• Auszeichnung für "Iuventa": Potsdam feiert seine Seenotretter

Auszeichnung für "Iuventa" : Potsdam feiert seine Seenotretter

Oberbürgermeister Mike Schubert zeichnet die Crew der „Iuventa“ mit dem Preis für Zivilcourage und gelebte Demokratie aus. SPD-Politikerin Gesine Schwan würdigt die Flüchtlingsretter in ihrer Laudatio.

Carsten Holm
Oberbürgermeister Mike Schubert überreichte den Max-Dortu-Preis am Montagabend an die Crew-Mitglieder der „Iuventa“ Antonia Nagel, Clemens Debus und Sascha Girke (v.l.).
Oberbürgermeister Mike Schubert überreichte den Max-Dortu-Preis am Montagabend an die Crew-Mitglieder der „Iuventa“ Antonia Nagel,...Foto: Varvara Smirnova

Er waren die wohl schlimmsten Momente im Leben des 40 Jahre alten Potsdamers Sascha Girke, wenn er mit der Crew des Seenotrettungsschiffs „Iuventa“ Flüchtlinge im Mittelmeer sterben sah. Aber es gab auch die besseren draußen auf hoher See: Wenn die Besatzung, wie im Juni 2016, an nur einem Tag mehr als 1000 Menschen aus Schlauchbooten oder mit Rettungswesten an Bord half und ihre Leben rettete.

Den jahrelangen selbstlosen Einsatz der Crew hat Girkes Heimatstadt am Montagabend mit einer Feierstunde im Potsdam Museum gewürdigt. Unter dem geradezu frenetischen Beifall von gut 150 Gästen überreichte Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) dem gelernten Rettungssanitäter Girke stellvertretend für die „Iuventa“-Crew den Max-Dortu-Preis, die mit 5000 Euro dotierte Auszeichnung der Stadt für Zivilcourage und gelebte Demokratie.

Lautstarker Beifall brandete auf, als Schubert die Leistungsbilanz der Crew vortrug. Von 2016 bis 2017 retteten die Flüchtlingsretter bei 16 Missionen mehr als 14.000 Menschen aus dem Mittelmeer. Girke war Einsatzleiter.

„Für mich ist es ein sehr schönes Gefühl, in einer Stadt zu leben, die unsere Arbeit auf diese Weise würdigt“, sagte Girke am Montag den PNN. „Zehn von uns werden in Italien strafrechtlich verfolgt, Verfahrenskosten in Höhe von mindestens 500.000 Euro kommen auf uns zu plus 15.000 Euro für jeden illegalen Flüchtling“, so Girke. Das Preisgeld, sagte Girke, fließe „in den großen Topf, aus dem wir die ungeheuren Kosten der Verfahren begleichen“.

Der Potsdamer "Iuventa"-Einsatzleiter Sascha Girke.
Der Potsdamer "Iuventa"-Einsatzleiter Sascha Girke.Foto: Varvara Smirnova

Schubert hob hervor, dass die Stadt junge Frauen und Männer auszeichne, die „in besonderer Weise Zivilcourage, Mut, Tapferkeit, vor allem aber Mitmenschlichkeit bewiesen haben“. Sie hätten „uns klar vor Augen geführt, was es bedeutet, wenn Staaten Menschen Hilfe in Not verweigern“. Dann, so der Oberbürgermeister, sei „nicht nur Leben in Gefahr, dann ist der Rechtsstaat bedroht, dann steht das Gewissen auf dem Spiel“.

Ein kurzer Film zeigte Einblicke in die Arbeit der „Iuventa“-Crew, bevor Gesine Schwan, Politikwissenschaftlerin und bis 2008 Präsidentin der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), in ihrer Laudatio heraushob, dass sich die Crew „der schändlichen Kriminalisierung der Seenotrettung“ entgegengestellt habe.

