• Ausstellung in den Römischen Bädern: Es ist angerichtet

Ausstellung in den Römischen Bädern : Es ist angerichtet

Eine Schau der Schlösserstiftung zeigt kostbares Geschirr in den Römischen Bädern, auch aus privaten Haushalten.

Frühstück mit Aussicht. Das „Déjeuner“, KPM-Geschirr für zwei Personen, ist eine Leihgabe von Schloss Charlottenburg. Es wurde um 1820 für Graf Alexei Andrejewitsch Araktschejew gefertigt. Der ließ hübsche Ansichten seines Gutes darauf malen und wurde fortan täglich beim Frühstück an seine Besitztümer erinnert.
Frühstück mit Aussicht. Das „Déjeuner“, KPM-Geschirr für zwei Personen, ist eine Leihgabe von Schloss Charlottenburg. Es wurde um...Fotos: Andreas Klaer

Potsdam - Essen und trinken muss jeder. Der König freilich tat es ein wenig vornehmer und üppiger als seine Untertanen. 2018, hundert Jahre nach Abdankung des deutschen Kaisers, lautet jetzt das Motto des Europäischen Kulturerbes „A Place at the Royal Table“, ein Platz an der königlichen Tafel. Die Schlösserstiftung hat das Motto aufgegriffen. „Tischlein deck dich“ heißt eine Ausstellung, die ab sofort in den Römischen Bädern zu sehen ist. In der Ausstellung über die historische höfische Tischkultur wird ausgewähltes Geschirr aus dem Depot der Schlösserstiftung gezeigt. Im Mittelpunkt stehen allerdings Objekte aus privaten Haushalten, Geschirr und Besteck von der Teekanne bis zur Kuchenplatte.

Auf einen Aufruf der Schlösserstiftung vor wenigen Monaten hatte sich zunächst kaum einer mit einer Leihgabe gemeldet. Dann aber sei man mit Angeboten förmlich überrannt worden, sagte zur Eröffnung am gestrigen Freitag Bianca Merz, stellvertretende Schlossbereichsleiterin. Ausgewählt wurden letztlich 60 Exponate aus vier Jahrzehnten, die geschützt in Vitrinen ausgestellt werden. Jedes ist mit einem Steckbrief versehen, der die Herkunft und Besonderheiten erklärt, den abgekürzten Namen des Besitzers und dessen Geschichte zum Geschirr erzählt.

Marmeladentöpfchen mit einer Arie bezahlt

Die vom Marmeladentöpfchen, eine filigrane Arbeit aus französischem Porzellan mit Blumendekor und Schmetterlingsflügeln als Griff am Deckel, beginnt in Venedig. Gisela B. verhandelte gerade mit dem Verkäufer auf dem Markusplatz, als ihre Freundin, eine Opernsängerin, eine Arie aus „La Traviata“ zu singen begann. Das habe das Herz des Händlers erweicht und den Preis gedrückt, erinnert sich die Besitzerin.

Von Andreas Kalesse, Potsdams ehemaligem Chef-Denkmalpfleger, stammen acht Mokkatassen, zartes Porzellan mit Teilvergoldung, dazu Kaffeekanne, Sahne- und Zuckergefäß. Das „Sammelsurium“ habe er von seiner Oma aus Vorpommern geerbt. Jetzt steht es in einem Berliner Wohnzimmer. Als Kind dufte er es nie benutzen, als Erwachsener will er es nicht benutzen, erzählt Kalesse. „Das ist einfach zu kostbar. Ich finde es putzig, so wie es in der Vitrine steht.“ Eine ganz andere Geschichte steckt in einer verbeulten Metallschüssel, die ein Potsdamer 1994 im ehemaligen KGB-Gefängnis in er Leistikowstraße fand. Ein Prägestempel datiert das Gefäß auf das Jahr 1952, damals müssen russischen Soldaten daraus gegessen haben. Sehr modern ist das Teeservice aus dem Jahr 1990, Abschlussarbeit eines Porzellandesigners. Das älteste Exponat ist ein dreibeiniges tönernes Kochgefäß aus dem 18. Jahrhundert, einst gefunden in der Schopenhauerstraße. Überraschend praktisch scheint eine Kakaokanne, Porzellan mit Rosendekor und Goldrand, zu der es einen Deckel mit integriertem Sieb gibt – damit die Haut der heißen Milch nicht in der Tasse landete.

Höfische Tischkultur

Von vornehmen Tischgesellschaften erzählen die Messerbänkchen aus dem Haushalt von Eduard Eylert. Als Kind habe er die kleinen versilberten Messingteile allerdings lieber aneinander gekettet und damit Eisenbahn gespielt, sagt Eylert. „Das durften wir Kinder damals. Und sie haben später auch alle Umzüge überstanden.“

In der Ausstellung wird zudem von der Potsdamer Kunstschule gefertigtes Tafelgeschirr gezeigt und mehrere Filme, die sich vor allem mit der höfischen Tischkultur beschäftigen. So wird unter anderem der Unterschied zwischen der französischen Art zu speisen – Selbstbedienung von Platten und aus Terrinen, und russischem Service, wenn der gefüllte Teller dem Gast gebracht wird, erklärt. Bei Hofe war damals beides üblich, die russische Variante ließ allerdings mehr Platz auf dem Tisch für Schmuck, Vasen, Figuren oder höchst angesagte Arrangements mit kleinen Tischbrunnen.

„Friedrich der Große mochte seinen Kaffee mit zwei Teelöffeln Senfpulver“

Wie sich jene berühmte Tafelrunde von Sanssouci abgespielt haben könnte, zeigt ein Film, den die Schüler einer Willkommensklasse der Da-Vinci-Schule produzierten. Zuvor wurde viel über Essen gesprochen, ein tolles Thema, das alle Kulturen und Länder verbindet und bei dem man gut Vokabeln lernen kann, sagt Lehrerin Kerstin Richter. Dann wurde unter Leitung der Potsdamer Schauspielerin Simone Kabst, die ihre Klassenpatin ist, in der Museumswerkstatt die Tafelrunde nachgespielt und gedreht. Die Teenager waren begeistert. „Friedrich der Große mochte seinen Kaffee mit zwei Teelöffeln Senfpulver“, sagt ein Junge amüsiert.

Bis Ende Oktober ist die Ausstellung zu sehen, dazu gibt es ein umfängliches Rahmenprogramm mit Tischgesprächen und Mitmachaktionen. So kann man das feine Tischdecken und die hohe Technik des Serviettenfaltens lernen. Wer zu Hause eigene Geschirrschätze hat, kann für die Pinnwand eine „Tisch-Geschichte“ aufschreiben. Am heutigen Samstag von 11 bis 17 Uhr lädt die Kunstschule ein zum Gestalten von eigenem Geschirr – auf feinem Pappmaschee.

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