden jüdischen Frauen Regina Hirschburg und Charlotte Henschel.

Um der Verfolgung durch die Nazis zu entkommen, bemühten sich Erna und Siegfried Wohl schließlich um eine Ausreise nach Chile über Nordamerika. Die Familie hatte schon intensive Vorbereitungen für ihre Flucht getroffen, sogar einige Koffer bereits nach Amerika vorausgeschickt. Doch kurz vor der geplanten Emigration wurde das Ehepaar Wohl gemeinsam mit seinen beiden jüngeren, 1924 und 1928 geborenen Kindern im Jahr 1942 nach Riga deportiert. Alle vier wurden ermordet. Nur Tochter Hannelore in Palästina überlebte.

Dunkelste Kapitel deutscher Geschichte

Mit den Stolpersteinen, die am Mittwoch im Gedenken an die getöteten Mitglieder der Familie Wohl in der Stahnsdorfer Straße verlegt werden sollen, wird damit in unmittelbarer Nähe zur früheren Propagandafabrik der Nazis an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte erinnert. Nahe der damaligen Ufastraße, in der Familie Wohl wohnte, ließ Goebbels in den Filmstudios mehrere Hetzfilme drehen. Bislang gibt es in Babelsberg zehn Stolpersteine, mit denen an Menschen erinnert wird, die von den Nazis verfolgt wurden. Nun kommen vier weitere Steine hinzu. 

Potsdamweit werden es dann 34 Stolpersteine sein – der erste in dieser Stadt wurde im Jahre 2008 verlegt. Seitdem haben Potsdamer Schüler immer wieder zu den Lebensgeschichten verfolgter Menschen geforscht, an deren Schicksal mit den Stolpersteinen im Stadtgebiet erinnert wird.