Flüchtlinge bei einem Einsatz an Bord des Schiffes "Iuventa" der Nichtregierungsorganisation Iuventa Jugend im Mittelmeer (undatierte Aufnahme).
Flüchtlinge bei einem Einsatz an Bord des Schiffes "Iuventa" der Nichtregierungsorganisation Iuventa Jugend im Mittelmeer...Foto: IUVENTA Jugend Rettet e.V./dpa 

Die Sozialdemokratin, die in einer Tandem-Lösung für den Vorsitz der SPD kandidiert, plädierte für eine Asylpolitik der Freiwilligkeit. Kommunen sollten sich entscheiden können, welche Zahl von Flüchtlingen sie aufnehmen wollen und dafür EU-Mittel beantragen können.

Für Sascha Girke und etliche Mitglieder der „Iuventa“-Crew, die am Montag zur Feierstunde gekommen waren, war es ein großer Tag. Sie haben auf vieles verzichtet, um Menschenleben zu retten, Girke selbst erzählte den PNN über die vergangenen Jahre. Er hat seit 2015 an Rettungsmissionen für Flüchtlinge teilgenommen, erst auf der griechischen Insel Lesbos und später vor Libyen. Seinen Job in Potsdam hatte er gekündigt, er hatte keine Wohnung mehr, verzichtete auf ein Auto und versuchte so, seine Lebenshaltungskosten zu minimieren. „Über Wasser halten konnte ich mich nur, weil Familie und Freunde mich unterstützten. Sie fanden es richtig, was ich tue“, sagte er.

"Dabei haben wir nie etwas Unrechtes getan"

Mit der Crew kam Girke auch über die düstere Zeit hinweg, als italienische Polizeibeamte im August 2017 die „Iuventa“, einen mit Spendengeldern umgebauten Kutter der Berliner Hilfsorganisation „Jugend rettet“, im Hafen der Insel Lampedusa beschlagnahmten. „Dabei haben wir nie etwas Unrechtes getan, sondern uns immer mit der italienischen Rettungsleitstelle koordiniert“, so Girke. Die Polizei legte dem Deutschen zur Last, mit organisierten Schleuserbanden gearbeitet zu haben, was er vehement zurückweist.

Dennoch sei das Schiff schon drei Monate vor der Beschlagnahme verwanzt gewesen, wie der Crew bekannt wurde, zudem hätten die Sicherheitsbehörden Telefongespräche der Helfer belauscht.

Immerhin seien von der geschätzten halben Millionen Euro Verfahrenskosten „schon über 70 Prozent durch Spenden gedeckt“. Die Internetseite „Solidarity at Sea“ informiert über Spendenmöglichkeiten. Die Seenotretter müssen im schlimmsten Fall mit einer langjährigen Freiheitsstrafe rechnen. Sollte das zuständige Gericht im sizilianischen Trapani sie wegen Beihilfe zur illegalen Einwanderung verurteilen, drohen bis zu 20 Jahre Haft – plus eine Geldbuße von 15 000 Euro für Flüchtling.

Die Potsdamer Staatsanwaltschaft hat Girke bereits vorgeladen und ihm die Anklageschrift der italienischen Justiz ausgehändigt, der Prozess könnte 2020 beginnen.

Gesine Schwan.
Gesine Schwan.Foto: Vavara Smirnova

Schon 2018 hat sich die Stadt Potsdam mit 60 weiteren deutschen Städten und Gemeinden zum „Sicheren Hafen“ erklärt und sich mit der Initiative Seebrücke und der zivilen Seenotrettung solidarisiert. Flüchtlinge, das ist die Botschaft des Bündnisses, sind willkommen.

Die Crew der „Iuventa“ ist der zweite Preisträger des alle zwei Jahre ausgelobten Dortu-Preises, zu dem eine 20 Zentimeter große Skulptur aus Zinn gehört. Sie ist ein Werk des Potsdamer Künstlers Marcus Golter und soll den Drang nach Freiheit und Befreiung symbolisieren. Erster Preisträger war 2017 der Grünen-Politiker Christian Ströbele.

Namensgeber der Auszeichnung ist Johann Ludwig Maximilian Dortu, einst ein brillanter Redner auf Kundgebungen in der Stadt und einer der populärsten Demokraten der 1848er-Revolution. 1849 wurde er zum Tode verurteilt und hingerichtet.