• Junger Geflüchteter aus Afghanistan macht in Potsdam sein Abitur

Aus Afghanistan nach Deutschland : Nach drei Jahren zum Abitur

Tariq Khan Shinwari kam als Geflüchteter nach Potsdam. Nun hat er an der Marienschule sein Abitur gemacht und will er studieren.

Der 19-jährige Afghane Tariq Khan Shinwari hat sich an zwei Universitäten in Potsdam und Berlin beworben.
Der 19-jährige Afghane Tariq Khan Shinwari hat sich an zwei Universitäten in Potsdam und Berlin beworben.Foto: Andreas Klaer

Potsdam - Über den Iran, die Türkei, Bulgarien, Serbien und Ungarn floh Tariq Khan Shinwari 2016 von Afghanistan bis nach Deutschland. Das war 2016. Bei seiner Ankunft sprach der damals 16-Jährige kein Wort Deutsch. Diesen Sommer, drei Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland, hat Shinwari an der Katholischen Marienschule in Potsdam sein Abitur gemacht – mit einem Schnitt von 1,9. In einem Café in der Potsdamer Innenstadt erzählt der mittlerweile 19-Jährige von seinem Werdegang. Er spricht fast akzent- und fehlerfrei Deutsch. Souverän und selbstbewusst berichtet er von seinen Plänen.

Derzeit laufen seine Bewerbungen für ein Jura-Studium an der Uni Potsdam sowie für ein Betriebswirtschaftsstudium an der Berliner Humboldt-Universität. Sollte er sowohl in Potsdam als auch in Berlin angenommen werden, würde er auch erstmal beides studieren, sagt Shinwari. „Ich finde beides extrem interessant.“ Der junge Mann ist in Deutschland angekommen, hat viele Kontakte und fühlt sich sichtlich wohl. Dabei waren die Flucht und seine Anfänge in Deutschland nicht gerade einfach. „Es ist schöner, wenn man in seiner Heimat bleiben kann“, meint Shinwari. Wenn die Umstände das Leben dort aber zu gefährlich machen, sei das nicht möglich.

Einer Explosion nur knapp entkommen

In der afghanischen Provinz Nangarhar im Osten des Landes, an der Grenze zu Pakistan, lebte er mit seiner Familie. Schießereien und Anschläge, die durch die Taliban verübt werden, seien dort fast schon Alltag. „Es ist Wahnsinn, das als Kind zu erleben.“ Einmal entkam Shinwari auf dem Rückweg vom Mathe-Nachhilfe-Unterricht selbst nur knapp einer Explosion. Nur Minuten später sei er selbst am Anschlagsort vorbeigekommen. Überall hätten Leichen gelegen. „So etwas bekommt man fast jeden Tag mit.“ Den Nachhilfeunterricht gab er nach diesem Erlebnis auf. Aus Sicherheitsgründen zogen er und seine Familie irgendwann in die nächstgrößere Stadt Dschalalabad.

Die Situation in Afghanistan brachte ihn schließlich dazu, sein Heimatland zu verlassen. „Ich bin geflohen, weil mein Leben in Gefahr war.“ Alleine, ohne seine Familie, machte er sich auf den Weg. Dieser sei gefährlich gewesen, große Strecken habe er zu Fuß zurückgelegt, erzählt Shinwari. Ab Ungarn ging es dann mit dem Auto weiter. Insgesamt drei Monate war er unterwegs.

Angekommen in Deutschland verbrachte er die ersten drei Wochen ins bayerische Passau und kam anschließend in die mittelmärkische Kreisstadt Bad Belzig, wo er noch heute wohnt. Irgendwann nahm er in Caputh bei einer Lehrerin, die eigentlich an der Potsdamer Marienschule arbeitet, Deutschunterricht. Über sie kam er schließlich zum Potsdamer Gymnasium und dort in die zehnte Klasse.

Enge Kooperation mit Flüchtlingshilfe

Neben ihm hat dieses Jahr auch ein syrischer Mitschüler, der im selben Jahr wie Shinwari nach Deutschland gekommen ist, an der Marienschule Abitur gemacht, wie Thomas Rathmann, der Schulleiter des Gymnasiums, berichtet. Die Marienschule sei in einer engen Kooperation mit der Flüchtlingshilfe Babelsberg, die er mitgegründet hat. Wichtig sei es der Marienschule, geflüchtete Kinder und Jugendliche offen zu empfangen, so der Schulleiter. Das hat auch Shinwari so erlebt. „In der Schule habe ich mich willkommen gefühlt", sagt der Abiturient. Integration sei ein reziproker Prozess, weiß er. „Man muss den Menschen das Gefühl geben, dass sie hierhergehören.“

Trotz herzlichem Empfang: „Am Anfang war es wahnsinnig schwer“, erinnert sich der 19-Jährige. Vor allem, weil seine Familie, die in der Heimat geblieben ist und mit der er in regelmäßigem Kontakt steht, ihm fehlt. Schnell lernte Shinwari, der insgesamt fünf Sprachen spricht, aber Deutsch und knüpfte Kontakte. Zu Anfangs lautete sein Ziel „Hauptsache bestehen“, erzählt er. Irgendwann half er in Fächern wie Mathe sogar anderen Schülern. Er komme aus einer Familie, in der die meisten studiert haben und sei außerdem sprachbegabt, erklärt er. Wie sehr er sprachlich angekommen ist, wird deutlich, als er von seiner Familie spricht: „Vom Vater hab“ ich die Statur. (…) Vom Mütterchen die Frohnatur“, zitiert der 19-Jährige Johann Wolfgang von Goethe.

Auf die Zukunft kommt es an

Mit seiner Fluchtgeschichte und seiner ersten Zeit in Deutschland möchte sich Shinwari aber eigentlich gar nicht mehr so sehr befassen. Ihm kommt es auf die Zukunft an. Auch darüber, welche Bedeutung die Einwanderung für Deutschland hat, macht er sich Gedanken. „Die Gesellschaft altert“, sagt er. Viele Menschen in der Arbeitswelt würden fehlen. Diese Lücke könne man mit Geflüchteten schließen. Außerdem würden viele von ihnen schließlich nicht zu Hause sitzen, sondern arbeiten wollen.

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Für die Zukunft hofft Shinwari, dass seine Familie oder zumindest einige von ihnen nachkommen, vor allem seine sechs Geschwister. Erstmal stürzt er sich nun aber mit seinem anstehenden Studium in die Arbeit. Später könne er sich vorstellen, in der Diplomatie zu arbeiten. Schließlich kenne er sich mit dem persischen Gebiet gut aus, sagt er. Und nun auch mit Deutschland und Europa. „Ich lebe von beiden Kulturen etwas.“