• Ausbildungsplätze in Potsdam: Viel weniger Praktika wegen Corona

Ausbildungsplätze in Potsdam : Viel weniger Praktika wegen Corona

Wirtschaftskammern und Unternehmen werben jetzt wieder um Nachwuchskräfte und setzen dabei auf Formate wie Speeddating.

Auch die Friseurgenossenschaft Cut & Care mit acht Salons in Potsdam war an der Steuben-Schule auf Azubisuche. 
Auch die Friseurgenossenschaft Cut & Care mit acht Salons in Potsdam war an der Steuben-Schule auf Azubisuche. Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Nach dem Wortwechsel geht’s an die Mauer: Ein Mini-Mauerstück steht auf dem Tisch in der Aula der Steuben-Gesamtschule im Kirchsteigfeld, an dem Maurermeister Sven Fitze vom Potsdamer Baubetrieb T. Fiebig beim Azubi-Speeddating mit Interessierten ins Gespräch kommt. Fitze zieht sich einen Handschuh über, knetet etwas Fugenmörtel in der Hand, nimmt dann mit der Fugenkelle etwas ab, drückt es in die Fuge und verstreicht es glatt. 

Beim Profi sieht das einfach aus. Neuntklässler Destiny braucht ein paar Anläufe, bis seine erste Fuge sitzt. Was er später einmal machen will, wenn es mit dem Traum von der Fußballerkarriere nichts wird, weiß der Schüler noch nicht. Deswegen ist er hier, hört sich um und probiert. „Ich finde gut, wenn man Dinge direkt sieht.“ 

18 Betriebe waren beim Speeddating dabei 

Der Termin am Mittwoch war nach längerer Corona-Pause das erste Speeddating der Handwerkskammer Potsdam (HWK), wie Hauptgeschäftsführer Ralph Bührig den PNN sagte. 18 Betriebe und rund 180 Schüler:innen waren dabei. Solche Angebote seien für die Berufsorientierung jetzt besonders wichtig, betonte Steuben-Schulleiter Thomas Andrä. Denn pandemiebedingt seien deutlich weniger Betriebspraktika verfügbar, berichtet er: Hätten vor Corona regelmäßig fast 100 Prozent der Steuben-Schüler:innen einen Praktikumsbetrieb gefunden, waren es in diesem Schuljahr nicht einmal die Hälfte. 

Gesunde Ernährung und Klimaschutz 

Das Hineinschnuppern in mögliche Berufsfelder sei aber wichtig – und biete eine bessere Grundlage für die Berufswahl als nur Ratschläge aus der Familie, sagt Andrä. So erfahren Schülerinnen und Schülern, welche Perspektiven es überhaupt gibt. Ähnlich sieht es auch HWK-Chef Bührig: „Wenn man junge Menschen nach zehn Handwerksberufen fragt, kommen viele schon in Schwierigkeiten.“ 

Im Handwerk gehe es um zeitgemäße Themen wie gesunde Ernährung, Nachhaltigkeit und den klimagerechten Umbau, betont Bührig. Durch das Ergreifen eines entsprechenden Berufs könnten die Jugendlichen ihren Teil dazu leisten. 

Viele Stellen sind frei geblieben 

Fachkräfte- und Nachwuchsmangel beschäftigt die Betriebe schon seit langem. Dabei gab es für die Handwerkskammer im vergangenen Jahr sogar einen Lichtblick, wie Bührig sagt: Mit mehr als 1300 neuen Ausbildungsverträgen sei ein Zehnjahreshoch erreicht worden. Trotzdem sind auch viele Stellen frei geblieben. 882 waren es im vergangenen Jahr im Kammerbezirk, der sich über Westbrandenburg erstreckt. In Potsdam gibt es aktuell 121 freie Ausbildungsstellen, in Potsdam-Mittelmark 246, wie HWK-Sprecherin Ines Weitermann auf PNN-Anfrage sagte. Besonders groß sei das Problem bei den Kraftfahrzeugmechatronikern, Elektronikern, Anlagenmechanikern für Sanitär-, Heizung- und Klimatechnik, Metallbauern und Friseuren.

Auch die Unternehmen der Industrie- und Handelskammer Potsdam (IHK) haben Schwierigkeiten, Nachwuchs zu finden: Aktuell sind 1122 Ausbildungsplätze im Kammerbezirk unbesetzt, wie IHK-Bildungschef Wolfgang Spieß den PNN sagte. Darunter 113 Plätze für Kaufmänner/Kauffrauen im Einzelhandel, 88 für Fachkräfte in der Lagerlogistik und 62 für angehende Industriemechaniker. Die Pandemie habe sich auf die Nachfrage insbesondere in der Gastronomie, Hotellerie sowie der Veranstaltungsbranche negativ ausgewirkt: Aus Angst vor neuen Schließungen gebe es weniger Interesse von möglichen Azubis.

Generell seien durch Corona viele Betriebspraktika weggefallen, bestätigt auch Spieß. Die IHK setzt nun wieder auf Aktionen an Orten, wo Jugendliche sind: Vom 4. bis 8. April sind Schulhofaktionen geplant, vom 4. bis 6. Juli eine Freibädertour in Potsdam. 

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Nicht nur auf Akademisierung setzen 

Aktiv auf junge Leute zugehen und freie Ausbildungsstellen an die Kammern zu melden, damit sie in die digitalen Ausbildungsbörsen aufgenommen werden, dazu raten sowohl HWK als auch IHK ihren Mitgliedsunternehmen auf Azubisuche. Beide Kammern fordern auch eine gesellschaftliche Gleichstellung von beruflicher Bildung und Studium. Man dürfe nicht nur auf Akademisierung setzen, die berufliche Bildung müsse als gleichwertig betrachtet werden, mahnt Wolfgang Spieß. 

HWK-Sprecherin Ines Weitermann spricht sich für eine Berufsorientierung auch in der gymnasialen Oberstufe und mehr Kooperationen zwischen Handwerk und Gymnasien aus. Gerade in ländlichen Regionen sei zudem der ÖPNV ein großes Problem und müsse dringend ausgebaut werden, so die Sprecherin – Azubi kämen oft nicht ohne Auto zur Ausbildungsstelle.

Welche Hürden es bei der Nachwuchssuche gibt, weiß auch Maurermeister Thomas Fitze. Obwohl die Baubranche mittlerweile viel besser sei als ihr Ruf, gebe es bei Eltern mitunter Vorurteile. Manchmal kommen andere Faktoren erschwerend hinzu: So habe die Firma einen Interessierten nach einem Vorpraktikum wieder verloren, obwohl er an der Arbeit selbst viel Freude gehabt habe. Allerdings dauerte sein Anfahrtsweg von Groß Glienicke zur Baustelle in Berlin mehr als anderthalb Stunden. Das sei mit heutigen Vorstellungen von Work-Life-Balance nicht vereinbar. „Er hat was anderes gefunden.“

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