• Automatisierung von Rangierprozessen: Ein Zuhause für die autonome Straßenbahn in Potsdam
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Automatisierung von Rangierprozessen : Ein Zuhause für die autonome Straßenbahn in Potsdam

Nach der autonomen Tram setzt Siemens in Potsdam ein zweites, wichtiges Forschungsprojekt um. Innerhalb von drei Jahren soll das Tramdepot des Verkehrsbetriebes automatisiert werden

Ein von Siemens angeführtes Konsortium forscht an autonom fahrenden Straßenbahnen in Potsdam
Ein von Siemens angeführtes Konsortium forscht an autonom fahrenden Straßenbahnen in PotsdamFoto: Siemens AG

Potsdam - Der Siemens-Konzern hat mit mehreren Partnern in Potsdam den nächsten Schritt in Richtung autonom fahrende Straßenbahnen eingeleitet: Auf dem Betriebshof des Verkehrsbetriebs Potsdam (ViP) wird ein vollautomatisiertes Straßenbahndepot eingerichtet. Das teilte das Unternehmen am gestrigen Dienstag mit. Dort sollen die Trams beispielsweise vom Abstellgleis in die Waschanlage und wieder zurück fahren können, ohne dass dafür ein Fahrer notwendig ist.
Bereits seit gut einem Jahr wird wie berichtet in Potsdam die erste autonom fahrende Straßenbahn getestet. Sie erkennt Ampeln, bremst an Schienenübergängen leicht ab, beschleunigt von allein und klingelt, wenn an den Haltestellen jemand zu nahe kommt. Mit „AStriD“, so die griffige Abkürzung für das Projekt Autonome Straßenbahn im Depot, soll „der nächste große Meilenstein auf dem Weg zur autonom fahrenden Straßenbahn eingeleitet werden“, heißt es in der Mitteilung. Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt. Bereits Ende Juli war es erwähnt worden, stand aber unter finanziellem Vorbehalt.

ViP stellt das Depot, die Bahn und Personal

Zur Gesamtinvestitionssumme macht Siemens keine Angaben. Gefördert wird das Projekt mit etwa 2,7 Millionen Euro aus Bundesmitteln, durch die Förderrichtlinie Modernitätsfonds des Bundesverkehrsministeriums. Der ViP investiert selbst nicht finanziell, stellt aber neben dem Betriebshof und einer Tram auch einen Projektleiter und bei Bedarf Fahrer zur Verfügung. Es handelt sich um eine einzelne Straßenbahn, eben jene, die für den Test zum autonomen Fahren bereits mit Sensoren ausgestattet wurde.
„Mit der Automatisierung von zeitintensiven Rangierprozessen im Betriebshof wollen wir unsere Kunden in Zukunft noch besser dabei unterstützen, eine nachhaltige Wertsteigerung über den gesamten Lebenszyklus sicherzustellen sowie Verfügbarkeit zu garantieren“, betont Sabrina Soussan, CEO von Siemens Mobility, demnach.
Wie Siemenssprecherin Eva Haupenthal auf PNN-Anfrage sagte, sei der Vorteil des Projekts, dass es mit dem Depot an einem nicht öffentlichen Ort durchgeführt werde. Der gesetzliche Rahmen sei damit ein anderer als im Straßenraum. „Wir erhoffen uns, dass wir das System des automatisierten Depots durch das Forschungsprojekt bereits mittelfristig kommerziell nutzen können“, so Haupenthal. Genauer eingrenzen will sie den Zeithorizont jedoch nicht.

Erster Schritt zur Kommerzialisierung

Das Projekt solle aber der erste Schritt der Kommerzialisierung autonom fahrender Trams werden. Denn bis fahrerlose Straßenbahnen im alltäglichen Stadtverkehr fahren, kann noch viel Zeit verstreichen – wenn es überhaupt dazu kommt. Wie der damalige Technikchef des ViP, Oliver Glaser, bei der ersten Publikumstestfahrt vor gut einem Jahr sagte, werde es noch 20 bis 30 Jahre dauern, ehe solche Bahnen ohne Fahrer wirklich zum Einsatz kommen. Für die öffentliche Akzeptanz solcher Systeme würden wohl zunächst stets noch Notfallfahrer benötigt.
Dass Potsdam für die Teststrecke und nun auch für das neue Projekt des automatisierten Depots ausgewählt wurde, liegt unter anderem an der Nähe zu Berlin – bei Adlershof hat Siemens eine Forschungsabteilung. Auch sei in der Bundeshauptstadt die internationale Branchenmesse Innotrans beheimatet, bei der die Projekte präsentiert werden. Zudem sei der ViP schon lange Kunde von Siemens, hieß es. „Wir haben bei dem Vorgängerprojekt, der autonomen Tram, sehr gute Erfahrungen hier gemacht“, betonte Sprecherin Haupenthal.
Die Rolle des ViP in dem Forschungsprojekt besteht auch darin, Zugriff auf die nötigen Daten, Systeme und Anlagen zu gewähren und die Ergebnisse zu bewerten. „Die praktische Demonstration, welche Schritte zeitnah umgesetzt werden könnten, wird für uns und für die ganze Branche hilfreich sein“, sagte Monty Balisch, Interims-Geschäftsführer der kommunalen Stadtwerketochter ViP laut Mitteilung. Es gehe insbesondere darum zu prüfen, „ob und wie zeitintensive Rangierprozesse auf einem Betriebshof automatisiert werden können“. Das sei für den Betriebshof, aber auch „für einen möglichen weiteren Betriebsstützpunkt im Potsdamer Norden eine interessante Option“, so Balisch.

Erstes Treffen vor Ort

Ein „Kick off“ für das Projekt habe bereits in der vergangenen Woche stattgefunden, so Siemenssprecherin Haupenthal. Konkret gab es ein Treffen aller Beteiligten vor Ort – neben Siemens und dem ViP sind unter anderem das Karlsruher Institut für Technologie und das Institut für Klimaschutz, Energie und Mobilität Partner.
Zu sehen gibt es indes noch nichts: Wie ViP-Sprecher Göran Böhm auf Anfrage erläuterte, muss nun in einem ersten Schritt eine digitale Karte erstellt werden. „Zunächst müssen alle Daten aufgenommen und aufbereitet werden“, so Böhm. Das werde als Grundlage für das Programmieren des Projekts dienen. Bauliche Veränderungen sind an dem Tramdepot nicht geplant. Denn, so Böhm, „die Straßenbahn soll sich an das Depot anpassen, nicht das Depot an die Straßenbahn“.